Misanthropenwald

D-D-D-Doppelmoral!

with one comment

Keine Woche ohne Kirche, ich hab’s ja gesagt. Aber wer glaubt (und mit dem Glauben hat die Kirche ja auch irgendwie zu tun), dass jetzt was über Mixa, den Schläger von Augsburg, kommt, der irrt. Denn während trotz heftigen Entschuldigungssperrfeuer die Mixafront zusammengebrochen ist und im Missbrauchswald noch heftige Gefechte ausgetragen werden, musste im Frontabschnitt Titanic-Cover eine schwere Niederlage eingesteckt werden.

Wie kömmt’s? Die Staatsanwaltschaft hat entschieden, dass es zu keinem Strafverfahren gegen die Titanic wegen ihres Covers (über das wir erregt berichteten) kommen wird. Es liegt nämlich keine Beleidigung eines Bekenntnisses vor und auch keine Volksverhetzung. Wer ist eigentlich auf den Blödsinn gekommen, dass das Volksverhetzung sein könnte?

Wiedemauchsei, die Steinzeitkatholiken schäumen vor Wut. Und wo der Katholische Nachrichtendienst nur resignierend die Meldung runterleiert, beginnt der wirklich große Spaß erst in den Kommentaren unter dem Artikel. Werfen wir mal einen Blick auf die geballte Toleranz der katholischen Fundamentalisten und romhörigen Ultramontanen!

So schreibt familiesonne:

Ach so, also quasi selbst schuld?
Wie darf ich das verstehen?

Da der öffentl. Frieden durch den Missbrauchsskandal gestört ist, liegt hier also keine Störung mehr vor. Die Kirche ist also quasi selbst daran schuld, dass es zu
s o l c h e n (!) Titelbilder kommt.

Also, das ist unverschämt. Wie heisst die Sprecherin? Wie lautet die E-Mail-Adresse des Presserates?

 Beschweren ist immer gut. Vielleicht muss ich dazu ein wenig ausholen (zu einer Erklärung, keine Sorge, ich will niemanden verletzen. Physisch.), denn der Aufruhr um das Cover begann am 1. April und die Titanic hatte sich den Spaß erlaubt, zu verkünden, sie gehörten nun zum Verlag Gruner+Jahr und hatten dementsprechend auch ihr Impressum verändert und deren Telefonnummer und E-Mailadressen angegeben. Nun kamen die Lämmer vom Katholischen Nachrichtendienst und wollten sich ob des Covers beschweren. Und – ihr ahnt es schon – ohne sich zu fragen, warum so ein Nischenmagazin ausgerechnet am 1. April zu einem renommierten Verlag gewechselt sein soll, riefen alle Empörlinge bei den armen Leuten von Gruner+Jahr an. Zugegeben, ick habe sehr jelacht.

Halten wir fest, wild Schaum spuckend Hassmails verschicken bringt nicht so wahnsinnig viel. Aber wir haben ja noch mehr Kommentare für zum angucken, zum Beispiel Cantate – mit einem Klassiker:

Wieder ein Teilchen im Mosaik !
Ein Teilchen fügt sich zum anderen !
Jetzt wissen wir, wie man einen unliebsamen Bischof zum Rücktritt zwingen kann.
Jetzt wissen wir, was die Presse sich alles erlauben darf, da ja die Christen an allem Übel selbst schuld sind !

Wenn ich jetzt sage: So etwas Ähnliches gab es doch schon einmal — so etwa vor 70 Jahren —- dann werde ich zur „persona non grata“ und werde aller meiner Ämter enthoben !

Puh, fast hätte ich die Durststrecke seit dem letzten Nazivergleich nicht überlebt. Das ist übrigens der vierte Kommentar und schon greift Godwin’s Law. Wir halten mal fest, dass Angst und Paranoia die Runde machen und alle darauf aus sind, die Kirche zu zerstören. Indem eine Satirezeitschrift mit lächerlicher Auflage ein provokantes Cover bringt.

Guiseppe beklagt dagegen die Parteilichkeit der Staatsanwaltschaft:

Dass die Staatsanwaltschaft sich dann noch erdreistet, pauschalisierend und parteiisch vom „Versagen der Kirche“ zu reden, entlarvt geradezu eindrucksvoll ihre Befangenheit.

Das ist auch eine schöne Logik, wenn einem eine Entscheidung nicht passt, ist der Schiedsrichter (oder in diesem Falle Schiedsstaatsanwalt) parteiisch. Gar nicht davon zu reden, dass die Kirche ja gar nicht versagt haben kann bezüglich der Missbrauchsfälle, die wurden schließlich jahrzehntelang hervorragend vertuscht!

Etwas später folgt schon Godwin II, dank loyalbushie:

„Im Westen nichts Neues“
Warum muss ich bloß an Aufführungsverbote des Films „Im Westen nichts Neues“ denken, die damit begründet wurden, dass der allgegenwärtige Terror der Nazis gegen Kinos, die ihn im Programm hatten, ein solches Vorgehen aus Gründen der Sicherheit erfordere?

Ich betreibe selbst eine teilweise wirklich bissige Satireseite, aber selbst da gibt es gewisse Grenzen, die nicht überschritten werden.

Zwei Dinge sollten hier festgehalten werden, erstens: Würde der Vergleich mit dem Aufführungsverbot nicht erst dann hinhauen, wenn das Cover verboten wär? Sollte man mal drüber nachdenken.

Zweitens: Hier erkennt man ein sehr schönes Argumentationsmuster, nämlich die Taktik des „Ich-Hab-Ja-Viel-Humor-Aber“-Argumentierens. Durch den gönnerhaften Verweis, dass man ja selber durchaus Humor habe und gerne auch über schwarzen Humor lachen könne (wobei die meisten, die sich darauf berufen vermutlich keine Ahnung haben, ab wann man von schwarzem Humor sprechen kann), wird die eigene Toleranz gezeigt und der empörliche Gegenstand dahingehend abgewertet, dass er selbst die eigene, äußerst weit gedehnte Humortoleranzgrenze sprenge und somit völlig überzogen und unerträglich sei. Leute, die von sich behaupten, sie hätten viel Humor, haben im Regelfall überhaupt keinen.

Eine weitere Art des Argumentierens ist das „Was-Wäre-Wenn-Sie-Es-Bei-Anderen-Gemacht-Hätten“, die ich zuerst am Beispiel des Kommentars von Spectator zeigen möchte:

Nein, nein …
… eine „Institution“, ach so, was ist denn da bitte eine „Institution“, wenn gegen Priester gehetzt wird? Wenn man gegen Juden hetzen würde, indem man sie als Angestellte der Weltbank oder einer vergleichbaren Organisation zeigt, dann darf man ja hetzen, denn dann geht es ja gegen die „Institution“ … So etwas Lächerliches.

Was wir hier haben, ist zum einen plumper Antisemitismus unter dem (arg zerlöcherten) Deckmäntelchen der feinsinnigen Provokation: Der Jud‘ als Geldwechsler.

Zum anderen sehen wir hier, dass das Cover offenbar nicht verstanden wurde und der Begriff „Institution“ offensichtlich in seiner Definition die Grenzen des Intellekts simpler Gemüter übersteigt.

Aber ich möchte ja das „Bei-Anderen-Trauen-Die-Sich-Das-Nicht“-Argument zeigen, so schreibt Christoph Sanders:

Nun,
dann kann ja ein Satiremagazin auch einen Soldaten der IDF [Israelische Streitkräfte, Anm. Quax] darstellen, der mit der einen Hand einem Palästinenserkind die Leber herausreisst und mit der anderen Hand weissen Phosphor auf die Mutter wirft. Und im Hintergrund klingeln die Schekel.
Satire lebt von Übertreibung und Verzerrung.
Oder geht DAS etwa nicht?

 Man stelle sich einmal vor, das Cover der Titanic neben dem beschriebenen Bild des mordenden Juden (schon wieder die Juden!)  – Feinsinn gegen Martialismus. Satire lebt eben nicht nur von der Übertreibung, sondern auch von der Interpretationsmöglichkeit; nicht umsonst gab sich Titanic-Chefredakteur Leo Fischer gespielt betroffen, als er von der Aufregung erfuhr. Für ihn sei auf dem Bild ein Gläubiger, der sich andächtig dem Kreuze nähert. Mit einer solchen (wenn auch unfassbar beknackten) Aussage kann man Kritiker auf Distanz halten. Stellen wir uns jetzt den leberfressenden, phosphorwerfenden Soldaten Israels vor – wie ist hier die Beleidigung versteckt (und ja, das Cover ist beleidigend – schließlich ist es ein Satiremagazin, verdammt!), na? Überhaupt nicht. Das wäre im Grunde nichts weiter, als plumpe, Platte Kritik, insbesondere noch in einem Themenfeld, das mit der ganzen Causa nicht das geringste zu tun hat.

Also wird einfach eine andere, naheliegende Religionsgruppe zum hinkenden Vergleich herangezogen; dazu sehen wir uns den Kommentar von sonni an:

Aber es tröstet einen, wenn man weiß, daß solche dummen Aussagen auch auf Feigheit beruhen. Man sollte eine Titanic mit Mohammed vorne drauf rausbringen: einen Bombengürtel um den Bauch und jede Hand voll mit von Blut triefenden Menschen. Was die Staatsanwaltschaft dann wohl den muslimischen Mitbürgern sagt?

Und wieder, plump und ungelenk, sowie zu offensichtlich und platt ist die Idee. Viel interessanter ist wohl die Frage, was die böse Staatsanwaltschaft denn dann wohl machen würde? Vermutlich das, was sie bei den Mohammedkarikaturen seinerzeit gemacht haben. Wir erinnern uns, 2005 brachte eine dänische Zeitung zwölf Mohammedkarikaturen raus, die heftige Proteste nach sich zogen, auch in Deutschland, wo einige der Karikaturen nachgedruckt wurden. Damals stießen bei vielen diese Proteste auf Unverständnis, damals sagten viele, dass das Pressefreiheit und Meinungsäußerung sei und eine Gesellschaft dies aushalten müsse. Allzu gerne berief man sich auch auf Tucholsky; Satire dürfe nunmal alles. Fünf lange Jahre musste ich warten, bis endlich der gleiche Fall bei den Wogenglättern eintrat!

Diejenigen, die sich damals auf die Freiheiten beriefen, sind heute die, die das Cover unerträglich finden. So sieht sie aus, die Heuchelei und Doppelmoral der Bornierten und Ewiggestrigen, das gilt nicht nur für Katholiken. Passiert einer Gruppe so etwas, soll sich diese Gruppe nicht so anstellen, passiert etwas ähnliches der eigenen Gruppe, dann ist die Empörung groß und das Geschrei noch größer. Das Messen mit zweierlei Maß, diese Janusköpfigkeit sind Gründe, warum Satire notwendig ist: Um den Angegriffenen genau diese ihre Heuchelei zu zeigen. Dass sie sich tatsächlich einsichtig zeigen und sich ändern, das wird Wunschdenken bleiben. Aber vielleicht wird man ab und zu innehalten und nachdenken, ob die eigene Reaktion angebracht ist oder ob man sich widersprüchlich gibt. Und selbst die Chancen, einen solchen Lernerfolg zu erzielen sind angesichts der Betonköpfe illusorisch und utopisch.

Zum Abschluss, damit dieser Eintrag nicht so depressiv endet, möchte ich meinen Lieblingskommentar auseinander nehmen, Absatz für Absatz. Los geht’s, Bananus:

SKANDAL !!!
Jetzt stimmt es also doch, wir verkommen immer mehr zum totalitär-atheistischen Staat !

Ja, wie schade, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, als die Kirche noch Territorialherrscher war und der Staat sich aus Kirchendingen raushielt. Außer von solchen Kleinigkeiten, wie der Einsetzung der Bischöfe durch den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches oder dass der Kirchenstaat von französischen Truppen beschützt wurde.

Man stelle sich vor, man hätte eine ähnlich Karikatur mit den Mohamedanern gemacht, diverse Anschläge hätte es dann gegeben !!!

Siehe oben. Wir erinnern uns ja noch alle an die Anschläge in Europa, die direkte Antworten auf die Karikaturen waren.

Meiner Meinung nach wurde sehr wohl der öffentlich Friede gestört, da sich das Schundblatt direkt gegen die Kirche Christi als Institution richtet.

Aber, aber! Wir haben doch gelernt, dass man sich gar nicht gegen die Institution gewandt hat!

Unverschämt, wie schnell die Staatsanwaltschaft nicht mehr objektiv ist, damit wird ja auch gegen die Verfassung verstossen finde ich.

Oja, denn objektiv ist nur, wenn ich Recht bekomme. Wenn der andere Recht bekommt, verstößt man gegen die Verfassung, in der in Artikel zwei steht: Ich habe Recht.

Ich persönlich empfinde das Titelbild als Gotteslästerung und Blasphemie, welche als Todsünde schwerer wiegt als angeblich Prügel.

Cover > Prügel. Wieder was gelernt, lieber wild um sich schlagen als malen. In der Bibel steht ja schließlich auch was davon, dass man die andere Backe hinhalten soll un‘ so.

Wer ein Gottloser Sünder ist, kann das natürlich nicht nachvollziehen. Ich werde schleunigst für diese Menschen beten, mehr kann ich als guter Christenmensch nunmal auch nicht unternehmen.

…und ich bin sehr froh, dass Gebete das einzige sind, was er unternehmen kann. Wenigstens schreibt er keine blödsinnigen Mails an Staatsanwaltschaften, den Presserat oder Gruner+Jahr.

Und zu guter Letzt scherzt er noch ein bisschen rum:

DANKE an Kath.net weiterhin für die obektive Berichterstattung, ich finde es gut dasss man wenigstens hier noch richtig informiert wird.

Das möchte ich unkommentiert so stehen lassen. Man liebt halt das, was einem gefällt. Ach, jetzt habe ich’s ja doch kommentiert! Ich Doppelmoralist, ich!

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Written by Quax

24. April 2010 um 12:03

Veröffentlicht in Mischwald

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Eine Antwort

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  1. Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, der irrt.
    Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht.
    Albert Schweitzer

    Katharina

    7. Dezember 2010 at 19:04


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