Misanthropenwald

Archive for Juni 2010

Ab heute gilt’s

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Noch ein paar Stunden, dann ist es soweit. Dann haben wir ein neues Staatsoberhaupt und das Schreckensregime des Bremer Jens Böhrnsen, der das Amt völlig undemkoratisch seit Köhlers Abgang an sich gerissen hat, ist vorüber.

Noch ein paar Stunden, dann wissen wir, wessen Portait bald in den Amtsstuben hängt: Entweder das edle Antlitz des Herrn Gauck oder das seifige Lappengesicht vom Christian.

Oh, hoffentlich hoffentlich hoffentlich werden einige Abgeordnete von CDU und FDP vom Funken der Vernunft durchzuckt (bei der CSU habe ich diese Hoffnung aufgegeben), dass sie den richtigen Kandidaten wählen, nämlich nicht Wulff.

Eigentlich müsste es reichen, wenn’s in den dritten Wahlgang geht. Denn dann ist keine absolute Mehrheit mehr notwendig, um Buprä zu werden, sondern dann kriegt derjenige den Zuschlag, der die meisten Stimmen hat. Und hoffentlich hoffentlich hoffentlich rückt die Linkspartei bis dahin von ihrer stasiphilen Linie ab und zieht ihre Halbkandidatin zurück – und wählt geschlossen Gauck, um Hindenbu Wulff zu verhindern.

Drücken wir dem wahren Bundespräsidenten mal die Daumen. Wenn’s klappt, hören wir das ja von der Ferne. Jubelschreie, Vuvuzelagetröte, Autokorso.

Wenn nicht, können wir schon mal anfangen, die Flaggen wieder reinzuholen.

 

Nachtrag 1, 14:23 Uhr: Wulff im ersten Durchgang gescheitert – berichtet SPON. Erste Hürde zum richtigen Bundespräsidenten ist genommen!

Nachtrag 2, 14:33 Uhr: Jaja, Niebel. Jetzt heißt es: „das war ja abzusehen“ – aber vorher wurde noch rumgegroßkotzt, dass Wulff im ersten Wahlgang durchkommt.

Nachtrag 3, 14:36 Uhr: Das sollte eigentlich kein Liveticker werden, aber wenn ich schonmal dabei bin…

Nachtrag 4, 14:38 Uhr: Wie niedlich, Brüderle verweist darauf, dass Roman Herzog auch erst im dritten Wahlgang gewählt wurde. „Das war keine Klatsche“ – natüüürlich!

Nachtrag 5, 14:40 Uhr: Westerwelle sagt, dass die FDP geschlossen im zweiten Wahlgang Wulff wählen will – wie sie es schon im ersten gemacht hätten – Haha, bitte so geschlossen weitermachen, dann kann Wulff in Niedersachsen bleiben.

Nachtrag 6, 14:43 Uhr: Jubel gab’s vor dem Reichstag bei der Verkündung des Ergebnisses. Public Viewing zur Präsidentenwahl, eine feine Sache. Außernreporter der ARD mit den Public Viewern überfordert.

Nachtrag 7, 14:45 Uhr: FDP-Mann aus Schleswig-Holstein gibt CDU die Schuld für den zweiten Wahlgang. Ich bin gerade aufs äußerste zufrieden.

Nachtrag 8, 14:48 Uhr: O MEIN GOTT! O MEIN GOTT! Journalist spricht davon, dass „Polen offen“ sei! Ich freue mich auf die Twittermeldungen, es ist mir ein innerer Reichsparteitag.

Nachtrag 9, 14:50 Uhr: Linke zickt immer noch rum, Gauck sei unwählbar. Ganz im Gegensatz zu Wulff, ja? Ja? Ja? Kommt schon! CDU-FDP abzuwatschen ist schöner als der eigene Stolz!

Nachtrag 10, 14:53 Uhr: Stoiber hat sich schon auf drei Wahlgänge eingestellt. Da spricht der Optimismus, gnihihi!

Nachtrag 11, 14:55 Uhr: Zypries grüßt das Internet, aber das Internet grüßt nicht zurück.

Nachtrag 12, 14:57 Uhr: McAlisters Betonlächeln, leicht gequält. Er hofft noch drauf, Wulff als Ministerpräsident zu beerben.

Nachtrag 13, 14:58 Uhr: Linke dehydriert – Eigene Kandidatin wird als Alternative gesehen, ernsthaft. Gebt ihnen Wasser, sie reden wirr!

Nachtrag 14, 15:02 Uhr: NPD-Kandidat Rennicke erhält ein respektables Ergebnis von drei Stimmen. Er rollt bestimmt das Feld von hinten auf!

Nachtrag 15, 15:15 Uhr: Zweiter Wahlgang geht gleich los, spannend spannend.

Nachtrag 16, 15:18 Uhr: Wulff noch nicht auf seinem Platz. Ein gutes Omen?

Nachtrag 17, 15:19 Uhr: Namentlicher Aufruf – das sind über 1200 Menschen! Bis das Ergebnis bekannt ist, ist die erste Amtsperiode des Präsidenten doch schon wieder rum!

Nachtrag 18, 15:23 Uhr: Wulff wollte im Alter von 4 Busfahrer werden. Da ist an ihm ein großer ÖPVN-Lenker verloren gegangen.

Nachtrag 19, 15:25 Uhr: Gauck sah vor zwanzig aus wie jemand, dem ich keinen Gebrauchtwagen abkaufen würde.

Nachtrag 20, 15:51 Uhr: Wulff gegenb Direktwahl des Buprä. Habe vor Zorn Gift und Galle gespieen und laut gebrüllt.

Nachtrag 21, 15:57 Uhr: Dafür, dass ich Twitter verachte, mache ich hier gerade genau das, was man bei Twitter so tut. Hm.

Nachtrag 22, 16:01 Uhr: Wulff unwählbar, bezeichnet Keinohrhasen und Zweiohrküken als Kult!

Nachtrag 23, 16:05 Uhr: …habe ich erwähnt, dass ich den Spaß über den Livestream der ARD mitverfolge? Nein? Dann habe ich das jetzt.

Nachtrag 24, 16:16 Uhr: ARD blendete grad ein: „Panda, Gorilla & Co“ entfällt – NEEEEEEIIIIIN! Die sollen schneller wählen, meine Lust schwindet, mir das anzutun. Kann Wulff nicht einfach verzichten?

Nachtrag 25, 16:20 Uhr: Uff, Ergebnisse gibt’s erst in einer halben Stunde. Dann beende ich diesen Liveticker mal, das hier ist ja nicht der einzige Blog, den ich pflegen muss.

Nachtrag 26, 19:42 Uhr: Was lesen meine tranigen Augen? Die Linken ziehen ihre Kandidatin zurück? Kann man etwa wieder hoffen?

Nachtrag 27, 20:31 Uhr: Ich glaube, das wird nix mehr. Gewöhnen wir uns besser daran, von einem charakterlosen Stück Pfandflasche repräsentiert zu werden.

Nachtrag 28, 20:34 Uhr: Die NPD hat den Favoriten Rennicke aus dem Rennen genommen und will Gauck wählen. Als ob die Pfeifen den Unterschied machen!

Nachtrag 29, 20:37 Uhr: Ich frage mich grad, ob Merkel wohl so arrogant war und geglaubt hat, Wulff würde es beim ersten Wahldurchgang sowieso schaffen und dann Gauck gewählt hat, damit er ob der Niederlage nicht weint?

Nachtrag 30, 20:39 Uhr: Ziehe die Frage zurück, denn das setzt ja voraus, dass Merkel ein Herz hat.

Nachtrag 31, 21:09 Uhr: Ich glaube, es ist vorüber…

Letzter Nachtrag, 21:17 Uhr: Scheiße.

Written by Quax

30. Juni 2010 at 10:27

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Dummbo spricht!

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Manch einer wird den Eindruck bekommen haben, der Misanthropenwals sei politisch links. Das stimmt gar nicht. Eigentlich bin ich ein erzkonservativer Monarchist mit Hang zum liberalen Reaktionismus. Die CDU müsste also mein bester Freund sein. Und ich versuche auch, die CDU zu mögen, wirklich! Aber sie macht es mir nicht leicht. Und dann gibt JU-Oberpfeife Philipp Mißfelder noch der Süddeutschen ein Interview…

Philipp Mißfelder und seine Ohren – staatsmännische Mimik des Bundeskanzlers 2020! Ich plädiere für eine präventive Auflösung der Bundesrepublik.

Das Interview beginnt gleich mit einem guten Witz der SZ:

sueddeutsche.de: Herr Mißfelder, nach dem angekündigten Rückzug von Roland Koch aus der Politik debattiert die CDU, wer ihm als konservatives Gesicht nachfolgen könnte. Die Bild-Zeitung sieht Sie schon als neue konservative Hoffnung der CDU.

Bruahaha, SZ! Dass der segelohrige Mißfelder das Ersatzgesicht für diese Laune der Natur sein soll, super! Mit einer Beleidigung beginnt man große Interviews, sehr schön. Hätte ich nicht besser machen können.

Außerdem, was sagt das über den Zustand der CDU aus, wenn ausgerechnet Berufspappnas‘ Mißfelder die große konservative Hoffnung ist – und überhaupt, ist das nicht der Mann, der vor ein paar Jahren gefordert hat, Rentnern und Hartz-IV-Empfängern nur ein eingeschränktes Wahlrecht zu geben? Diese Idee unserer neuen „konservativen Hoffnung“ war toll, ob wir in diesem Interview ähnliche Geistesblitze bestaunen dürfen?

Aber hallo! Mißfelder zeigt uns, was wir an Koch gehabt haben (außer einem Bildungs- und Polizeikaputtsparer und Hetzredner): „Mit ihm bricht ein politischer Eckpfeiler der Union weg […]“, wie tragisch! Fehlt der ganze rechte Eckpfeiler. Vielleicht ist das mit dem allgegenwärtigen Linksrutsch gemeint. Doch ohne rechten Eckpfeiler rutsch alles, was der Pfeiler trug, nach – naja – rechts halt. Metaphorisch gesprochen, denn Koch hat ja nie irgendwas getragen, am wenigsten Verantwortung.

Schelmisch fragt die SZ, wie der Eckpfeiler es hinbekommen hat, zehn Prozent bei der letzten Wahl nachzugeben. Philipp weiß es:

Mißfelder: Wir haben bei der Bundestagwahl eines der schlechtesten Ergebnisse unserer Parteigeschichte erzielt. In Nordrhein-Westfalen haben wir vor allem in unseren Hochburgen massiv verloren. Ich kann nicht erkennen, dass das passiert wäre, weil wir uns so außerordentlich um unsere Stammwähler bemüht hätten. Wir haben uns im Gegenteil insbesondere um die Mitte beworben.

Verluste, weil ihr Dötsche in der Mitte geworben habt, soso. Nur so, als klitzekleiner Hinweis: Vielleicht hättet ihr Wahlstrategen statt auf dümmliche Wahlkampfsongs zu setzen mal lieber eure Stammwählerschaft mobilisieren sollen! Dann hättet ihr bei der Bundestagswahl nicht so mies abgeschnitten und würdet jetzt die Regierung stellen… Moment… Und weil diese Regierung (von welcher Partei ist nochmal diese Frau Dr. Merkel?) so großartige Arbeit geleistet hat, habt ihr in NRW – zurecht – die Quittung bekommen. Minderheitsregierung unter Hannelore Kraft, einer Frau. Heißt es eigentlich deswegen Minderheitsregierung…?

Wurscht, jedenfalls lag es nicht daran, dass ihr um die Mitte geworben habt, jene Mitte, die gerade zwischen Mövenpick-Großkapital und Hartz-IV-Plebejern aufgerieben wird. Dank euch übrigens. Gut gemacht. Und Mißfelder heißt die Zukunft. Wieso nur, wieso.

Weiter:

sueddeutsche.de: Ist die Frage, ob und wie konservativ sich die Partei nach außen darstellt, eine Frage des politischen Überlebens?

Mißfelder: Nein. Es müssen sich alle drei Wurzeln in der Union, die konservative, die liberale und die soziale widerfinden.

Krrks, krrks, krrks. Wie passt das denn zusammen, konservativ und liberal und sozial? Da fällt mir ja nicht mal ein passender DDR-Vergleich zu ein. Wenn ich konservativ und liberal bin, bin ich die FDP. Wenn ich konservativ und sozial bin, bin ich die CSU. Wenn ich sozial und liberal bin, bin ich die Regierung von Willy Brandt. Und wenn ich alles drei bin, bin ich wie Mißfelders Hirn, nämlich unauffindbar.

Aber es geht ja noch weiter, Mißfelder, übernehmen Sie:

Wir brauchen aber auch in der Wirtschaftspolitik ein Gesicht. Nach dem Wechsel von Karl-Theodor zu Guttenberg vom Wirtschafts- ins Verteidigungsministerium müssen wir auch in der Regierung deutlich mehr Profil zeigen.

Wieso, Saufnase Brüderle macht den Job doch ganz ordentlich? Und Gutti will bei der Armee sparen und das Heer auf die Größe des Versailler Vertrags stutzen, nämlich auf so 100.000 Mann (und Frau).

Jetzt geht’s ja aber auch darum, wie man die Stammwählerschaft aus ihrem Wachkoma holt. Zum Beispiel durch klare Aussagen in der Integrationspolitik:

Mißfelder: Etwa mit klaren Aussagen in der Integrationspolitik. Wir haben ja geradezu einen Wettbewerb darum, wer die meisten runden Tische organisiert. Stattdessen brauchen wir mehr Ecken und Kanten.

Oh, Philipp! Statt runder Tische eckige.

Unsere Stammwähler aber, vor allem diejenigen, die in den großen Städten tagtäglich mit den Integrationsproblemen konfrontiert werden, suchen hier mehr Halt. Sie verlangen von uns ganz klar, dass wir uns mehr dem Aspekt des Forderns und nicht nur dem des Förderns widmen. Dafür steht auch Roland Koch.

Jahaha, Koch stand total auf’s Fordern und Fördern. Erst forderte er, kriminelle Ausländer hinzurichten auszuweisen. Die Abschiebung der Kriminellen wurde dann effektiv gefördert. Das ist Fördern und Fordern nach hessischer CDU-Lesart, für die Koch steht, bzw. stand und jetzt geht. Und Mißfelder schwingt sich auf, zum Neokoch. Denn so funktioniert gute Integration…:

sueddeutsche.de: Was wäre denn eine konservative Forderung, die diesen Ansprüchen genügt?

Mißfelder: Ich finde, und das haben wir in Nordrhein-Westfalen teilweise auch etabliert, es soll kein Kind mehr eingeschult werden, wenn es nicht Deutsch sprechen kann.

…natürlich überhaupt nicht. Ein nicht deutschelndes Balg kommt also nicht in die Schule, sondern bleibt doof. Gut, bei unserem Bildungssystem ist es wurscht, ob die Kinderlein die Schulbank drücken oder nicht. Aber mal ernsthaft, das ausländisch sprechende Kind darf nicht in die Schule und – lernt kein Deutsch. Wozu auch, es ist ja den ganzen Tag in seinem ausländischen Umfeld, wo es ausländisch sprechen kann. Außerdem hat es keinen Schulabschluss (nicht mal von der Grundschule! Sowas gibt’s sonst nur bei Abgeordneten der Grünen!) und wird dem Staat auf der Tasche liegen, mit Hartz-IV. Aber hey, so wird es ja automatisch kriminell und kann auf Kochsche Art gefördert werden. Wie prima, dass in der heilen CDU Welt aus kaputten CDU-Köpfen solche tollen Ideen kommen.

Damit Stammwähler reanimiert werden, schlägt Mißfelder das zweite Paradoxon des Interviews vor:

Wir müssen sozial ausgewogen und ordnungspolitisch vernünftig sein. Wir müssen weltoffen sein und zugleich ein klares Bekenntnis zur deutschen Leitkultur ablegen.

Krrks, krrks, krrks. Da knackt das Gehirn. Ich kann mich doch nicht weltoffen, kosmopolitisch geben und gleichzeitig auf den Provinzialismuszug der Leitkultur aufspringen, der genüsslich mit Volldampf voraus die ankriechenden Schafkulturen von den Gleisen fegt. Mißfelder, alter Kulturologe, ich glaube, da hat jemand das mit der Leitkultur mißfeldstanden (Aaargh, Wortspiel. Dreizehn Mark ins Wortspielschwein!), denn ist Leitkultur nicht automatisch diejenige Kultur, die am öftesten vorhanden ist und am meistesten praktiziert wird? Was gleicht sich wohl wem an, die türkische Minderheitskultur an die deutsche Herrenleitkultur oder umgekehrt. Na? Oder liegt diese bekloppte Forderung einfach daran, dass der Deutsche sich gern führen lässt?

Aber weiter:

sueddeutsche.de: Glauben Sie noch an Wahlergebnisse für die Union jenseits von 40 Prozent?

Mißfelder: Ja, aber das hängt vor allem davon ab, ob wir unsere Stammwähler und die Wechselwähler mobilisieren können. […] Wenn wir es dann zugleich schaffen, die Anhänger des politischen Gegners zu demobilisieren, sind wir ein Stück weiter.

Wenn ihr also alles genau andersrum macht als beim letzten mal, dann kann die CDU auch wieder stalinistische Wahlergebnisse einfahren. Und immer feste druff auf die anderen! Das ist neben Leitkultur das nächste, was man in der CDU sehr gern mag, andere Parteien ärgern. Und sei es die FDP in der eigenen Koalition. Aber da frage ich mich doch: wer ist denn der politische Gegner? Sind das nicht im Moment alle? Von FDP bis Linkspartei? Will man also die demobilisieren, eventuell sogar auf die eigene Seite ziehen? Will Mißfelder wirklich von den Stimmen zum Kanzler gekürt werden, die sonst die menschenfressenden Kommunisten bekommen hätten? Mißfelder – ein Halbsozialist? Linksrutsch, anyone?

Aber bis dahin ist es ja noch ein langer Weg, dessen Ziel Mißfelder hoffentlich nie erreicht. Zum Schluss also noch ein paar Worte zum Ist-Zustand der Partei:

Mißfelder: Angela Merkel ist die unumstrittene Nummer eins der Union. Die Partei ist auf sie zugeschnitten, wir unterstützen sie in ihrem Weg.

Ja, zugeschnitten auf die unumstrittene Nummer eins war die CDU schon anno damals auf den ewigen Helmut Kohl. Und was kam nach Kohl? SCHRÖDER!

Kann Mißfelder das wollen? Dass wir nach Merkel das gleiche durchmachen müssen wie nach Kohl? Und würde Mißfelder dann die neue Merkel werden? Ja? Wäre möglich?

Hasst Mißfelder Deutschland wirklich so sehr? 

Written by Quax

29. Juni 2010 at 01:27

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Der Wulff im Schlafspelz

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Womit haben wir das nur verdient? Heute fliegen wir gegen England aus der WM (gut, da mag ich mich geirrt haben) und Christian Wulff wird vom Minister- zum Bundespräsidenten. Laut SPON inszeniert sich der künftige Frühstückspräsident schonmal präsidentengerecht. 

Was soll das, Wulff? Noch hast du keine Wahl gewonnen und schon planst du für deine Zukunft als Buprä. Liest man so auf SPON. Dein zweijähriger Sohn zum Beispiel. Der soll den lieben langen Tag durch Schloss Bellevue toben, auch in deinem Arbeitszimmer. Da liest man (auf SPON, falls es jemand noch nicht mitgekriegt haben sollte):

„Ich habe meine Kinder gern um mich“, sagte Wulff. „Kinderlärm ist Zukunftsmusik, und wo Menschen arbeiteten [sic!], muss auch Platz für Kinder sein.“

Zum Beispiel auf Baustellen und in Krematorien. Halt da, wo auch Platz für Kinder ist und die schönste Zukunftsmusik ist das Schmerzgeschrei der Blagen. Kinderlärm bei Wulff ist doppelt schön, im leeren Wulffkopp hallt der so toll nach. Andererseits – wie viel Lärm macht so ein spielender zweijähriger Wulffsohn so durchschnittlich? Von der Arbeit wird er den guten Papa ja nicht abhalten – er muss ja nur Master Merkels Gesetze abnicken. Also viel Zeit für zum Spielen!

Oder auch nicht, denn Bellevue wird kein Kindergarten:

Das Schloss Bellevue soll aber keineswegs zu einem Kindergarten, sondern langfristig zu einer „Denkfabrik“ werden, versprach der Kandidat der Koalition. […] „Künstler und kluge Köpfe“ sollten helfen, das Land „modern und zukunftsfest zu machen“.

Also Kinderarbeit in der Denkfabrik – und Think-Tank Christian ist ganz, ganz vorne mit dabei. Während kluge Köpfe rollen und erst gar nicht nach Bellevue dürfen (weil nicht gewählt), machen Künstler das deutsche Vaterland zukunftsfest mit Zukunftsmusik. Angereichert mit Erwachsenengebrüll und einschläferndem Wulffschen Ritalingebrabbels.

Auf Wulffs To-Do-Liste kann also abgehakt werden: 1. Kinderlieb (check!), 2. Zukunftsorientiert (check!) und 3. bewandert in Kultur und Geschichte ist der Nachfolger in Lübkes Amt auch, da kann man mal sehen, wo Wulff sich selbst sieht:

„Denken Sie an Friedrich den Großen und seinen Berater Voltaire. Goethe war Minister und von Humboldt preußischer Beamter“

Oder Barbarossa und Heinrich den Löwen oder den Führer und Ernst Röhm! Herzlichen Glückwunsch, Christian Wulff stellt sich in eine Reihe bedeutender Philosophen und Denker. Einer davon der Berater vom Alten Fritz, einem absolutistischen Monarchen, der einen Angriffskrieg gegen Österreich wegen Schlesien führte.

Und überhaupt, wieso Berater? Als Bundespräsident wäre Wulff das verdammte Staatsoberhaupt, da vergleicht man sich doch nicht mit Beratern! Sondern mit Kaisern und Königen! Es sei denn, man ist selber nichts weiter als ein Berater; und das wäre Wulff ja schließlich auch. Nichts anderes als ein Berater. Und zwar einer der Bundeskanzlerin. Aber aktiver (oder das, was man in Hannover unter „aktiv“ versteht) Politzocker zu sein, ist kein Nachteil. Ebensowenig wie das junge Alter:

„Ich bin der festen Überzeugung, dass es kein Nachteil ist, wenn man aus der aktiven Politik kommt.“ Auch sein Privatleben wertet Wulff demnach als Vorzug: Er habe Kinder in Krippe, Grundschule und Gymnasium und kenne von seiner Frau die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sein Fazit: „Ich halte es nicht für schlecht, wenn der Bundespräsident aus der Mitte des Lebens kommt.“

Jaaaaa, kein Nachteil, wenn man aus der Politik kommt. Für Wulff sicher nicht und für Merkel noch weniger, ist sie doch damit einen Konkurrenten los und hat einen willigen Lakaien im höchsten Staatsamt sitzen.

Auch von Vorteil: sein Privatleben. Er hat schonmal gehört, dass es ziemlich schwierig sein kann, Beruf und Familie zu verbinden, wenn man selbst genug leichtverdientes, eigentlich ja unverdientes, Geld nach Hause bringt, um Putzfrau und Kindermädchen zu bezahlen. Ein Mann aus der Mitte des Lebens! Ganz anders als der olle Aktenstöberer Gauck, der dann schon quasi ein Bundespräsident vom Ende des Lebens wäre?

Warum bedenkt Wulff hier nicht die ökonomischen Vorteile, die ein 70-jähriger Buprä mit sich bringt? Nach seinen maximal zehn Jahren Dienstzeit müsste die Staatskasse nicht mehr sooo lange für seine Altersbezüge aufkommen, das erledigt Mutter Natur. Wulff hingegen hätte spätestens mit 61 ausgesorgt und würde als Altbundespräsident noch jahrzehntelang durch Zeitungen eiern und Unsinn reden, so wie Helmut Schmidt das macht. Ein junger Bundespräsident bringt nur Unglück! Was machen wir, wenn Wulff das so handhabt wie Walter Scheel, der stramm auf die 1000 zugeht?

Aber zurück zu Wulffs Privatleben, wie sieht’s aus mit dem holden Eheweibe?

Auf die Frage, ob das auffällige Tattoo seiner Ehefrau bei offiziellen Auftritten ein Problem sein könne, sagte Wulff: „Auch wenn es sie verstört: Es ist kein Problem, es ist cool.“

Was hat sie denn, ein Kainsmal auf der Stirn? Das verstört mich nicht, das Tattoo ist auch kein Problem, sondern Wulff. Viel verstörender finde ich, dass ein 51-jähriger katholischer Niedersachse von der CDU Wörter wie „cool“ legal verwenden darf. Brrrr, da stellt sich mir jedes Härchen auf…

Das Tattoo ist also cool und kein Problem und damit das genaue Gegenteil von Wulff.

Die ungelenk staksende Sympathievernichtungsmaschine, die wir bald unser Oberhaupt nennen müssen (und das wohl nur, weil die Linke herummemmt und Gauck nicht wählen will, weil der die DDR nicht so dufte fand), plant schon für die Zukunft.

Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, werde er sich aus Bremen an die Nation wenden, so Wulff. Er wolle sich dafür etwas Zeit nehmen, um „ausreichend tief zu schürfen“.

Himmel, das wird der schlimmste 3. Oktober aller Zeiten! Was kommt denn bitte dabei heraus, wenn ein gesichtsloses Stück Seife anfängt „ausreichend tief zu schürfen“? Will er seine eigene DDR-Vergangenheit aufarbeiten, die nie existiert hat? Könnte uns jemand davor bewaren? Könnte jemand bitte Gauck wählen, der reden kann? Und weiß, wovon er spricht? Und nicht zwingend auf einen Redenschreiber angewiesen ist? Jemand, der als Symbol der Einheit gelten kann, nicht so wie Wulff, der sich vielleicht als Reklamefigur für Krabbensuppe gut macht?

Wulff ist sicher zu cool für Krabensuppe, weil er will weiter auf Konzerte gehen, ja ja, nicht auf so klassische Konzerte mit Orchester und Geigen und so, sondern richtig Hardcorezeug:

Rockkonzerte wolle er auch in Zukunft weiter besuchen, seiner Frau habe er Karten für einen Auftritt der Band U2 in Hannover besorgt. Innenraum, nicht Tribüne.

U2, Innenraum. YEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!

Dieser Mann soll mein Bundespräsident werden! Wartet, Moment – Nein, soll er nicht! Anderen Politikern würde man Populismus vorwerfen, aber Wulff hat die Schallmauer des Populismus längst überschritten, auf der E-Gitarre der Kinderzukunftsmusik reitend. Cool, versteht sich. Mit Sonnenbrille und Tattoo.

Auch in Sachen Fußball gibt sich Wulff volkstümlich: Wie seine Chefin Angela Merkel tippte er für das Achtelfinale der Fußball-WM gegen England auf 2:1 für Deutschland

Hach, Christian, du Charmebolzen! Nicht nur, dass du deiner Chefin alles nachplapperst, du weißt auch, wie man das Volk beglückt! Indem man sagt, dass man den Engländer mit 2:1 gegen die Wand klatscht! O Wulff, du mein Fußballorakel, der du „bereits den 1:0-Sieg Deutschlands gegen Ghana richtig vorausgesagt“ hast! Außerdem wünschst du dir, dass die deutsche Mannschaft ins Finale kommt, denn dann wirst du, in deiner Funktion als Bundespräsident (was Gott und die Bundesversammlung verhüten möge) nach Südafrika fliegen, zum Finalspiel. Dass wir im Endspiel sein werden, daran besteht schon gar kein Zweifel mehr, die Frage ist nur noch, wer dann auf der Tribüne sitzen wird, Merkel nähmlich auf jeden Fall:

Für den Fall, dass am Ende nicht er nach Südafrika reisen kann, sondern doch Gauck, baute Wulff schon einmal vor. Das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl dürfe auf keinen Fall mit dem Schicksal der kriselnden Berliner Koalition verbunden werden. Ein eventuelles Scheitern bedeute nicht das Ende der Regierung von Bundeskanzlerin Merkel.

Schade eigentlich.

Written by Quax

27. Juni 2010 at 14:50

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Leck leck, blubb blubb, Öl Öl

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Milliarden und Abermilliarden Liter lustig-leckeren Wertvollöls suppen durch den Golf von Mexiko. Jeder, der schon mal einen Golf sauber gemacht hat, weiß einen Passat zu schätzen. Und mit diesem schlechten Gäg zu Beginn folgt nun: der Rest.

Alle Welt lacht über BP – und das völlig zurecht. Deren blöde Ölbohrinsel kippt um und schon gibt es keine Vögel mehr im Golf von Mexiko. Denn das böse Öl hat alles verklebt.

Um das Problem in den Griff zu kriegen, hatte BP drei Möglichkeiten. Diese drei Optionen möchte ich kurz darstellen. Sie lauten wie folgt:

  1. So tun, als sei nichts gewesen
  2. Alle Vögel erschießen
  3. Den Ölteppich anzünden

Option A (hier mit „1“ gekennzeichnet) fiel flach, dazu hatte die Wasserfarbe im Golf von natürlich-blau in einen tiefdunkelblauen bis schwarzen Grundton gewechselt, der von einigen grauen Sprenkeln gebrochen wird.

Alternative β (hier mit „2“ paraphrasiert) verursachte zu hohe Kosten, denn man hätte professionelle Robbenjäger aus Kanada anwerben müssen und diese von Keulen und Brettern mit Nägeln drinne auf Schießgewehre umschulen müssen. Die US-Regierung wollte nämlich die Nationalgarde nicht zur Vernichtung des Federviehs bereitstellen.

Möglichkeit c (hier durch „3“ symbolisiert) hätte ein hübsches Feuerchen im Golf verursacht, doch die Bürgermeister der Anrainersiedlungen warfen den Vorwand ein, dass eine dreiunddreißig Tage lang brennende Feuersäule die Nächte in einem Maße erhellen würde, dass der Schlafrhythmus der Bewohner Schaden hätte nehmen können. Die Möglichkeit scheiterte letztenendes daran, dass man befürchtete, dass sich die Flammen durch das Meer hindurch zum Meeresgrund und zur Quelle des Ölausbruchs bahnen und so die gesamten Ölvorräte des Planeten Erde verzehren. Und dabei so viel Wasser verdampfen, dass der Erdmeeresspiegel um 47,2 Meter sinkt.

Man entschied sich für Vorschlag 4, der hier nicht aufgeführt ist, weil er dämlich ist. Aber BP hat ihn trotzdem gemacht. Um das Gift im Golf zu bekämpfen, schüttete BP einfach noch mehr Gift hinein, aber anderes. Mit einer Chemikalie, die noch schädlicher ist als das schwarze Gold, sollte der Ölteppich zusammengerollt und weggeschafft werden. Gift mit Gift bekämpfen – so als würde man sich Typhus holen, wenn man schon Cholera hat, in der Hoffnung, dass sich die Viren gegenseitig verspeisen.

Die USA rüffelte BP für diesen Blödsinn und an den Aktienmärkten rotierten die Kurse. Die Mafia Rating-Agenturen rateten BP und stuften sie als „nicht-so-gut“ ein und Wettbüros fingen an, Wetten auf die Zerschlagung BPs anzunehmen. Doch so weit ist es bisher noch nicht gekommen. 

Da kommt es PR-mäßig für BP vielleicht ganz gut, dass im Roten Meer eine ägyptische Bohrinsel lecken soll. Da sollten wir uns schon mal überlegen, ob das Rote Meer nicht umbenannt werden sollte – und überhaupt, wann ist das mit dem Schwarzen Meer eigentlich passiert?

Überall knirschen und knacken die Bohrinseln und Öl blubbert fleißig an die Erdoberfläche durch das Wasser hindurch an die Wasseroberfläche. Bohrinseln werden verteufelt und dichtgemacht, so gut es geht. Und was macht Brasilien, dieses Belgien Südamerikas?

Ölbohrinseln bauen.

Written by Quax

22. Juni 2010 at 20:50

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Vorfreude

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Ich freue mich. Wirklich. Auf das WM-Spiel Deutschland gegen Serbien. Am Freitag. In Südafrika. Wie ich mich freue!

Nicht auf das Spiel ansich. Diese blöde Sportart kann mich sonstwo mal, sondern auf die Halbzeit. Wenn die Moderatorin vom letzten mal, die sich diesen sprachlichen Dings hier, ne? Worüber sich alle so künstlich aufgeregt haben usw.

Ich weiß ja gar nicht, ob das Spiel überhaupt im ZDF übertragen wird oder ob andere Sender ähnlich begabte Moderatoren haben. Jedenfalls ist es mir ein innerer Reichsparteitag, mich auf die Halbzeit zu freuen. Wenn er kommt. Der ultimative Spruch zum Spiel. Und er wird kommen. Fettnäpfchen werden nicht ausgelassen. Irgendjemand wird ihn bringen. Öffentlich. Und dann wird das Geschrei losgehen. O wie werde ich mich auf diesen Spruch freuen. Und auf die Deppen, die sich drüber aufregen. Und die, die den Spruch verteidigen. Weil sie noch deppiger sind. Deutschland gegen Serbien. Hach, dieser Spruch!

Serbien muss sterbien.

Written by Quax

16. Juni 2010 at 16:57

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Der innere Reichsparteitag

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Gestern, Halbzeitpause. Schland gegen Kängurus. Moderatorin spricht davon, dass Kloses Tor für ihn ein innerer Reichsparteitag sei. Ich kannte die Redewendung nicht, habe ein bisschen gestutzt und mich auf die empörten Kommentare am nächsten Tag gefreut.

Ich wurde nicht enttäuscht.

Zugegeben, der innere Reichsparteitag ist etwas unglücklich gewählt, wenn man im Medium Fernsehen moderiert und immer von der größtmöglichsten Dummheit seiner Zuschauer ausgehen sollte. Für den Medienjournalisten Stefan Niggemeier ist der innere Reichsparteitag eine alltägliche Redewendung. Ich habe sie zwar noch nicht gehört, aber ich glaube ihm da einfach mal. Und was es bedeutet, was ein innerer Parteitag ist, kann man jetzt auch leicht rausfinden.

Es ist mir ein innerer Reichsparteitag, dass ich das nun weiß und werde die Redewendung in meinen aktiven Wortschatz übernehmen („Wie war die Klausur?“ – „Sie war ein innerer Reichsparteitag!“, „Wie war der Urlaub?“ – „Ein einziger Reichsparteitag!“, „Wie war der Parteitag?“ – „Ganz okay.“).

Ich bin auch gespannt, wie es mit der Moderatorin weitergeht. Vielleicht erlebt sie ja einen inneren Frankreichfeldzug.

Written by Quax

14. Juni 2010 at 11:02

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BRRSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS

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Was ist das: BRSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS! Das ist das Geräusch, dass tausende Menschen machen, wenn sie im Stadion ihren Uweseeler blasen. Ja, die kleine Plastiktröte namens Vuvzela spaltet die Nation – in linke, fußballhassende Gutmenschen und imperialistische Kolonialrassisten. So sieht jedenfalls die Lage aus, wenn man diverse Kommentarspalten im Netz liest.

Ein Großteil der Kommentare der erbosten Fuppesgemeinde sieht – sinngemäß – etwa so aus:

Ich bin ja kein Rassist, aber: Wenn der Buschmann seine beschissene Negertrompete nicht abstellt, guck‘ ich die WM nur noch mit ohne Ton!

Und die FIFA zittert. Wobei, so schlimm wär’s ja nu auch wieder nicht, die Spiele so komplett ohne Ton zu gucken, denn die Kommentatoren sind auch nicht mehr das, was sie nie waren: „Den Spielaufbau brauche ich Ihnen ja nicht zu beschreiben, den sehen sie ja.“ – vielen Dank.

Aber die Atmosfäääääääääääääre! Von dem Stadion un‘ so! Un‘ die Fängesänge! Das sind die Einwände gegen ohne-Ton-gucken. Die Schlachtgesänge oder das Gegröhle, das dafür gehalten wird. Die heizen nämlich das Spiel an, anders als die Vuvuzelas, die neunzig Minuten nur einen einzigen Ton hervorbringen. Man muss jetzt halt das anfeuernde vom ausbuhenden Tröten unterscheiden.

Der gemeine Fußballfan klagt schon: Er werde keine Spiele mehr sehen, außer die der eigenen Mannschaft und die auch nur ohne Ton und bei den anderen Spielen habe er schon nach fünf Minuten weggeschaltet. Besonders hartgesottene Jünger des Rundleders hielten nach eigenen Angaben gar zwanzig Minuten aus.

Insgesamt munkelt man, wie man wieder die bierselige Prollatmosphäre herstellen könnte, die man kennt und liebt. Zum Beispiel, indem man die ARD in wüsten Schimpfmails dazu auffordert, den Möpton rauszufiltern, was zur Folge hätte, dass man die Geräuschkulisse einer Tagesschau von ’51 hätte. Man könnte auch die FIFA da treffen, wo es wehtut: Beim Geld! Indem man keine Spiele mehr schaut und die Werbeeinnahmen zurückgehen. Dann wird der Sepp Blatter schon von selbst einlenken und die Tröten verbieten, denn bisher mauert er.

Die Vuvuzela gehöre nunmal zur Kultur Südafrikas und schon schäumt der Untertan von König Fußball: NAAAAAAAIN, DIE GIIIIBT’S ERST SEIT ZEHN JAAAAAAHN, DIE IIIIIST KEINE KULTUUUUUUR!!! – doch ist sie. Unerheblich, seit wann, aber sie ist es. Es ist vielleicht keine Tradition, wie das Kudu-Horn, auf das man sich dank Wikipedia klugscheißend beruft, aber zur Kultur gehört diese „chinesische Billigware“ (O-Ton SPON-Forum) nunmal. Und auch der schöne Satz, den ich auf einem Blog gelesen habe, dass wenn alles Kultur sei, nichts Kultur sei, da habe ich dann doch innerlich geweint und gelacht gleichzeitig. Denn es ist nunmal alles Kultur, das weiß jeder, der sich mit Definitionen von Kultur mal herumschlagen musste (und Scheiße ja, das musste ich).

Das Kulturargument ist die Hauptwaffe der Gegenseite, die in jeder Kritik an der Vuvuzela gleich Rassismus sieht, weil der böse weiße Mann ja die Kultur des Gastgeberlandes nicht achtet und Verbotsforderungen seien ja eh der Teufel. Man stelle sich vor, 2006 hätte jemand ein Verbot der Fahnen gefordert! Jetzt hinkt dieser Vergleich ein wenig, weil Fahnen höchstens in Ausnahmefällen einen monotonen Dauerton erzeugen, aber gut.

Nichtsdestotrotz ist jeder Vuvuzelahasser ein Südafrikahasser und weil’s am Kap nunmal viele Schwarze gibt, sind die Horn-Hater Rassisten. Die betonen dann unermüdlich, keine Rassisten zu seien (s.o.), Südafrika ansonsten total knorke zu finden und sogar schonmal ’nem Schwarzen über den Buckel gestreichelt zu haben (soll Glück bringen).

Ein weiteres, gar nicht mal so sehr von der Hand zu weisendes Argument ist, dass die Vuvuzela ja auch von den Gästen gepustet wird. Stimmt, sagt das der Fän und schimpft auf diese Eventfans, die gar keine echten Fußballfans sind und jeden Modequatsch mitmachen. Das Problem sei nicht der Mensch, sondern sein Gerät:

Mir doch egal, aus welchem Land der Hottentotte mit seiner Tröte ist!

Die Plastikhupe direkt betreffend liest man auch oft, dass sie ästhetisch ähnlich unansprechend sei, wie das Gegröhle der Betrunkenen (was aber nicht so monoton ist) oder ähnlich laut wie Druckluftmöpen (die in Stadien ohnehin verboten sind), man solle sich also nicht so anstellen.

Hochwohlerhabend wie ich nunmal bin, bin ich der fleischgewordene Konsens. Der leberwurstig schmollende TV-Zuschauer soll sich nicht so anstellen, so furchtbar ist das Wespennestsummen nun auch wieder nicht, auch wenn es ohne Frage nervt. Diese eine WM werdet ihr’s ja wohl noch aushalten, stellt euch nicht so an!

Und: Vuvuzelas, Kultur hin oder her, sind nervtötend. Besonders, wenn sie vereinzelt von Leuten missbraucht werden, die in der Nachbarschaft leben und nur partiell gelernt haben, das Instrument zu bedienen, sodass nur ein klägliches, aber extrem lautes Grnöööööööööörcks hervorgebrochen wird. Verflucht, wer braucht als biervoller, gröhlender Deutscher so ein verkapptes Nebelhorn, wenn er über ein (leider) gut ausgebautes Brüllorgan für den obligatorischen DÖÖÖÖSCHLAAAN, DÖÖÖÖSCHLAAAAAAN-Jubel verfügt?

Ganz schlecht soll die Tröte wohl für die Spieler auffem Platz sein, weil die Kommunikation zwischen Spielern und Spielern, Spielern und Schiedsrichtern und Spielern und Trainern nicht mehr klappt. Das ist natürlich tragisch, wenn ein technisch so ausgeklügelter Sport wegen des monotonen Hornissendröhnens nicht mehr wie geplant funktioniert.

Hoffen wir alle mal, dass heute Abend Germany’s Finest davon nicht betroffen sind, damit wir alle schwarzrotgoldtrunken Deutschland, Deutschland über Alles Heil dir im Siegerkranz singen können.

Written by Quax

13. Juni 2010 at 15:25

Veröffentlicht in Mischwald, Polemik

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