Misanthropenwald

BRRSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS

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Was ist das: BRSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSS! Das ist das Geräusch, dass tausende Menschen machen, wenn sie im Stadion ihren Uweseeler blasen. Ja, die kleine Plastiktröte namens Vuvzela spaltet die Nation – in linke, fußballhassende Gutmenschen und imperialistische Kolonialrassisten. So sieht jedenfalls die Lage aus, wenn man diverse Kommentarspalten im Netz liest.

Ein Großteil der Kommentare der erbosten Fuppesgemeinde sieht – sinngemäß – etwa so aus:

Ich bin ja kein Rassist, aber: Wenn der Buschmann seine beschissene Negertrompete nicht abstellt, guck‘ ich die WM nur noch mit ohne Ton!

Und die FIFA zittert. Wobei, so schlimm wär’s ja nu auch wieder nicht, die Spiele so komplett ohne Ton zu gucken, denn die Kommentatoren sind auch nicht mehr das, was sie nie waren: „Den Spielaufbau brauche ich Ihnen ja nicht zu beschreiben, den sehen sie ja.“ – vielen Dank.

Aber die Atmosfäääääääääääääre! Von dem Stadion un‘ so! Un‘ die Fängesänge! Das sind die Einwände gegen ohne-Ton-gucken. Die Schlachtgesänge oder das Gegröhle, das dafür gehalten wird. Die heizen nämlich das Spiel an, anders als die Vuvuzelas, die neunzig Minuten nur einen einzigen Ton hervorbringen. Man muss jetzt halt das anfeuernde vom ausbuhenden Tröten unterscheiden.

Der gemeine Fußballfan klagt schon: Er werde keine Spiele mehr sehen, außer die der eigenen Mannschaft und die auch nur ohne Ton und bei den anderen Spielen habe er schon nach fünf Minuten weggeschaltet. Besonders hartgesottene Jünger des Rundleders hielten nach eigenen Angaben gar zwanzig Minuten aus.

Insgesamt munkelt man, wie man wieder die bierselige Prollatmosphäre herstellen könnte, die man kennt und liebt. Zum Beispiel, indem man die ARD in wüsten Schimpfmails dazu auffordert, den Möpton rauszufiltern, was zur Folge hätte, dass man die Geräuschkulisse einer Tagesschau von ’51 hätte. Man könnte auch die FIFA da treffen, wo es wehtut: Beim Geld! Indem man keine Spiele mehr schaut und die Werbeeinnahmen zurückgehen. Dann wird der Sepp Blatter schon von selbst einlenken und die Tröten verbieten, denn bisher mauert er.

Die Vuvuzela gehöre nunmal zur Kultur Südafrikas und schon schäumt der Untertan von König Fußball: NAAAAAAAIN, DIE GIIIIBT’S ERST SEIT ZEHN JAAAAAAHN, DIE IIIIIST KEINE KULTUUUUUUR!!! – doch ist sie. Unerheblich, seit wann, aber sie ist es. Es ist vielleicht keine Tradition, wie das Kudu-Horn, auf das man sich dank Wikipedia klugscheißend beruft, aber zur Kultur gehört diese „chinesische Billigware“ (O-Ton SPON-Forum) nunmal. Und auch der schöne Satz, den ich auf einem Blog gelesen habe, dass wenn alles Kultur sei, nichts Kultur sei, da habe ich dann doch innerlich geweint und gelacht gleichzeitig. Denn es ist nunmal alles Kultur, das weiß jeder, der sich mit Definitionen von Kultur mal herumschlagen musste (und Scheiße ja, das musste ich).

Das Kulturargument ist die Hauptwaffe der Gegenseite, die in jeder Kritik an der Vuvuzela gleich Rassismus sieht, weil der böse weiße Mann ja die Kultur des Gastgeberlandes nicht achtet und Verbotsforderungen seien ja eh der Teufel. Man stelle sich vor, 2006 hätte jemand ein Verbot der Fahnen gefordert! Jetzt hinkt dieser Vergleich ein wenig, weil Fahnen höchstens in Ausnahmefällen einen monotonen Dauerton erzeugen, aber gut.

Nichtsdestotrotz ist jeder Vuvuzelahasser ein Südafrikahasser und weil’s am Kap nunmal viele Schwarze gibt, sind die Horn-Hater Rassisten. Die betonen dann unermüdlich, keine Rassisten zu seien (s.o.), Südafrika ansonsten total knorke zu finden und sogar schonmal ’nem Schwarzen über den Buckel gestreichelt zu haben (soll Glück bringen).

Ein weiteres, gar nicht mal so sehr von der Hand zu weisendes Argument ist, dass die Vuvuzela ja auch von den Gästen gepustet wird. Stimmt, sagt das der Fän und schimpft auf diese Eventfans, die gar keine echten Fußballfans sind und jeden Modequatsch mitmachen. Das Problem sei nicht der Mensch, sondern sein Gerät:

Mir doch egal, aus welchem Land der Hottentotte mit seiner Tröte ist!

Die Plastikhupe direkt betreffend liest man auch oft, dass sie ästhetisch ähnlich unansprechend sei, wie das Gegröhle der Betrunkenen (was aber nicht so monoton ist) oder ähnlich laut wie Druckluftmöpen (die in Stadien ohnehin verboten sind), man solle sich also nicht so anstellen.

Hochwohlerhabend wie ich nunmal bin, bin ich der fleischgewordene Konsens. Der leberwurstig schmollende TV-Zuschauer soll sich nicht so anstellen, so furchtbar ist das Wespennestsummen nun auch wieder nicht, auch wenn es ohne Frage nervt. Diese eine WM werdet ihr’s ja wohl noch aushalten, stellt euch nicht so an!

Und: Vuvuzelas, Kultur hin oder her, sind nervtötend. Besonders, wenn sie vereinzelt von Leuten missbraucht werden, die in der Nachbarschaft leben und nur partiell gelernt haben, das Instrument zu bedienen, sodass nur ein klägliches, aber extrem lautes Grnöööööööööörcks hervorgebrochen wird. Verflucht, wer braucht als biervoller, gröhlender Deutscher so ein verkapptes Nebelhorn, wenn er über ein (leider) gut ausgebautes Brüllorgan für den obligatorischen DÖÖÖÖSCHLAAAN, DÖÖÖÖSCHLAAAAAAN-Jubel verfügt?

Ganz schlecht soll die Tröte wohl für die Spieler auffem Platz sein, weil die Kommunikation zwischen Spielern und Spielern, Spielern und Schiedsrichtern und Spielern und Trainern nicht mehr klappt. Das ist natürlich tragisch, wenn ein technisch so ausgeklügelter Sport wegen des monotonen Hornissendröhnens nicht mehr wie geplant funktioniert.

Hoffen wir alle mal, dass heute Abend Germany’s Finest davon nicht betroffen sind, damit wir alle schwarzrotgoldtrunken Deutschland, Deutschland über Alles Heil dir im Siegerkranz singen können.

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Written by Quax

13. Juni 2010 um 15:25

Veröffentlicht in Mischwald, Polemik

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