Misanthropenwald

Alles wird Westerwelle. RCDS.

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Geografische Distanz ist ein Hund. Vom Wahlkampf mit Rüttgers habe ich im sonnigen Süden soweit nichts mitbekommen und ich dachte ja fälschlicherweise, dass die NRW-Wahl das einzige Großereignis hinsichtlich irgendwelcher Wahlen ist, doch weit gefehlt! An der Uni Mannheim herrscht seit gestern Wahlkampf, denn nächste Woche wird gewählt.

Und das bedeutet, dass die Hörsäle wieder voller Flyer liegen und mit Plakaten bis zur Unkenntlichkeit zugepappt werden. Daran ändert auch nichts, dass die Grüne Hochschulgruppe auf Flyer verzichtet und auf diesen Umstand stolz auf Plakaten hinweist – in ebenso großer Stückzahl wie die herumflatternden Flyer. Ironisch wär’s nu erst gewesen, wenn sie ihre Flyerlosigkeit durch Flyer bekannt gemacht hätten, aber gut.

Uniwahlkampf ist etwas, da haben alle Parteien mal richtig Zeit, sich wichtig zu fühlen. So wie richtige Politiker. Mit Wahlkampf und so. Plakate aufhängen, sich mit dem gemeinen Wahlvolk unterhalten. Ich behaupte einfach mal, dass die Jusos und die Grünen diejenigen sind, die sich dabei nicht allzu ernst nehmen. Völlig humorresistent sind dagegen – wie sollte es anders sein – die konservativen Hochschulgruppen. Derer haben wir zwei. Die Liberalen möchte ich außen vor lassen, denn über die FDP herzuziehen ist inzwischen so etabliert, dass es mir gar keinen Spaß mehr macht, auf die Gelben einzudreschen.

Also die CDU-nahe Hochschulgruppe, der RCDS. Um nochmal auf das Wichtignehmen zurückzukommen: Es ist bei Uniwahlen nun so, dass 1. kaum einer hingeht, die Wahlbeteiligung liegt zwischen 15% und 30% und 2. niemand mit Verstand nach Parteien wählt. Man tut es nicht! Man wählt immer – immer! – Leute, die man kennt oder den gleichen Studiengang besuchen. Meist läuft beides auf’s selbe hinaus.

Nun habe ich mir einen Flyer des RCDS gemopst und werde diesen nun in erbsenzählerischer Art auseinander nehmen, so wie es bei mir Brauch geworden ist.

Auf der Vorderseite grinsen mich neun superseriöse Gestalten an, die alle in den Senat wollen. Überschrift: „RCDS in den Senat“ – woraus ich einfach mal schließe, dass sie bisher nicht im Senat sind. Zurecht, wie ich finde.

Jedenfalls, unter den Namen der lächelnden Neun steht auch jeweils der Studiengang: BWL, Mathe, Econ[omy?], Anglistik, BWL, Jura, VWL, BWL, Jura. Es zeigt sich: Selbst wenn ich wöllte, und ich will ja gar nicht, könnte ich den RCDS gar nicht wählen, das sind ja alles Sklaven der Wirtschaft! Weder unter den Kandidaten für den Asta noch unter denen für den Senat befindet sich auch nur ein Geisteswissenschaftler!

Dieses Leistungleistungleistung-Denken macht sich bemerkbar, auch (oder gerade) in den Forderungen des RCDS.

Ein starker RCDS arbeitet für die EInführung eines evaluationsabhängigen Vergütungsbestandteils für Professoren.

Eine erzdumme Idee, dass beliebte Dozenten mit Geld belohnt werden, ganz gleich, was sie in der Lehre tatsächlich leisten. Wie soll das überhaupt ermittelt werden? Ab 60% positiver Evaluationsergebnisse gibt’s Bonus? Was ist mit Dozenten, in deren Vorlesungen 300 Studenten sitzen und mit Dozenten, die Übungen mit vielleicht neun Leuten halten?

Ein starker RCDS unterstützt die Stipendienprogramme und die Vereinfachung am BAföG.

Nun muss ich zugeben, dass ich mich mit dem BAföG-System nicht auskenne, aber ich glaube nicht, dass da die Studentenvertretung im Senat irgendetwas zu melden hätte. Abenteuerlich ist auch diese vage Ansage, Stipendienprogramme unterstützen zu wollen – inwiefern denn? Sollen Stipendianten mehr Geld bekommen? Soll das Angebot ausgeweitet werden? Sollen nur die besten zehn Prozent Stipendien bekommen? Soll es Angebote für sozial Schwache geben? In solch eine schwammige Forderung ist alles reinzuprojezieren.

Ein starker RCDS setzt in Mannheim die nötigen Veränderungen bei der Bolognareform um.

Nun mag man ob dieser kruden Formulierung nun denken, was einem beliebe, darum soll es mir nicht gehen. Paraphrasieren wir einmal diese Aussage. Es wird nichts weiter gefordert, als die vollkommene Verschulung des Universitätsbetriebes mit starren, undynamischen Lehrplänen und Semesterenden, die im Klausurmarathon enden. Das ist es, was der RCDS hier fordert. Hier unterwirft man sich ganz und gar der Wirtschaft, die wie ein Krebsgeschwür immer mehr Einfluss im akademischen Betrieb zu gewinnen scheint.

Ein starker RCDS kämpft für wirklich mehr Mitbestimmung.

Hier tut der RCDS vor allem eines, nämlich die verfasste Studienordnung zu behindern. Ganz davon abgesehen, dass diese Forderungen ein merkelscher Allgemeinplatz ist – mehr Mitbestimmung fordern kann man immer, damit macht man sich nirgens unbeliebt. Eben so offen bleibt die Aussage, wo soll wessen Mitbestimmung ausgeweitet werden?

Zu guter Letzt noch die Aussage, die von der Weltferne der „Christdemokraten“ zeugt wie keine andere:

Ein starker RCDS […] streitet für volle Transparenz bei der Verwendung Deiner Studienbeiträge.

Njet, mein Sohn. Die Studiengebühren, nennen wir das Kind doch beim Namen!, müssen nicht transparent verwendet werden, die Studiengebühren müssen abgeschafft werden! Denn es ist ein verdammtes Unding, dass ausgerechnet im Land der Dichter und Denker die Studenten für ihre Ausbildung einen Betrag zahlen müssen, der der armen Schicht der klugen Köpfe völlig den Weg in die Universitäten versperrt. Nun mag der Einwand derer kommen, die mit dem goldenen Löffel geboren wurden und vom Elternhaus durch ihr BWL-Studium durchfinanziert werden, dass es ja BAföG und Studienkredite gebe. Denen sei gesagt, dass es Menschen gibt, deren Stolz seine solche Abhängigkeit nicht zulässt und auch solche, denen der Gedanke nicht behagt, mit einem Abschluss in Philosophie oder irgendeinem anderen Fach, dass von der Wirtschaft an Universitäten höchstens stiefmütterlich toleriert wird, in der Arbeitswelt angekommen zu sein – mit Kreditschulden im Nacken. Und wer nun behauptet, dass man dann doch lieber etwas studieren solle „mit dem man auch Geld verdienen kann“, der sei als Ignorant schon gescholten genug und sollte seinen Verstandgebrauch lieber denjenigen überlassen, die die Geisteswissenschaften in diesem Gebrauch unterrichtet haben, während die Ignoranten selbst weiter bei ihren Capital Flow bleiben sollten.

Wie ich bereits erwähnte, ist es unrühmlich, dass im Land von Hegel, Mommsen, Schopenhauer, Kant und all den anderen klugen Menschen, Studiengebühren bezahlt werden müssen. Es ist die gottverdammte Pflicht des Staates, für die Ausbildung seiner Intelektuellen zu sorgen, der einzigen und mächtigsten Ressource, die er selbst generieren kann. Es muss schon eine Prestigefrage für die Nation sein, eine Schwemme an Genies heranzubilden, an hochgebildeten Menschen die vielleicht einmal auf ihrem Fachgebiet zur Weltspitze gehören werden.

Das ist es, wonach gestrebt werden muss. Man kann es natürlich auch anders machen – und RCDS wählen.

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Written by Quax

4. Mai 2010 um 20:52

Veröffentlicht in Bildung, Polemik

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2 Antworten

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  1. Hach, das liest sich ja schön.

    Du bist der lebende Beweis dafür, dass auch parteipolitisch ungebundene Personen (für einen solchen Menschen halte ich dich, wenn ich so lese, was du schreibst) politisch scharfsinnig sein können.

    Davon abgesehen ist euer Hochschulwahlkampf echt mal eine Light-Veranstaltung… komm mal zu uns nach Münster (Westfalen), da gibts noch mehr Krieg ^^

    Der Generalsekretär

    5. Mai 2010 at 19:04

  2. […] Alles wird Westerwelle. RCDS. — 1 Kommentare […]


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