Misanthropenwald

Wie man einen Artikel interessant macht

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Es gibt eine geheime Formel, die alle kennen, die im Journalismus tätig sind. Ich kenne sie nicht, denn ich bin’s ja nicht. Also weiß ich auch nicht, worauf sich diese Formel eigentlich bezieht. Oder ob es sie überhaupt gibt.

Wie dem auch sei, heute darf SPON mit einem Artikel über das heißgeliebte Google Street View als Beispiel dafür herhalten, wie man einen Artikel interessant macht, s. Überschrift.

Und damit wär’n wir (also ich) beim Knackpunkt. Ein Artikel braucht eine knackige Überschrift, wie die hochverehrte BILD das so beispielhaft vormacht: „JOPI HEESTERS – HATTE ER SEX MIT KACHELMANN?“ oder sowas in der Richtung. Die Überschrift sollte etwas mit dem thematischen Inhalt des Textes zu tun haben, muss diesen aber auch nicht genau treffen. So kleinlich sind wir nicht. (Sind wir wohl!)

SPON beglückt uns also, um auf das hiesige Beispiel, das bisher nur angekratzt wurde, nochmal hervorzuzerren ans Licht der äh… dings. Na! Erleuchtung. Wie auch immer. SPON schreibt in dem Artikel über Googles schickes Street View, mit dem ich mir gerade St. Paul’s Cathedral in London/England angeschaut habe, das war sehr schön, kann ich jedem mal empfehlen, schreibt SPON also folgendes:

Moment! Zuallererst muss ich noch kurz darauf eingehen, dass der SPON-Artikel alles hat, was ein guter Artikel braucht. Google! Street View! Macht! Fotos! Rentner! Österreicher! Spitzhacken!

Gut. Nachdem das geklärt wäre, schreibt SPON in seinem Artikel also folgendes:

An Google Street View scheiden sich die Geister. In Österreich machte ein Anwohner nun mit einer Spitzhacke deutlich, was er von den Foto-Autos hält.

Spannung ist total aufgebaut, SPON. Gute Arbeit, SPON. Im Artikel steht dann weiter:

Ein Pensionär soll einem Street-View-Team mit der Spitzhacke klargemacht haben, dass er ihnen nicht freundlich gegenübersteht.

Action & Crime! Ich spüre Action & Crime! Doch dann:

Die Spitzhacke habe er [der Pensionär] aber nur in der Hand gehalten, worauf der Fahrer überhastet die Polizei gerufen habe.

Auch Google-Pressesprecherin Lena Wagner bestätigt, dass der Rentner zwar mit schwerem Abbruchgerät bewaffnet war, die Hacke aber nicht eingesetzt habe: „Er hat die Spitzhacke nur in der Hand gehalten. […]“

Zu einer Attacke war es also nicht gekommen, zu archaischen Drohgebärden auch nicht: Der Rentner stand halt nicht ganz zufällig mit einer Spitzhacke in der Gegend (er war bei der Gartenarbeit), als das Foto-Auto kam.

EILMELDUNG, EILMELDUNG AUS DEM SCHNITZELFÖRMIGEN LAND: Nichts ist geschehen! Ü-ber-haupt-nich-ts. Wir merken uns also: Ein Mann stand mit Hacke da und hat dem Googlestreetviewwagenfahrer gesagt, dass er sein Haus nicht fotografiert haben will. Er hatte eine Spitzhacke in der Hand. Er hätte auch etwas anderes in der Hand haben können, eine Schaufel, einen Löffel, einen Sack Zement oder ein Buch aus uralten Zeiten.

Kein Angriff, keine Drohung. Wie sieht also der leserhaschende Reißer namens Überschrift aus, auf den sogar ich (!) hereingefallen bin, unschuldig, wie ich bin? Richtig:

Österreicher droht Google-Fahrer mit Spitzhacke

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Written by Quax

9. April 2010 um 22:31

Veröffentlicht in Mischwald

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2 Antworten

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  1. der beitragsinhalt ist ziemlich unspektakulär, die überschrift eine veritable verzerrung der tatsachen. diese content-masche tritt bei spon in letzter zeit gehäuft auf. ich erinnere mich an eine zusammenfassung von westerwelles verbalpatzern auf spon, in der es zunächst lautete, hier würden die hintergründe erklärt. später dann war der text nur noch eine dokumentation (mehr gab das nicht her). unter qualitätsjournalismus verstehe ich etwas anderes.

    schöner blog übrigens…

    VEB wortfeile

    10. April 2010 at 09:09

  2. Hey, that’s poflewur. Thanks for the news.

    Hank

    7. Januar 2015 at 14:11


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