Misanthropenwald

Archive for März 2010

Hurra, Mord!

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Wer an niedrigem Blutdruck leidet, dem empfehle ich zwanzig Minuten RTL Punkt Zwölf am Mittag. Ich spüre schon, wie mir die Kapillaren platzen! Ja ja, ich weiß: Auf den Privatsendern rumhacken ist ein alter Hut und deren „Nachrichten“(wenn wir sie mal so nennen wollen)-Sendungen auseinanderzunehmen ist bloßes einrennen von offenen Türen. Trotzdem!

Wo fange ich an? Vielleicht bei der willkürlichen Gesichtsverfremdung – anonymisiert wird nur, wer noch lebt oder nicht in den Knast wandert. Ein Familiendrama, bei dem der Vater seine Frau, seine Kinder und sich selbst erschossen hat? Da hat doch die Öffentlichkeit ein Recht drauf, zu wissen, wie deren Haus und die Familie aussieht! Können sich ja eh nicht mehr gegen die Veröffentlichung ihrer Bilder wehren! Zwei 18-jährige Vierfachmörder? Hey, wir haben deren Bilder von Facebook/Studi-/Schüler-VZ/Myspace geklaut. Denn was für Rechte haben schon Täter, die eh lebenslang bekommen haben und nie wieder ungesiebte Luft atmen werden? Und die Opfer erst! Seit wann haben Tote ein Recht auf Privatssphäre! Die können sich nicht wehren, die Angehörigen trauern/stehen unter Schock und haben andere Probleme, als sich darum zu kümmern. Opfer sind leichte Opfer.

Und zur gleichen Zeit steht der Livereporter vor dem Gerichtssaal und darf, hocherregt und tief betroffen, verkünden, welches Urteil gegen die Mörder verkündet wurde, während deren Bilder nochmal gezeigt werden. Und die der Opfer. Journalistische Sorgfaltspflicht, kann ja sein, dass der Michel die Gesichter schon wieder vergessen hat. Angekündigt werden solche Beiträge von der sehr betroffenen Moderatorin mit „diese Nachricht schockte ganz Deutschland/macht ganz Deutschland wütend:“ und dann kommt die Nachricht, über die sich das ganze Land echauffiert. Zum Beispiel die über die kleine Lena, die von ihrer Mutter nicht gefüttert wurde und verhungerte. Und weil man ja so hervorragend recherchiert: Fotos der Mutter und des Kindes! Weil: die Öffentlichkeit hat ja ein Recht drauf!!!, würde sich wohl die Meute rechtfertigen, früge man sie nach den Beweggründen. 

Und dass es die Öffentlichkeit interessiert, muss natürlich belegt werden, indem man den kleinen Mann von der Straße fragt.  Überraschend erhält man Kommentare, man sei „geschockt“ oder „fassungslos“ und nicht „hocherfreut“ und „sehr glücklich“, dass ein Kind verhungert ist. Welch Erkenntnisgewinn! Denn Volkes Meinung lässt sich wohl nicht besser zeigen, als wenn Volkes unfreiwillige Vertreter vor die versteckte Kamera gezerrt werden. Die bösen Tankstellen nämlich, die uns mit hohen Spritpreisen knechten (Feindbild wird aufgebaut), wollen uns, den gemeinen Deutschen, noch weiter abzocken (Feindbild mindestens auf Hitlerniveau)! Denn (Obacht!) sogar die Druckluft für zum Reifenaufpumpen soll bald Geld kosten (das ultimative Böse)! Und schon fragen sich die gelangweilten Arschlöcher Schelme bei RTL: Was lassen sich die Menschen (der gemeine deutsche Michel, wir erinnern uns, der Gute) denn noch gefallen? Also wird geschwind eine versteckte Kamera aufgebaut und ein Reporter zum Scheibenputzen verdonnert, für das er Geld eintreiben soll. Und während der Reporter den Autofahrern einer Tankstelle auf den Sack geht, steigt der eigene Blutdruck langsam in den letalen Bereich.

Aber nach dem vielen Tod (traurig) und Abgezocke (wütend), kommt nun etwas lustiges (fröhlich ALS OB). Drei Frauen wurden von ein und demselben Schwindler abgezogen und zwar zur gleichen Zeit. Hihi! Natürlich sächselt eine von den Frauen, denn wir müssen ja folgendes Klischee bedienen: Frau (=blöd), Ossi (=blöd), Hartz-IV-Empfang (=blöd), denn zwanzig Jahre nach der Einheit (die ja sonst hochgehalten wird und man sonst doch immer so schockiertschockiert reagiert, wenn eine Umfrage auftaucht, nach der 27% von diesen undankbaren Jammerossis die Mauer wieder wollen – und sich die Besserwessis noch bestätigt sehen) darf man doch noch ein bisschen auf den blöden Ossis (=blödblöd) rumtrampeln, schließlich saugen die nur unnnnnser Geld in den Osten!

Und erst diese unfassbare Heuchelei (im vorigen Abschnitt schon angerissen), die sich auftut, wenn ein RTL-Arsch in der Fußgängerzone steht und keck die unschuldigen Passanten fragt, ob sie wüssten, was in ihrem Essen alles für Zusatzstoffe drinne sind. Dann wird Panik geschoben, dass jeder dieser Zusatzstoffe sofort zum Krebstod führt – und man doch besser Obst isst (bis dann die gefährlichen Machenschaften der Obstbauern aufgedeckt werden, wie Gülle als Dünger – Kacke im deutschen Apfel!) und sich sowieso gesund ernähren soll, was ja ansich ein nobles Ansinnen wär‘, doch dann: Werbung. Und da werden dann genau die Produkte beworben und wohlfeil geboten, vor denen zehn Minuten vorher noch gewarnt wurden.

Ob dieser Heuchelei schießt mir brennende Kotze aus den Augen und wenn ich erst an diese sensationsheischende Berichterstattung denke, beziehungsweise sie ja in diesem Augenblick sehe, da verwandelt sich meine Haut in gallertartigen Hass, o wenn ich nur daran denke, wie tiefbetroffen man sich gibt, obwohl man sich insgeheim freut, dass ein Unglück mit möglichst vielen Toten sich ereignet hat, über das man dann möglichst lange berichten kann, tiefbetroffen, versteht sich, da möchte ich am liebsten schreien, laut und lang bis die Stimmbänder platzen und schaut man sich erstmal die Reihenfolge an, in der diese Beiträge kommen, erst Tod, dann Traurig, dann noch die spannenden Geschichten aus der Welt der Promis und tolle Studien, zum Beispiel die Erkenntnis, dass Schokolade keine Migräne verursacht und dass der deutsche Michel, abgezockt von Tankstellen und Ossis, sich laut einer Onlineumfrage [fuckin‘ sic!] am schlechtesten im Urlaub kleidet und nur der Tommy von der Insel noch hässlicher ist, dann müsste ich sehr lange kotzen, wenn ich denn heute schon etwas gegessen hätte.

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Written by Quax

31. März 2010 at 12:20

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Ein freundlicher Hinweis an unsere Leser

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Gleich ist Zeitumstellung!

Die Uhr wird eine Stunde vor- oder zurückgestellt.

 

(Dieser nützliche Hinweis wurde Ihnen präsentiert von: www.misanthropenwald.wordpress.com/)

Written by Quax

27. März 2010 at 22:45

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Den Überbringer mit der Nachricht verwechseln

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Letztens, da  saß ich so bei mir und wie ich da so saß, dachte ich mir: „Hui, lange keinen blödsinnigen Nazivergleich mehr gehört!“, dachte ich mir, während ich so da saß. Das fand nicht nur ich so, sondern auch die katholische Kirche.

Diesmal beehrt uns Bischof Gerhard Müller aus Regensburg. Müller, ein Name, den wir uns merken sollten. Während seine Untergebenen den Chorknaben im Regensburgdom ein Liedchen pfeifen (zwinker, zwinker), mockiert sich die böse Presse über die Tollerei im Haus Gottes. Das findet der Bischof gar nicht gut, wie auf SPON zu lesen ist:

In einer Predigt im Regensburger Dom sprach Müller am Samstag über die Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus und erklärte, man erlebe auch „jetzt wieder eine Kampagne gegen die Kirche, (…) als ob man in einem Gänsestall hier die Gänse aufgeweckt hätte, so wird gefaucht und gezischt gegen die Kirche“. 

Jawoll! Die arme Kirche, die von der Presse-SS verfolgt wird! Wo kämen wir denn hin, wenn Journalisten ihrer Pflicht nachkommen, sogar wenn’s um die Kirche geht!

(Woher kommt eigentlich dieser Hang unserer katholischen Hirten zu Nazivergleichen? Das hatten wir doch erst vor einiger Zeit und war auch nur mäßig populär, lernen die aus ihren Fehlern denn nicht? Oder versucht man’s so häufig, bis es mal klappt?)  

Nur zu  tragisch, wenn die Kirche vom größten Missbrauchsskandal der letzten Jahre (ich will nicht schreiben „ihrer Geschichte“, denn das zähe Pack hält sich ja nu‘ auch schon zwotausend Jahre) erschüttert wird und diese blöden Journalisten nichts anderes zu tun haben, als darüber zu berichten. Es gibt zwei ganz naheliegende Möglichkeiten, die schlechte Presse zu beenden: Entweder verbietet man der Journaille das Maul oder man geht den Gründen der Missbrauchsfälle nach und merzt diese ein für alle mal aus.

Aber man trennt sich ja so ungern von Traditionen!

Written by Quax

22. März 2010 at 15:20

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Es

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Nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber manchmal muss man sich entscheiden. Oder doch nicht? In Sachen der sogen. Gender-Neutralität (neudt. für Geschlechtsneutral) hätte Australien beinahe Grenzen überschritten – und uns in das  Zeitalter ungeahnter Neoemanzipation geführt.

Norrie May-Welby heißt die Causa und lebt auf einer riesigen Pazifikinsel namens Australien (auf der Weltkarte unten rechts). Es hätte beinahe einen eigenen Pass bekommen. Moment – „es“? Ja. Aber von Vorne:

Norrie May-Welby wurde in Schottland geboren. Und zwar als Mann, mit Schniedel und alles. 1983 unterzog er sich einer Geschlechtsumwandlung, oder besser: Geschlechtsentfernung. Denn Norrie beschloss, von da an weder Mann noch Frau zu sein. Das Standesamt von New South Wales stellte vor wenigen Tagen eine Urkunde aus und trug in der Zeile fürs Geschlecht ein: „ohne bestimmtes Geschlecht“ – und damit war Norrie die Schweiz unter den Menschen. Ab-so-lut neu-tral.

Als nächstes plante es einen Pass zu beantragen, doch soweit kam es nicht. Denn das zuständige Standesamt erklärte die Urkunde für nichtig; Norrie muss sich nun zwischen Mars und Venus entscheiden. Doch man muss sich vorstellen, was das bedeutet hätte! Ein komplett neues Geschlecht (bzw. eben gar keins)! Die Kosmetik- und Unterhaltungsindustrie hätte eine komplett neue Zielgruppe zum Erschließen gehabt! Parfüm und seichte Filme für Sie & Ihn & Es. Extra Toiletten für Neutralos.

Der Kampf um Gleichberechtigung wäre auf Menschen ohne eindeutige Geschlechtszugehörigkeit ausgeweitet; Feministen (bzw. Feministinnen, ich Chauvi-Schwein) würden nicht mehr versuchen, in Männerdomänen einzudringen, sondern sich nicht von Neutralos aus den erkämpften Gebieten wieder verdrängen zu lassen. Neue Gesetze müssten entstehen; dürfen Neutralos heiraten? Wie sehen  Ehen zwischen Neutralos und Männern/Frauen aus? Dürfen sie Kinder adoptieren? Wie gehen Religionen mit Neutralos um; werden sie beschnitten? Müssen sie sich verschleiern? Dürfen sie Priester- und Kardinalsämter übernehmen? 

Vielleicht hätte es irgendwann einmal einen neutralen australischen Premierminister gegeben. Doch vielleicht, vielleicht ist die Zeit dazu einfach noch nicht reif genug.

(Quelle & Quelle)

Written by Quax

18. März 2010 at 18:32

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Zurücktreten!

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Das Ego von Dr. jur. Guido Westerwelle ist seit dem 27. September 2009 (BuTaWa; unschön für Bundestagswahl) um ca. drei Meter gewachsen. Das sind 1,785 cm am Tag. Das Wachstum ist allerdings unerklärlich, hat er sich doch permanent blamiert und viel Quatsch erzählt. Wir fassen das mal zusammen.

Wahlkampf 2002: Dr. jur. Guido Westerwelle ist der erste Kanzlerkandidat der FDP. Da er gehört hat, dass BuKas (unschön für Bundeskanzler) irgendeinen Sockenschuß haben müssen (Schmidt – raucht wie ein Colt, Schröder – cool wie ein Westernheld, Adenauer – alt wie Methusalem, Kohl – dick wie eine Birne und überhaupt, usw. usf.), will er auch einen. Er lässt sich also eine schöne 18 auf die Schuhsohlen tätowieren und kurvt mit einem sogn. Guidomobil durch dieses schöne Land von uns. Die 18 steht für 18 Prozent Stimmenanteil bei der BuTaWa und es sind ja nahezu alle ehemaligen BuKas mit 18 Prozent zu einem ebensolchen gewählt worden. Es wurden dann übrigens 7,4 Prozent. Das sind wiederum 41 Prozent von 18.

2002 bis September 2009: Westerwelle wurde ab und zu als Parteivorsitzender der FDP bestätigt, mit immer tolleren Ergebnissen. Ansonsten war er von der Warte der Wichtigkeit aus gesehen eher, nunja, unsichtbar.

27. September 2009: 14,6 Prozent! Bäm! Soviel Prozent hatte die FDP noch nie. Aber bei der BuTaWa 09 featuring Muddi Merkel and the Söders gelingt der FDP und zuforderst uns Guido der Coup. Regierungsbeteiligung! Und diesmal richtig. Mit Ernstgenommenwerden inklusive.

27/28. September 2009: Nunja, das Ernstgenommenwerden hat sich schnell erledigt. Als so ziemlich erste Amtshandlung leistet sich der neue Außenminister [(nicht etwa Wirtschaftsminister! (Im Nachhinein wohl zum Glück)]  einen Fauxpas, äh, pardon, also ‚tschuldigung, ich meine natürlich Fehltritt. Wir sind ja schließlich in Deutschland, hier. Also: Fehltritt. Vor der Presse von übern Ärmelkanal. Westerwelle nix Englisch. Wir kommentierten bereits gehässigst.

1. Januar 2010: Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz („Hotelgesetz“) tritt in Kraft. Darin hat die Firma Mövenpick (Gerüchten zu Folge/vielleicht/ eventuell/wird gemunkelt) festschreiben lassen, dass es jetzt ganz merkwürdige Mehrwertsteuersätze für Hotels, aber auch für Campingplätze und Bordelle gibt. Toll. Guido mag das Gesetz ganz dolle.

Oktober 2008 – Oktober 2009: In diesem Zeitraum, der gerade die schöne Chronologie hier bricht, sollen Parteispenden von der Familie Finck (Mövenpick-Besitzer) an die FDP geflossen sein. Sollen, liebe Rechtsanwälte! Sollen!

11. Februar 2010: Westerwelle darf einen Gastbeitrag für DIE WELT schreiben und faselt da was von „spätrömischer Dekadenz“ und „sozialistischen Zügen“ an der Hartz-IV-Diskussion. Eine Welle der Empörung schwappt durchs Land (und das wären dann wohl fünf Euro in die Phrasenkasse). Alle würden immer nur  Spendengelder Steuergelder beziehen wollen, nur keiner will sie zahlen. Außer Finck.

Jetzt: Während der Außenguido unterwegs in aller Welt ist und dort den Boden für die deutsche Wirtschaft ebnet (mit Dampfwalzen), wird hier zuhause eine „Verleumdungskampagne“ (Westerwelle, auf jedem Rollfeld dieses Planeten) von der Opposition betrieben. Verwandte sollen Vorteile aus seinen Reisen ziehen, Aufträge zugeschanzt werden etc. Die Oma soll schon Kaffee geordert haben.

Written by Achja

14. März 2010 at 15:18

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Aug‘ um Zahn

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Thilo Sarrazin ist der frühere Finanzsenator der inzwischen vollständig wiedervereinigten Stadt Berlin und momentan Bundesbankvorstand. Vor einiger Zeit machte er auf sich aufmerksam, als er behauptete, dass diese türkisch angehauchten Familien nur Kopftuchmädchen und Obsthändler hervorbrächten und auch sonst nur mäßig dem deutschen Volke dienlich seien. Dafür gab es nicht nur Schelte von der Obsthändlerlobby. Dann wurde es still um Sarrazin und wir haben ihn nicht vermisst – und deswegen ist er jetzt zurück!

Und zwar mit einer genialen Idee, um die Bildung zu gewährleisten und um unseren Staatsschatz nicht weiter zu strapazieren. 

Wie er das schaffen will? Janz eenfach (wie der Berliner sacht, wa?) – vor jeder Schulstunde müsse man überprüfen, ob die lieben kleinen Kopftuchmädchen Kinderlein ihre Hausaufgaben gemacht haben. Wurde die Hausaufgabe gar redlich angefertig, passiert nichts (außer guten Noten), doch was, wenn keine Aufgaben gemacht wurden? Thilo Sarrazin weiß eine Antwort:

Und wenn sie sie nicht gemacht haben, werden die Eltern zitiert. […] Zweimal Hausaufgaben nicht gemacht, Kindergeld um 50 Prozent gekürzt. Was meinen sie, was auf einmal die Hausaufgaben gemacht werden.

Aber wie dann Hausaufgaben gemacht werden, von den Eltern! Und wenn die Hausaufgaben viermal nicht gemacht sind, gibt’s halt nur noch 25 Prozent Kindergeld. Aber geht Thilo Westerw – quatsch, Sarrazin da nicht zu weit?

Nein, noch lange nicht! Denn dieses Konzept steht erst am Anfang eines gigantischen Strafkataloges zur Verbesserung der Bildung. So könnte bei jeder Klassenarbeit jenseits der vier plus die Prügelstrafe eingeführt werden – für die Eltern freilich. Was meinen sie, was auf einmal Klassenarbeiten geschrieben werden?

Kommt ein Schüler zu spät zum Unterricht, wird den Eltern die Lohnsteuer erhöht. Was meinen sie, was die Pennäler auf einmal pünktlich sind?

Und wenn eine Schülerin bei rot die Straße überquert, wird den Eltern der Führerschein weggenommen. Was meinen sie, was auf einmal die Ampeln beachtet werden. 

Prügeln sich die Mädchen und Bübchen unter- und/oder miteinander (nicht vergessen, Sarrazin kommt aus Berlin!), werden den Eltern die Beine gebrochen. Was meinen sie, was auf einmal für ein Frieden auf Pausenhöfen herrscht? 

Und falls die Eltern nicht zum Elternabend kommen, dann wird dem Filius kräftig die Rübe verdroschen. Was meinen sie, was wir später einmal für Finanzsenatoren und Bundesbankvorstände haben?

Written by Quax

10. März 2010 at 21:44

Veröffentlicht in Bildung, Polemik, Politik

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Das Trauerspiel vom Nockherberg

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Jedes Jahr findet im Rahmen des Starkbierfestes der Paulaner-Brauerei auf dem Nockherberg ein kabarettistischer Abend statt, in dem Kabarettisten, als Politiker verkleidet, ein Singspiel aufführen und die Volksvertretung des Bundes und vor allem Bayerns vorführen. Soweit nichts besonderes, doch: Im Publikum sitzen so ziemlich alle wichtigen Politiker Bayerns (CSU) inkl. Ministerpräsident und auch alle weniger wichtigen (Rest). Vor jedem Singspiel hält Bruder Barnabas (gespielt von Michael Lerchenberg) eine satirische Rede, die dieses Jahr durch einen „geschmacklosen Vergleich mit dem Dritten Reich“ (O-Ton aller) aufgefallen sein soll. Also habe ich mir mal am Wochenende die Wiederholung von diesem Spektakel im Bayerischen Rundfunk angeschaut.

Die anstößige Rede von Bruder Barnabas also. Insgesamt war sie wohl eher das, was man gemeinhin als „nett“ bezeichnet. An einer Stelle gab es dann einen KZ-Vergleich, Westerwelle wolle wohl alle Hartz-IV-Empfänger in Ostdeutschland zusammenpferchen, Zaun drumrumbauen und an den Eingang „Leistung muss sich wieder lohnen“ schreiben. Aha. Es ist ein schmaler Grad zwischen platt, plump und unnötiger Provokation und gewiefter, genialer Provokation.

Immerhin, im Anschluss folgte das Singspiel. Theoretisch hätte das ja was werden können.

Wurde es aber nicht und nun will ich erläutern wieso: Ersteinmal zum Grundsätzlichen; der Reiz des Singspiels besteht darin, dass auf der Bühne Kabarettisten genau die Politiker spielen, die bestenfalls auch unten in den Zuschauerrängen sitzen. Wer im Singspiel nicht erwähnt wird, kann in Bayern politisch als so gut wie tot gelten (weswegen die SPD höchstens am Rand auftaucht). Damit das gut funktioniert, müssen die Kabarettisten den von ihnen dargstellten Politikern ähnlich sein, und zwar in Bezug auf Aussehen, Stimme und Gestik. Das wichtigste sind jedoch die Texte, die sowohl gut als auch beißend sein müssen. Die Politiker müssen in die Mangel genommen und ordentlich gequetscht werden und dazu braucht man eines: aktuelle Themen.

Was ich dann jedoch zu sehen bekam, ist mit „katastrophal“ noch äußerst wohlwollend umschrieben. Der Rahmen, der um das Singspiel konstruiert wurde war brandaktuell: Bavaria sucht den Superpolitiker

Wie bitte. Eine Deutschland-sucht-den-Superstar-Parodie. Diese Idee könnte aus der Feder eines Achtklässlers stammen und nicht aus der eines öffentlich-rechtlichen Senders, bzw. gerade doch? Wie dem auch sei, in der Jury sitzen Bavaria, Franz-Josef Strauß (unvermeidlich) und eine junge Frau im weißen Kleid, die die Weißwurst ist (no joke). Warum Weißwurst? Na, weil Bayern! Hahaha!  

Erster Kandidat dieser Totgeburt namens Castingshow war Guttenberg, voll gut zum Erkennen, mit gegeltem Haar und runder Brille. Und natürlich wird der unvermeidliche Gag gerissen, indem Guttenberg seine siebenundachtzig Vornamen aufzählt. Samt solcher Brüller wie „Sylvester Neujahr“ usw., was 1. schon nicht mehr lustig war, als wir den Gag hier auf diesem Blog gemacht haben (und das mehrmals!) und 2. auch nicht dadurch lustiger wird, indem man diesen einen Gag innerhalb des ganzen Singspiels noch zweimal wiederholt. Guttenberg selber (der echte, im Publikum) musste angestrengt sein Lächeln aufrecht erhalten, weil die Kamera immer wieder seine Reaktion während des Desasters einfing. Danach sang Guttenberg (der falsche, auf der Bühne) eine mittelmäßige Rocknummer, weil AC/DC-Fan und so. Ist ja so komisch.

So ging das dann bei jedem Politiker weiter und der Gedanke, meine Zunge in die Steckdose zu hängen, erschien mir gar nicht mehr so abwegig. Ein wie auf Speed wild schreiender Guido Westerwelle singt da vor einem Regenbogenhintergrund (weil, er is‘ ja ’n Schwuler, höhö), dass der kostenlos um die Welt fliegen kann und darauf angesprochen, ob er auch Bayerisch könne, antwortet Guido, der übrigens eher aussieht wie ein junger Stoiber, dass er Englisch kann und singt sein Scheißlied auf Angelsächsisch zu Ende. Ein Seitenhieb auf Oettinger? Haha, nein! Das wär‘ zu aktuell.

Generell hapert’s an der Aktualität; da präsentiert ein Mittelmaßseehofer einen Quelle-Katalog (<- Witz), eine Durchschnittsclaudiaroth echauffiert sich darüber, dass kein Türke in der Jury sitzt und das sehr, sehr  betroffen (<- Witz) und rezitiert dann Fetzen aus einem Claudia-Roth-Interview („Ich liebe die Türkei … Ich liebe das Essen in der Türkei … Ich liebe die Konflikte in der Türkei“), das mindestens drei Jahre alt ist. Dann singt sie vor einem Hintergrund aus – Sonnenblumen. Weil die Stofffetzen des Kostüms und die Idiotenfrisur noch nicht plakativ genug sind.

Auch Merkel wird natürlich nicht verschont; sie singt vor in den Keller stürzenden Aktienkursen und legt eine gut vergessbare Performance mit Guttenberg und Westerwelle hin.

Einziger Lichtblick waren die Kommentare von Strauß, der jedoch die Tatsache, dass er seit zwanzig Jahren tot ist, auch arg überstrapaziert hat und der Auftritt von Markus Söder, der wie ein crackabhängiger Alkoholiker durch eine Spanplattenholzpappe der Kulissenwand flog – bis er anfing, den Text aus diesem grausamen etwas, das sich „Drehbuch“ nennt, aufzusagen. Söder sang schließlich „Söder Söder“ statt „Hyper Hyper“, weil’s Original aus den Neunzigern ist, also cool, hip, trendy, jugendlich und wasweißichnochwas.

Ganz sympathisch war der Auftritt von Sigmar Gabriel (unbekannt, SPD), der nicht aussah wie Sigmar Gabriel, bei dem die Technik während des Songs ausfiel, sodass der arme SPD-Mann ohne seine Sangeskünste präsentiert zu haben, auf der Couch neben dem anderen Gesocks Platz nehmen konnte. Und als der Gabriel sich dann setzte, hüpften alle anderen ein wenig von ihrem Platz in die Höh‘, denn er ist ja so dick, der Gabriel, hihi (<- Witz).

Alles in allem krankt der Nockherberg an zwei Dingen, zum einen der Aktualität, was sich dahingehend erklären lässt, dass die Vorbereitung zu so einer Aufführung langwierig ist und so aktuelle Ereignisse nicht mal eben schnell ins Drehbuch eingebaut werden können. Das ist allerdings keine Entschuldigung dafür, dass jahrealte, abgetragene Scherze ausgegraben werden, dass jetzt, im Jahre 2010 des HErrn, noch die völlig zerschossene Witzzielscheibe Stoiber und die beiden Hauptberufsverlierer Huber und Beckstein herhalten müssen. Man tritt nicht mehr nach toten Hunden.

Zum anderen gibt es da das Publikum, die Politprominenz. Es ergibt sich die göttliche Gelegenheit, den Anwesenden von der Bühne herunter genau das zu geben, was sie verdient haben, ihnen mal so ordentlich den Spiegel vorhalten. Nur: Wenn man das tut, wird nächstes Jahr niemand kommen. Wer will schon Eintritt dafür zahlen, sich beleidigen zu lassen? Und wenn niemand kommt, wird die ganze Veranstaltung uninteressant, denn man guckt es doch gerade deswegen, um zu sehen, inwieweit die Politiker dort über sich selber lachen können und wem die Visage verrutscht (keine Anspielung auf das natürliche Aussehen von Dirk Niebel). Die Politiker selber indes nehmen dieses Angebot dankbar an und zeigen sich volksnah und humorvoll, denn sie können ja über sich selber lachen. So profitieren alle von diesem Schauspiel.

Insgesamt ist der Nockherberg wie Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich: Nett, aber langweilig und um ihn sehen zu können, muss man bezahlen.

Written by Quax

7. März 2010 at 16:54