Misanthropenwald

Archive for August 2009

Sozialistische Verhältnisse

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Wolfgang Röger, der amtierende Bürgermeister von Lohmar im Rhein-Sieg-Kreis, ist im Amt bestätigt worden – mit 84,7 Prozent der Stimmen. Den Sieg des CDU-Manns hat aber zu großen Teilen die SPD zu verantworten.

Von Wahlfälschung bei den Lohmarer Bürgermeisterwahlen kann und wird trotz 84,7 Prozent für den amtierenden CDU-Bürgermeister Wolfgang Röger in den nächsten Tagen nichts zu hören sein. Zumal in der Lohmarer Politik ein Abdullah Abdullah oder – regional angepasst – ein Hans-Herbert Hans-Herbert fehlt, der seinem direkten Gegenkandidaten ernsthafte Vorwürfe machen könnte.

Das soll nicht heißen, dass es gar keine direkten Gegenkandidaten gegeben hätte – Ralf Kurtsiefer (Die Linke) kam auf 8,3 Prozent und Hans-Albrecht Oel von der rechten Partei für Volksabstimmungen hat die Volksabstimmung um das Bürgermeisteramt vergeigt und nur 7 Prozent der Stimmen erhalten.

Und nun? Höre ich da vielleicht jemanden ganz kleinlaut „SPD?“ fragen? Ja? Selbst wenn nicht, ich antworte trotzdem: Die SPD hatte keinen eigenen Bürgermeisterkandidaten. Und nein, die SPD war bisher in keiner großen Koalition mit der CDU an der Macht. Die große deutsche Volkspartei SPD hatte schlicht weg keinen eigenen Kandidaten. Trotz Opposition.

Die Lohmarer SPD ist oder war (wer weiß es schon genau?) zerstritten. 2005 traten zwei Kandidaten aus der Fraktion aus, nahmen ihre Sitze im Rat mit und gründeten die Sozialen Demokraten. 2008 traten sie der Linken bei und irgendwie – mir kommt das bekannt vor. Aber ganz so sklavisch hielten sich die Lohmarer nicht an das Beispiel auf Bundesebene: Nur ein halbes Jahr nach dem Eintritt kam der Austritt aus der Linken. Unüberbrückbare Differenzen. Der am häufigsten angegebene Scheidungsgrund.
Vielleicht wollte ja auf Grund dieser Querelen niemand für die SPD kandidieren. Wer weiß, ob die Fraktion sich nicht zwischenzeitlich aufgelöst hätte? Vielleicht wollte aber einfach keiner verlieren.

Denn, das muss man wohl anerkennen, Röger hat keine schlechte Arbeit geleistet. Ortsumgehung und neu gestaltete „Innenstadt“, Lohmarer Höfe, wenn auch in abgespeckter Form, aber immerhin, der Abriss der Lagerhallen und dadurch neues Bauland. Nicht schlecht. Zu großen Teilen sind die Erfolge aber auch Werk des Koalitionspartner, der Grünen. Die, ohnehin schon zweitstärkste Kraft gewesen, haben ihr Ergebnis um 4,3 Prozentpunkte auf 29,7 Prozent verbessert und Lohmar damit entgültig zu ihrer Hochburg im Kreis gemacht.

Aber auch starke Grüne, die sich im Vorraus dafür ausgesprochen haben, die etwas kurios anmutene Koalition mit der CDU weiter zu führen, rechtfertigen keine 84,7 Prozent für den gemeinsamen Kandidaten Röger.

Die SPD ist von 21,03 Prozent im Jahre 2004 auf 14,9 Prozent gestürzt. Ob das mit einem eigenen Kandidaten auch passiert wäre, bezweifel ich. So aber stellten sich die Sozialdemokraten schon vor der Wahl als die kommenden Verlierer dar (man bedenke die zwar kreativen aber dennoch misslungenen Wahlplakate) und konnten als stärkste Oppositions- und ja eigentlich auch Volkspartei -ich glaube, ich sagte es bereits – keinen eigenen Bürgermeisterkandidaten präsentieren.

Kein Wunder also, dass es zu solchen sozialistischen Verhältnissen von 84,7 Prozent für Röger kommen konnte. Es wie er selbst allerdings als „großes Kompliment der Bürger“ aufzufassen, ist überheblich. Mindestens 30 Prozentpunkte waren Alternativlosigkeit.

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Written by Achja

31. August 2009 at 18:23

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Untypische Wahlen

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Immer dann, wenn eigentlich alles gesagt ist, pusten sie noch ihr sinn- und gedankenfreies Geschwätz in den Äther und aalen sich dabei in ihrer eigenen Selbstherrlichkeit: „Experten“.

Im sogenannten „Superwahljahr“, das ja vor Kommunalwahlen, Europawahlen, Landtagswahlen und Bundestagswahlen nur so spritzt, ätzen diese Geschöpfe besonders unangenehm; kommen doch auf jeden, der wirklich Ahnung hat, mindestens zwei dieser wichtigtuerischen Rumsülzer. Vor wenigen Wochen noch Terror-, Afghanistan-, USA-, Nahost-, Abwrackprämien- oder – gottbewahre! – Finanz-Experte, schult das Pack rasch um auf Wahl-Experte.

Und sammelt sich vor, während und nach jeder Superwahl des Superwahljahres in unseren Zeitungen und drängelt sich vor Fernsehkameras, um ihr hohles Geschwätz quotengierend in die Köpfe des dummen Konsumenten zu hämmern. Von diesem Geschmeiß nicht verschont blieben daher auch die gestrigen Landtagswahlen (Die NRW-Kommunalwahl wird da gerne mal unter den Tisch fallen gelassen, denn kommunal ist wurschtegal, nich‘?), in deren Vorfeld schon die dicksten Dinger losgelassen wurden; Heißluft in einer Menge rausgepustet, mit der man Luftschiffe für eine Zeppelinkette von Erfurt nach Lakehurst hätte füllen können.

Diese Landtagswahlen seien ja etwas ganz besonderes, weil alle drei Bundesländer ach so „untypisch“ seien, denn was dem Experten nicht in sein standardisiertes Wahlschablönchen passt, ist untypisch, so eben auch die drei Bundesländer. Sachsen und Thüringen sind, klar, ohnehin noch DDR, da gelten ganz andere Gesetze (da kann man mal sehen, dass die Mauer in den Köpfen eine ganze Reihe Synapsenverbindungen blockiert) und das Saarland war ja schon immer das lustige kleine Kasperle der Bundesrepublik, denn: Wer als Wessi die Linke wählt, der kann nicht normal sein.

Und während alle typischen Bundesländer auf die drei mißgebildeten Opferländer schauen, weil die Landtagswahlen ja ein Signal für die Bundestagswahl sein sollen, trotz Unnormalität, und nun die heiße Phase des Wahlkampfs beginne (als ob sich da noch viel ändert, aber man muss halt etwas rumschwätzen, um die Zeit zur ersten Hochrechnung zu überbrücken), staunen die selbsternannten und/oder hochstilisierten Experten nicht schlecht, ob des Wirrwarrs, was die untypischen Wähler da zusammengewählt haben.

Weil da niemand sagen kann, was das denn nu‘ für die Bundestagswahl genau bedeutet, schmeißt man sich lieber auf das einfachere Thema und konstruiert sich anhand von ersten Hochrechnungen mögliche Koalitionen und möglichst lustige noch dazu. Da sieht in Thüringen, nach Althaus‘ zweitem großen Aufprall, der eine schon rot-rot-grün an der Macht und den, igittigitt!, Sozialismus auf dem Vormarsch und der andere trötet ein fröhliches „Jamaika!“ in die Runde.

Bei all dem gar lust’gen Blödsinn baut aber niemand gedanklich an einer schwarz-dunkelroten Superregierung in Sachsen oder gar an einer rot-rot-grün-gelb-braunen kunterbunten Malkastenkoalition (wobei ich mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen will), denn hier sind sich alle einig, Experten wie „Experten“: Schlafwandler Tillich bleibt MiniPrä und tauscht die SPD gegen die FDP aus. Da bliebe ein gehässiger Kommentar von mir zur SPD eigentlich nicht aus, aber über die Toten redet man nicht schlecht.

Nur bei einer Partei winden sich die Überdemokraten aus den typischen Bundesländern wie Aale, nämlich bei der ultragefährlichen, demokratiezersetzenden NPD, deren Fraktion sich während der letzten untypischen Landtagswahl selbst halbiert hat und nie irgendetwas auf die Beine bekommen hat, aber man wird ja wohl noch Angst vor dem Faschismus haben dürfen, wenn einen der Sozialismus als Schreckgespenst nicht ausreicht. Die brandgefährliche NPD habe jetzt eine „Stammwählerschaft“ (SPON, denn jeder darf ja mal), also bleibt die NPD wohl im sächsischen Landtag. Auf ewig. Natürlich könnte man sagen, dass schlicht nicht alle Protestwähler von der Protestpartei NPD zur Protestpartei Die Linke gewechselt sind, aber da läuft einem nicht so schön der Grusel über den Rücken, denkt man an kommende Landtagswahlen in ähnlich untypischen Bundesländern, wie Meck-Pomm oder Sachs-Anh.

Und wenn die Landtagswahlen jetzt den Turboschnarchwahlkampf eröffnet haben, werden wir von dem Schwatzgesindel spätestens in vier Wochen wieder hören, wenn es zur Bundestagswahl kommt. Der wohl untypischsten aller Zeiten.

Written by Quax

31. August 2009 at 13:28

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Auf Wahlfang

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In meinem Briefkasten landet in diesen Tagen viel Wahlwerbung. Manche Parteien stellen in ihren Flyern ihre Programme und Ziele vor, andere geben sich und ihre Kandidaten freiwillig der Lächerlichkeit preis.

Neuigkeit: Die Kommunalwahlen stehen an! Am Sonntag geht’s los! Bis 18 Uhr herrscht überall Hullygully, danach kommt der Höhepunkt: Eine Wahlparty jagt die andere, Vati säuft sich das Ergebnis schön, Mutti den Bürgermeister – und die Jugend? Macht nicht mit. War ja nicht wählen.

Um das zu verhindern, legen sich die Parteien ins Zeug und versuchen mit schmierigen Postwurfsendungen, Erstwähler abzugreifen. Auch ich erhalte solche Briefchen und Flyer – kurios, sollten die Wahlkämpfer doch eigentlich wissen, dass ich gar kein Erstwähler mehr bin. Ein Blick in die Statistik des Einwohnermeldeamts genügt.

Die Wahlwerbung, über die ich mich am meisten gefreut habe, ist die der CDU. Sie ist so unverholen und schlecht, dass es eine wahre Freude ist. Neben dem gewohnt nichtssagenden Slogan („Schaffen wir“) und dem recht professionellen Grinsen des Bürgermeisters, erwartet mich als vermeindlicher Erstwähler ein Schreiben „(M)einer jungen Kandidaten für den Stadtrat“.

Das sind sie:

Meine jungen Kreistagskandidaten (Foto: JU Lohmar)

Foto: JU Lohmar

Hier überbieten sich Seriösität und Dynamik gegenseitig – aber mal im Ernst: Das Foto, das in einem der Flyer abgedruckt war, zeigt tatsächlich wählbare Kandidaten für Kreistag und Stadtrat! Werbespruch: „Wir packen’s an“.  Na Logo! Mit dem dynamisch-jugendlichem Auslassungszeichen eh‘.

Doch des Wahlkampfs nicht genug, jetzt beginnt der Wahlfang:

Mitgliedsantrag (abfotografiert)

Mitgliedsantrag (abfotografiert)

Diesen Blanko-Mitgliedsbeitrag bekam der gemeine Erstwähler sozusagen gratis obendrauf. Nur noch Namen und Adresse eintragen und ab in die Post. Es fehlen wohl noch ein paar junge, dynamische JUler mit besonderen Skills im Faustballen.

Written by Achja

29. August 2009 at 14:43

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Zwanzig Jahre Witwe

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Der neunte November des Jahres 1989. Wendestimmung in Deutschland; die Berliner Mauer fiel. Ein Freudentag für ganz Europa. Nur nicht für die Schwedin Eija-Riitta. Denn an diesem Tag töteten Ostdeutsche ihren Mann.

Eija-Riitta Wallis Winther Arja Nikki Lee Eklöf, und ich möchte betonen, dass ich mir diesen Namen nicht ausgedacht habe, wurde am 20. März des schönen Jahres 1954 geboren. Am 17. Juni des noch schöneren Jahres 1979 ehelichte die Modellbauerin ihren Gatten.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Als Eija-Riitta ihren Zukünftigen zum ersten mal im Fernsehen sah, da war sie gerade einmal sieben junge Jahre alt – und doch wusste sie schon damals, dass dies der Mann ihrer Träume ist. Unaufhörlich sammelte sie Bilder von ihm, besuchte ihn mehrmals in Berlin. Bei ihrem sechsten Treffen läuteten dann die Hochzeitsglocken mit ihrem Liebsten.

Dieser wurde am 13. August 1961 in Berlin als Sohn von DDR-Staatschef Walter Ulbricht geboren. Sein Name: Berliner Mauer.

Die Mauer hatte eine schwere Kindheit, da sie kaum Freunde hatte und von Deutschen in Ost und West gleichermaßen gehasst wurde. Früh kam sie in Kontakt mit Waffen und Graffiti – Westdeutsche beschmierten sie mit üblen Parolen. Traumatisiert von diesen Ereignissen und enttäuscht von ihrem Vater Walter und dem Stiefvater Erich, der sie nie in den Arm genommen oder ihr seine Liebe gezeigt hätte, heiratete sie, noch minderjährig im Alter von 17, die Frau, die sie so akzeptierte, wie sie war – Eija-Riitta.

Eija-Riitta erklärte in einem Interview, warum sie ausgerechnet die Berliner Mauer geheiratet hat, sie fände lange, schlanke Dinge mit hotizontalen Linien sexy. Die chinesische Mauer sei zwar auch sehr attraktiv, aber zu dick.

Auch wenn sie nach der Eheschließung wieder ins heimatliche Schweden zurückkehrte, sei ihre Beziehung zu der Mauer eine besonders liebevolle gewesen.

Bis zu jenem Novembertag, an dem tausende Berliner im Schutze der Dunkelheit ihren Gemahl geradezu hinrichteten. Schreiend trampelten sie auf der Mauer herum, rissen geradezu tollwütig graue Brocken aus ihrem Leib heraus. Heute werden winzige Reste des Leichnahms als Souveniers an Touristen verkauft.

Die Verstümmelung ihres Gatten hat Eija-Riitta nicht ertragen können; bis zum heutigen Tag hat sie es nicht geschafft, sein Grab zu besuchen. Stattdessen verarbeitet sie ihre Trauer, indem sie Modelle der Liebe ihres Lebens aus glücklicheren Zeiten erschafft.

Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer scheint ihre Trauer zu bewältigen und ist bereit, eine neue Beziehung eingehen zu können: Ihre Zuneigung gilt nun einem jungen Gartenzaun.

(Quelle)

Written by Quax

21. August 2009 at 20:38

Veröffentlicht in Mischwald

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