Misanthropenwald

Schmeißt die Hippies aus dem Hörsaal und smasht die BWLler

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Seit geraumer Zeit ist das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität München besetzt, aus Protest gegen Studiengebühren und Bildung. Nicht alle Studenten sind mit den Besetzern meinungskongruent, also lässt SPIEGEL ONLINE im Doppelinterview einen „konservativen Wirtschaftsstudenten“ gegen einen „linken Besetzer“ antreten.

Da echauffiert sich Ludwig Karl, Vertreter der Spießerpartei, dass der Protest für menschenwürdige Studienbedingungen auf dem Rücken der gar armen, unschuldigen VWL- und BWL-Studenten (und -tinnen, bzw. political correct: Studierende) ausgetragen wird:

Die Wirtschaftswissenschaftler sind besonders stark betroffen. […] Hier blockieren tagsüber 20 Leute die Vorlesungen von über tausend Wirtschaftswissenschaftlern.

Da kommen einem beinahe die Tränen – Abertausende Wirtschaftsstudenten (bzw. -tinnen, bzw. -dierende) werden von bis zu 20 [sic!, sic!] wahrscheinlich bis an die Zähne bewaffneten linksradikalen Randalemachern (Randalemacherinnen, Randalmachenden) in Schach gehalten. Und können sich nicht einfach in den Raum setzen und ihre Vorlesung hören, wie man die nächste Wirtschaftskrise effektiv vorbereitet.

Da wirft Alexander Münch, Vertreter der Kommunistischen Partei, ein:

Dass wir die Wirtschaftswissenschaftler als Druckmittel für bessere Bildung instrumentalisieren, stimmt nicht.

Doch, tut es und zwar völlig zu recht! Das Proletariat muss sich schließlich diejenigen bekämpfen, die viel haben und nicht die, die genauso wenig haben. Und auf des SPIEGELs Frage, warum man nicht einen Raum der Geistes- oder Kulturwissenschaften besetzt hält, antwortet Genosse Münch:

Ein anderer Raum hätte die Besetzung weit weniger brisant gemacht. Das Audimax ist der zentrale Platz unserer Uni. Er hat eine politische Symbolwirkung.

Da weint Herr Marx vor Glück im Grabe. Und man sieht sogleich, wie verkapitalisiert unser feines Humboldtsches Unisystem doch geworden ist, wenn das Großkapital den zentralen Platz in der Uni besetzt hält. Daher hängen auch Plakate im Hörsaal mit „Tod dem Kapital“ herum, sodass sich Bonze Karl in seiner marktliberalen Weltanschauung bedroht fühlt und

auch Plakat [sic!] mit den Worten „Smash BWLler“ hingen aus, die nicht zum Frieden zwischen Besetzern und Wirtschaftswissenschaftlern beitragen.

Ganz im Gegensatz zu friedensstiftenden Maßnahmen, wie der Gründung einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Bitte werft die Hippies aus dem Audimax der LMU!“, die voll und ganz zum Frieden zwischen Besatzern und Wirtschafts-„Wissenschaftlern“ beitragen.

Doch bevor es zu solchen kindlichen Trotzreaktionen kam (denn zu mehr als zur Gründung einer Gruppe im Internet scheint der stereotype konservative Student (usw. usf.) nicht in der Lage – er könnte ja zum Beispiel einen Hörsaal gegenbesetzen!), hat man – natürlich – versucht, den Hörsaal auf demokratischem Wege zu erobern. Doch die Abstimmung geriet zur DDResken Farce, weiß Ludwig „Adam Smith“ Karl zu berichten:

Am Dienstagabend kamen viele Wirtschaftswissenschaftler ins Audimax, um für den Kompromiss zu stimmen. Die Redeleitung zögerte eine Entscheidung bis 21 Uhr hinaus. Als dann über die Besetzung abgestimmt wurde, hatten die meisten Wirtschaftswissenschaftler, genervt von der Verzögerungstaktik, das Audimax bereits verlassen.

Für Bequemlichkeitsdemokraten ist im Hörsaal nunmal kein Platz, das ist ein raues Pflaster und wer zuerst geht, den bestraft das Leben. Wem die Börsennachrichten um neune wichtiger sind als seinen Hörsaal wiederzukriegen, der hat’s mit der Abstimmung wohl ohnehin nicht so ernst gemeint. Die Fünfte Kolonne Moskaus wirft den Spaßwissenschaftlern außerdem noch Rumpeldemokratie vor:

Was Ludwig (Karl) sagt, stimmt so nicht: Ein Teil der Wirtschaftsstudenten hatte vor, ins Audimax zu kommen und mit sofortiger Abstimmung ihren Hörsaal zurückzufordern.

Denn so geht’s ja nicht, einfach in die Besatzung platzen, rumpöbeln und dann mit Hörsaal wieder nach Hause gehen wollen!

Aber es herrscht ja nicht nur eitel Krieg zwischen den Weltanschauungen, denn Karls Ludwig ist durchaus einsichtig und stimmt Münchs Alexander in Puncto Studienzeit zu:

Ich finde auch, dass in manchen Fächern die Maximalstudienzeit ausgeweitet werden soll.

Solange nicht die Turbostudenten der deutschen Wirtschaft betroffen sind, nehme ich an. Denn beim Thema Geld hört für den Wirtschaftsmann der Spaß natürlich auf:

Studiengebühren sind gut, weil sie die Lehre verbessert haben und so manchen Platz von Endlosstudenten freigeräumt haben – sie sollten aber nicht bei sozial schwächeren erhoben werden

Ja, leck mich doch einen, wie haben Studiengebühren die Qualität der Lehre in kosmische Höhen geschossen! Schon allein, weil dieses faule Endlosstudentenpack (und -päckinnen und -packierende) ausgekegelt wurde! Aber bei sozial schwächeren keine Gebühren erheben ist okay, aus den armen Schluckern kann man ohnehin nichts mehr rauspressen. Dafür könnte man ihnen bei Fakultätsrats- und Astawahlen ja das Stimmrecht entziehen, damit’s an der Uni wieder gerecht zugeht. So ein Zensuswahlrecht ist schon was feines, nicht wahr?

Oder man lässt diese Nutznießer einfach an der verbesserten Lehre nicht teilhaben – also keine Tutorien für Arme, keine kostenlosen Kopien für Arme, keine Sitzplätze in überfüllten Räumen für Arme. Dann sind sie auch nicht im Weg, wenn die erste Liga der Studenten, die Wirtschaftspowerstudenten und künftigen Bankenchefs, steil die Karriereleiter nach oben studiert.

Doch erst, wenn das letzte Plakat abgerissen ist und das letzte Audimax geräumt wurde, werden sie merken, dass man Hörsäle nicht essen kann.

Es kommentierte dieses Interview von SPIEGEL ONLINE bewusst böswillig ein Student der unbesetzten Universität Mannheim.

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Written by Quax

29. November 2009 um 19:09

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