Misanthropenwald

Archive for November 2009

Schmeißt die Hippies aus dem Hörsaal und smasht die BWLler

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Seit geraumer Zeit ist das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität München besetzt, aus Protest gegen Studiengebühren und Bildung. Nicht alle Studenten sind mit den Besetzern meinungskongruent, also lässt SPIEGEL ONLINE im Doppelinterview einen „konservativen Wirtschaftsstudenten“ gegen einen „linken Besetzer“ antreten.

Da echauffiert sich Ludwig Karl, Vertreter der Spießerpartei, dass der Protest für menschenwürdige Studienbedingungen auf dem Rücken der gar armen, unschuldigen VWL- und BWL-Studenten (und -tinnen, bzw. political correct: Studierende) ausgetragen wird:

Die Wirtschaftswissenschaftler sind besonders stark betroffen. […] Hier blockieren tagsüber 20 Leute die Vorlesungen von über tausend Wirtschaftswissenschaftlern.

Da kommen einem beinahe die Tränen – Abertausende Wirtschaftsstudenten (bzw. -tinnen, bzw. -dierende) werden von bis zu 20 [sic!, sic!] wahrscheinlich bis an die Zähne bewaffneten linksradikalen Randalemachern (Randalemacherinnen, Randalmachenden) in Schach gehalten. Und können sich nicht einfach in den Raum setzen und ihre Vorlesung hören, wie man die nächste Wirtschaftskrise effektiv vorbereitet.

Da wirft Alexander Münch, Vertreter der Kommunistischen Partei, ein:

Dass wir die Wirtschaftswissenschaftler als Druckmittel für bessere Bildung instrumentalisieren, stimmt nicht.

Doch, tut es und zwar völlig zu recht! Das Proletariat muss sich schließlich diejenigen bekämpfen, die viel haben und nicht die, die genauso wenig haben. Und auf des SPIEGELs Frage, warum man nicht einen Raum der Geistes- oder Kulturwissenschaften besetzt hält, antwortet Genosse Münch:

Ein anderer Raum hätte die Besetzung weit weniger brisant gemacht. Das Audimax ist der zentrale Platz unserer Uni. Er hat eine politische Symbolwirkung.

Da weint Herr Marx vor Glück im Grabe. Und man sieht sogleich, wie verkapitalisiert unser feines Humboldtsches Unisystem doch geworden ist, wenn das Großkapital den zentralen Platz in der Uni besetzt hält. Daher hängen auch Plakate im Hörsaal mit „Tod dem Kapital“ herum, sodass sich Bonze Karl in seiner marktliberalen Weltanschauung bedroht fühlt und

auch Plakat [sic!] mit den Worten „Smash BWLler“ hingen aus, die nicht zum Frieden zwischen Besetzern und Wirtschaftswissenschaftlern beitragen.

Ganz im Gegensatz zu friedensstiftenden Maßnahmen, wie der Gründung einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Bitte werft die Hippies aus dem Audimax der LMU!“, die voll und ganz zum Frieden zwischen Besatzern und Wirtschafts-„Wissenschaftlern“ beitragen.

Doch bevor es zu solchen kindlichen Trotzreaktionen kam (denn zu mehr als zur Gründung einer Gruppe im Internet scheint der stereotype konservative Student (usw. usf.) nicht in der Lage – er könnte ja zum Beispiel einen Hörsaal gegenbesetzen!), hat man – natürlich – versucht, den Hörsaal auf demokratischem Wege zu erobern. Doch die Abstimmung geriet zur DDResken Farce, weiß Ludwig „Adam Smith“ Karl zu berichten:

Am Dienstagabend kamen viele Wirtschaftswissenschaftler ins Audimax, um für den Kompromiss zu stimmen. Die Redeleitung zögerte eine Entscheidung bis 21 Uhr hinaus. Als dann über die Besetzung abgestimmt wurde, hatten die meisten Wirtschaftswissenschaftler, genervt von der Verzögerungstaktik, das Audimax bereits verlassen.

Für Bequemlichkeitsdemokraten ist im Hörsaal nunmal kein Platz, das ist ein raues Pflaster und wer zuerst geht, den bestraft das Leben. Wem die Börsennachrichten um neune wichtiger sind als seinen Hörsaal wiederzukriegen, der hat’s mit der Abstimmung wohl ohnehin nicht so ernst gemeint. Die Fünfte Kolonne Moskaus wirft den Spaßwissenschaftlern außerdem noch Rumpeldemokratie vor:

Was Ludwig (Karl) sagt, stimmt so nicht: Ein Teil der Wirtschaftsstudenten hatte vor, ins Audimax zu kommen und mit sofortiger Abstimmung ihren Hörsaal zurückzufordern.

Denn so geht’s ja nicht, einfach in die Besatzung platzen, rumpöbeln und dann mit Hörsaal wieder nach Hause gehen wollen!

Aber es herrscht ja nicht nur eitel Krieg zwischen den Weltanschauungen, denn Karls Ludwig ist durchaus einsichtig und stimmt Münchs Alexander in Puncto Studienzeit zu:

Ich finde auch, dass in manchen Fächern die Maximalstudienzeit ausgeweitet werden soll.

Solange nicht die Turbostudenten der deutschen Wirtschaft betroffen sind, nehme ich an. Denn beim Thema Geld hört für den Wirtschaftsmann der Spaß natürlich auf:

Studiengebühren sind gut, weil sie die Lehre verbessert haben und so manchen Platz von Endlosstudenten freigeräumt haben – sie sollten aber nicht bei sozial schwächeren erhoben werden

Ja, leck mich doch einen, wie haben Studiengebühren die Qualität der Lehre in kosmische Höhen geschossen! Schon allein, weil dieses faule Endlosstudentenpack (und -päckinnen und -packierende) ausgekegelt wurde! Aber bei sozial schwächeren keine Gebühren erheben ist okay, aus den armen Schluckern kann man ohnehin nichts mehr rauspressen. Dafür könnte man ihnen bei Fakultätsrats- und Astawahlen ja das Stimmrecht entziehen, damit’s an der Uni wieder gerecht zugeht. So ein Zensuswahlrecht ist schon was feines, nicht wahr?

Oder man lässt diese Nutznießer einfach an der verbesserten Lehre nicht teilhaben – also keine Tutorien für Arme, keine kostenlosen Kopien für Arme, keine Sitzplätze in überfüllten Räumen für Arme. Dann sind sie auch nicht im Weg, wenn die erste Liga der Studenten, die Wirtschaftspowerstudenten und künftigen Bankenchefs, steil die Karriereleiter nach oben studiert.

Doch erst, wenn das letzte Plakat abgerissen ist und das letzte Audimax geräumt wurde, werden sie merken, dass man Hörsäle nicht essen kann.

Es kommentierte dieses Interview von SPIEGEL ONLINE bewusst böswillig ein Student der unbesetzten Universität Mannheim.

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Written by Quax

29. November 2009 at 19:09

Mit den Großen spielen

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Die letzten Zweifel sind besiegt: Die Politik ist nun nicht mehr nur in wilden  Verschwörungstheorien und schwarzseherischen Fantasien Spielball der Wirtschaft, sie ist es ganz offensichtlich – Einmal Opel bitte.

Eine Milliarde Euro sieht so aus – 1 000 000 000 Euro – und klingt nach jeder Menge Kohle, richtig Asche. Gut, mittlerweile nicht mehr, eine Milliarde, was ist das schon nach einem Jahr Wirtschaftskrise?

Aber damit fing es mal an, mit eben dieser einen Milliarde Euro und noch ein, zwei Milliönchen mehr. Einen solchen Betrag wollte Opel gerne vom Staat garantiert haben, damals im November 2008. Der Konzern war damals in Schieflage geraten, wie es so schön heißt. Obwohl jeder Popel bekanntermaßen nen Opel fährt, ging es bergab, oder eben in Schieflage. Staat hilf!

Gerne doch, Opel eine Milliarde und ein, zwei Millönchen zu garantieren (und vielleicht sogar zu zahlen) klingt immerhin besser als knapp 30.000 arbeitslose Opelaner (wie heißen eigentlich Audi-Angestellte? Audisten? Autisten? Audilaner? Marsianer? Egal).

Opel will die Kohle nicht. Jedenfalls nicht so wenig. 3,3 Milliarden Euro is the new eine Milliarde. Man will sich nämlich abkoppeln von General Motors (GM), dem turbokapitalistischen Megaarsch und Corsa-Verächter, der Stellen streichen möchte. Lieber mit Vauxhall seinen eigenen Laden aufmachen und endlich coole Autos bauen.

Es gibt einen fertig durchgerechneten Rettungsplan für Opel. Und zwar von Opel selber. So viel Eigenständigkeit ist noch möglich.

Angie sagt dazu: „Joa.“ Aber auch nicht mehr.

GM sagt (diabolisch): „Muharhar.“

Denn so richtig Bock hatten die Detroiter wohl damals schon nicht, Opel an Fiat, Magna oder die „Heuschrecke“ (Münte) RHJ International zu verschachern. Opel will zu Magna, es manifestiert sich in den Köpfen der Deutschen und der Opelaner und wahrscheinlich auch in den großen, aderndurchzogenen Matschköpfen der Marsianer das Bild „Magna hui, GM Arschloch“.

Auch in den Köpfen der Regierung herrscht dieses einprägsame Bild vor. So sehr, dass sie sich eindeutig für Magna einsetzt, runterspielt, dass auch Angam, wie Magna rückwärts heißt, einige tausende Opelaner in die unendlichen Weiten der Arbeitslosigkeit schießen will und schließlich sogar – Obacht – Druck (!) auf GM ausübt. Und zwar wie? So? : „Wenn ihr nicht an Magna verkauft, dann schließen wir die Opelwerke in Deutschland!“ Nee, so nicht. Wahrscheinlich mit „Dann gibt’s halt keine Milliarden mehr.“ Der Druck ist jedenfalls so immens groß, dass das europäische Ausland rummault, weil deutsche Werke bevorzugt werden sollen. Egal, irgendwann haben sich alle geeinigt. Alle wollen Maoam. Quatsch, Opel. Auch falsch. Magna! Ja, Magna. GM soll die Grundsatzentscheidung (so heißt das nämlich) für an Magna verkaufen zu wollen übrigens mit einem blutroten Pentagramm unterzeichnet haben.

Alle sind glücklich. Nur Karl-Theobald Wilhelm Johann Sebastian Josef Habemus Papam Michael Schumacher zu Gttbrg. nicht. Der will zurücktreten. Insolvenz oder Tod. Oder so. Die Erwachsenen haben sich aber auf 1,5 Milliarden Euronen Bürgschaft geeinigt.

Mittlerweile, wir schreiben Juli 2009, um mal eine zeitliche Einordnung zu geben, ist GM aus der Insolvenz zurückgekehrt. Das muss man sich wohl so ähnlich wie Kur vorstellen, dem Laden geht’s wieder super. Mit frischen 36 Steuermilliardeneuro im Rücken würde es mir das übrigens auch. Nur mal so.

Deutschländ (We love Wagner) und die Länder wollen mittlerweile sogar 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften stellen. Aber nur wenn Opel an Angam (wir erinnern uns: Magna) geht. Die Heuschrecke RHJ will auch nochmal, wird aber abgelehnt. Mit Kapitalisten haben wir hier nix zu tun. Außer mit GM, aber deren Verwaltungsrat empfiehlt sogar selbst, Opel an Magna zu verkaufen.

Machen die aber nicht! Krasser Scheiß! Die behalten Opel einfach! Und wollen den Laden selbst wieder fitmachen. Quasi aus der Schieflage ins Gleichgewicht entlassen. Wer hätte das denn gedacht? Naja, faierweise sollten wir GM die 4,5 Milliarden Euro überweisen. Magna hätte die ja auch bekommen und Opelaner entlassen.

Eine weniger verlaberte Darstellung der Opel-Krise gibt’s beim Spiegel, der auch meine Quelle für diese verlaberte Darstellung ist.

Written by Achja

5. November 2009 at 22:02

Veröffentlicht in Polemik, Politik, Wirtschaft

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Schweinegrippe über alles

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H1N1 heißt das Virus der Saison. Das Virus, über das alle sprechen. Die größte Pandemie der Welt seit dem Wüten der Pest. Das sind zumindest die schlimmsten Befürchtungen. Die unschlimmsten Befürchtungen sprechen von einer harmlosen Grippe.

Wenn man sich unsicher ist, was man denn nun wegen der Schweinegrippe tun könnte, deren „Infektionen explodieren!“ (BILD, heutige Ausgabe), dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder geht man zu einem Arzt und lässt sich fachkundig beraten oder man schaut ins Internet. Dort ist die Sache klar. Wenn wir nicht an der Schweinegrippe sterben, sterben wir an der Impfung. Denn dank des herausragenden Kwalitätsjournalismus wissen wir nun, was die Freimaurer und Bilderberger vorhaben – sie wollen uns alle umbringen! Denn die Impfung zur „Schweinegrippe ist geplanter Genozid“, jawohl.

Doch bisher geht der Genozid in Deutschland eher schleppend voran; die meisten Bundesbürger wollen sich gar nicht impfen lassen, denn bisher hat sich die Schweinegrippe als harmloser als die stinknormale Grippe erwiesen. Doch sollte man die Pandemie unterschätzen? Gewiss nicht. Bereits 6 (in Worten: sechs!) Menschen sind an der Schweinegrippe gestorben, allein in Deutschland. Natürlich ist es um jedes dieser Menschenleben schade, aber bei jedem Unfall auf unseren Straßen sterben mehr Menschen. Wann kann man sich gegen Unfälle impfen lassen?

Die Schweinegrippe wird uns nicht nur körperliche Schmerzen bereiten, sondern auch das gesamte Internet lahm legen. Das befürchtet der US-Rechnungshof (und zeigt, dass geistiges Defizit nicht nur auf deutsche Behörden beschränkt ist). Wie man darauf kommt, ist klar: Sind viele Menschen krank, dann sind sie zu Hause. Und da langweilen sie sich und gehen ins Internet, z.B. auf Blogs oder twittern ihren Krankheitsverlauf („heute wieder nichts passiert“) hinaus in die Bedeutungslosigkeit des Netzes.

Doch was tun gegen die Pandemie? Am besten erstmal Händewaschen. Wie das geht, zeigt ein Anleitungsvideo von Unicef:

Ich wage es mal, die Behauptung aufzustellen, dass diejenigen Zivilisationen, in denen das Internet weite Verbreitung gefunden hat, bereits hinreichende Kenntnisse in der Kunst des Händewaschens besitzen. Aber das ist nur eine Vermutung.

Written by Quax

3. November 2009 at 15:03

Veröffentlicht in Mischwald, Polemik

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