Misanthropenwald

Das Trauerspiel vom Nockherberg

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Jedes Jahr findet im Rahmen des Starkbierfestes der Paulaner-Brauerei auf dem Nockherberg ein kabarettistischer Abend statt, in dem Kabarettisten, als Politiker verkleidet, ein Singspiel aufführen und die Volksvertretung des Bundes und vor allem Bayerns vorführen. Soweit nichts besonderes, doch: Im Publikum sitzen so ziemlich alle wichtigen Politiker Bayerns (CSU) inkl. Ministerpräsident und auch alle weniger wichtigen (Rest). Vor jedem Singspiel hält Bruder Barnabas (gespielt von Michael Lerchenberg) eine satirische Rede, die dieses Jahr durch einen „geschmacklosen Vergleich mit dem Dritten Reich“ (O-Ton aller) aufgefallen sein soll. Also habe ich mir mal am Wochenende die Wiederholung von diesem Spektakel im Bayerischen Rundfunk angeschaut.

Die anstößige Rede von Bruder Barnabas also. Insgesamt war sie wohl eher das, was man gemeinhin als „nett“ bezeichnet. An einer Stelle gab es dann einen KZ-Vergleich, Westerwelle wolle wohl alle Hartz-IV-Empfänger in Ostdeutschland zusammenpferchen, Zaun drumrumbauen und an den Eingang „Leistung muss sich wieder lohnen“ schreiben. Aha. Es ist ein schmaler Grad zwischen platt, plump und unnötiger Provokation und gewiefter, genialer Provokation.

Immerhin, im Anschluss folgte das Singspiel. Theoretisch hätte das ja was werden können.

Wurde es aber nicht und nun will ich erläutern wieso: Ersteinmal zum Grundsätzlichen; der Reiz des Singspiels besteht darin, dass auf der Bühne Kabarettisten genau die Politiker spielen, die bestenfalls auch unten in den Zuschauerrängen sitzen. Wer im Singspiel nicht erwähnt wird, kann in Bayern politisch als so gut wie tot gelten (weswegen die SPD höchstens am Rand auftaucht). Damit das gut funktioniert, müssen die Kabarettisten den von ihnen dargstellten Politikern ähnlich sein, und zwar in Bezug auf Aussehen, Stimme und Gestik. Das wichtigste sind jedoch die Texte, die sowohl gut als auch beißend sein müssen. Die Politiker müssen in die Mangel genommen und ordentlich gequetscht werden und dazu braucht man eines: aktuelle Themen.

Was ich dann jedoch zu sehen bekam, ist mit „katastrophal“ noch äußerst wohlwollend umschrieben. Der Rahmen, der um das Singspiel konstruiert wurde war brandaktuell: Bavaria sucht den Superpolitiker

Wie bitte. Eine Deutschland-sucht-den-Superstar-Parodie. Diese Idee könnte aus der Feder eines Achtklässlers stammen und nicht aus der eines öffentlich-rechtlichen Senders, bzw. gerade doch? Wie dem auch sei, in der Jury sitzen Bavaria, Franz-Josef Strauß (unvermeidlich) und eine junge Frau im weißen Kleid, die die Weißwurst ist (no joke). Warum Weißwurst? Na, weil Bayern! Hahaha!  

Erster Kandidat dieser Totgeburt namens Castingshow war Guttenberg, voll gut zum Erkennen, mit gegeltem Haar und runder Brille. Und natürlich wird der unvermeidliche Gag gerissen, indem Guttenberg seine siebenundachtzig Vornamen aufzählt. Samt solcher Brüller wie „Sylvester Neujahr“ usw., was 1. schon nicht mehr lustig war, als wir den Gag hier auf diesem Blog gemacht haben (und das mehrmals!) und 2. auch nicht dadurch lustiger wird, indem man diesen einen Gag innerhalb des ganzen Singspiels noch zweimal wiederholt. Guttenberg selber (der echte, im Publikum) musste angestrengt sein Lächeln aufrecht erhalten, weil die Kamera immer wieder seine Reaktion während des Desasters einfing. Danach sang Guttenberg (der falsche, auf der Bühne) eine mittelmäßige Rocknummer, weil AC/DC-Fan und so. Ist ja so komisch.

So ging das dann bei jedem Politiker weiter und der Gedanke, meine Zunge in die Steckdose zu hängen, erschien mir gar nicht mehr so abwegig. Ein wie auf Speed wild schreiender Guido Westerwelle singt da vor einem Regenbogenhintergrund (weil, er is‘ ja ’n Schwuler, höhö), dass der kostenlos um die Welt fliegen kann und darauf angesprochen, ob er auch Bayerisch könne, antwortet Guido, der übrigens eher aussieht wie ein junger Stoiber, dass er Englisch kann und singt sein Scheißlied auf Angelsächsisch zu Ende. Ein Seitenhieb auf Oettinger? Haha, nein! Das wär‘ zu aktuell.

Generell hapert’s an der Aktualität; da präsentiert ein Mittelmaßseehofer einen Quelle-Katalog (<- Witz), eine Durchschnittsclaudiaroth echauffiert sich darüber, dass kein Türke in der Jury sitzt und das sehr, sehr  betroffen (<- Witz) und rezitiert dann Fetzen aus einem Claudia-Roth-Interview („Ich liebe die Türkei … Ich liebe das Essen in der Türkei … Ich liebe die Konflikte in der Türkei“), das mindestens drei Jahre alt ist. Dann singt sie vor einem Hintergrund aus – Sonnenblumen. Weil die Stofffetzen des Kostüms und die Idiotenfrisur noch nicht plakativ genug sind.

Auch Merkel wird natürlich nicht verschont; sie singt vor in den Keller stürzenden Aktienkursen und legt eine gut vergessbare Performance mit Guttenberg und Westerwelle hin.

Einziger Lichtblick waren die Kommentare von Strauß, der jedoch die Tatsache, dass er seit zwanzig Jahren tot ist, auch arg überstrapaziert hat und der Auftritt von Markus Söder, der wie ein crackabhängiger Alkoholiker durch eine Spanplattenholzpappe der Kulissenwand flog – bis er anfing, den Text aus diesem grausamen etwas, das sich „Drehbuch“ nennt, aufzusagen. Söder sang schließlich „Söder Söder“ statt „Hyper Hyper“, weil’s Original aus den Neunzigern ist, also cool, hip, trendy, jugendlich und wasweißichnochwas.

Ganz sympathisch war der Auftritt von Sigmar Gabriel (unbekannt, SPD), der nicht aussah wie Sigmar Gabriel, bei dem die Technik während des Songs ausfiel, sodass der arme SPD-Mann ohne seine Sangeskünste präsentiert zu haben, auf der Couch neben dem anderen Gesocks Platz nehmen konnte. Und als der Gabriel sich dann setzte, hüpften alle anderen ein wenig von ihrem Platz in die Höh‘, denn er ist ja so dick, der Gabriel, hihi (<- Witz).

Alles in allem krankt der Nockherberg an zwei Dingen, zum einen der Aktualität, was sich dahingehend erklären lässt, dass die Vorbereitung zu so einer Aufführung langwierig ist und so aktuelle Ereignisse nicht mal eben schnell ins Drehbuch eingebaut werden können. Das ist allerdings keine Entschuldigung dafür, dass jahrealte, abgetragene Scherze ausgegraben werden, dass jetzt, im Jahre 2010 des HErrn, noch die völlig zerschossene Witzzielscheibe Stoiber und die beiden Hauptberufsverlierer Huber und Beckstein herhalten müssen. Man tritt nicht mehr nach toten Hunden.

Zum anderen gibt es da das Publikum, die Politprominenz. Es ergibt sich die göttliche Gelegenheit, den Anwesenden von der Bühne herunter genau das zu geben, was sie verdient haben, ihnen mal so ordentlich den Spiegel vorhalten. Nur: Wenn man das tut, wird nächstes Jahr niemand kommen. Wer will schon Eintritt dafür zahlen, sich beleidigen zu lassen? Und wenn niemand kommt, wird die ganze Veranstaltung uninteressant, denn man guckt es doch gerade deswegen, um zu sehen, inwieweit die Politiker dort über sich selber lachen können und wem die Visage verrutscht (keine Anspielung auf das natürliche Aussehen von Dirk Niebel). Die Politiker selber indes nehmen dieses Angebot dankbar an und zeigen sich volksnah und humorvoll, denn sie können ja über sich selber lachen. So profitieren alle von diesem Schauspiel.

Insgesamt ist der Nockherberg wie Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich: Nett, aber langweilig und um ihn sehen zu können, muss man bezahlen.

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Written by Quax

7. März 2010 um 16:54

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