Misanthropenwald

Große Schlappe für Aktionismus

with one comment

Wenn man sich eines der zurückliegenden Cover des SPIEGELs ansieht und einige Artikelüberschriften auf SPON, so wird man mit genüsslicher Genugtuung feststellen, dass mit der Ablehnung der Bildungsreform in Hamburg auch die Zentralisierungsträume des sogen. Nachrichtenmagazins wie eine Seifenblase geplatzt sind. Aber mit Karacho.

Mit wehenden Fahnen forderte das Witzblatt die Abschaffung der sechzehn unterschiedlichen Bildungssystem, denn:

Gegeneinander, ohneeinander, durcheinander: 16 deutsche Bundesländer sind dabei, die nächste Bildungskatastrophe anzurichten. Im Föderalismus gehen Geist und Expertise der jungen Generation verloren.

Jemand, der sein ganzes Schulleben in einem Bundesland verbracht hat, hat vom expertisetötenden Föderalismus was mitbekommen…? Die Hetze um ein einheitliches Schulsystem auf Reichsebene greift eines der wertvollsten Güter der Länder überhaupt an, nämlich ihre Kultushoheit und wer die Kultushoheit anfasst, verbrennt sich die Finger am heißen Feuer der Föderalismuslampe. Zentralismus sei also das Heilmittel der Wahrheit. Und der muss nicht mal von Berlin verordnet werden; im vorauseilendem Gehorsam fangen die Länder von selber an, sich gegenseitig anzugleichen.

Anfangen tut alles immer mit dem Zentralabitur. Eine gute Sache, die im Vergleich zur Nicht-Zentralabiturzeit kaum zu unterscheiden ist. Es sei denn, man macht es so stümperhaft wie die CDU-Amateure in NRW: Nachdem man den ersten Zentralabitursjahrgang verschlissen hatte, merkte das Bildungsministerium, dass man eine Kontrolinstanz vorschalten könnte, die die Abituraufgaben auf Logik und Lösbarkeit überprüft. Genutzt hat es wenig, denn im zweiten Jahrgang gab es wieder eine Katastrophe. Einzelne Stimmen forderten gar schon ein bundesweites Zentralabitur, was natürlich der größte Blödsinn überhaupt ist, wenn man sich nur die Termine zum Ferienbeginn ansieht und die unterschiedlichen Modelle, was die Jahre angeht, die man in der Penne sitzt.

Manche Länder haben das Modell G13, das heißt, dass das Abitur nach 13 Jahren abgelegt wird, in G12 dementsprechend nach zwölf. G13-Länder stutzen sich selbst auf G12 runter, was totale Überfüllung zur Folge hat. Denn da man für so einen unfassbaren Blödsinn einfach kein funktionierendes Umbruchssystem erfinden kann, werden gleich zwei Abiturjahrgänge vernichtet, wenn der letzte G13 und der erste G12 durch die Zentalabiturhölle gehen. Die doppelte Anzahl an Abiturienten, da jauchzen die Unis und Ausbildungsbetriebe. G12 ist natürlich nicht grundsätzlich der Teufel und schlecht, denn wer nach Sachsen schaut, sieht, dass dort das Abitur nach zwölf Jahren abgelegt wird – und Sachsen ist ist pisamäßig noch vor Bayern, dem Finland unter den Bundesländern. Den G13-Ländern fällt es schwer, Themen aus dem Lehrplan zu kürzen; dort sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und weiß gar nicht, was man eigentlich roden soll. Stattdessen holzt man wahllos alles nieder, was nicht bei drei von den Bäumen ist.

Eine weitere Pest, die sich bundesweit breitmacht, ist die Einrichtung von Gesamtschulen, um auch Leuten die Hochschulreife zu schenken, die es eigentlich nicht verdient haben. Abitur auf der Gesamtschule ist wie eine Rolex aus der Türkei und bevor jetzt irgendein Gesamtschulabiturient angekrochen kommt und in die Kommentare fließt: „lol XD ich hab abi auf der gesamtshcule gemacht du spasst rofl ^^“ – eben drum. Wer sich Länder mit Zentralabitur ansieht, kann sich ja mal den Spaß machen und Abiturdurchschnitte von Gesamtschulen und Gymnasien vergleichen. Die Gesamtschulen schneiden i.d.R. schlechter ab.

Auf einem anderen Blatt stehen Ganztagsschulen – zum einen eine gute Sache, wenn so die aus allen Nähten platzenden Lehrpläne abgearbeitet werden können. Spannend wird’s, wenn eine Landesregierung Ganztagsschulen bestimmt, aber kein Geld locker macht, die Schulen auch dementsprechend umzurüsten. Kein Platz für Schulspeisung, geschweige denn für passende Räumlichkeiten, die eh meist noch gebaut werden müssen. Denn wie viele Schulen sind schon für den Ganztagsbetrieb von Anfang an geplant worden? Zum anderen sperrt man die lieben Kinderlein den ganzen Tag in die Penne. Nicht nur ein Spaß mit pubertierenden Achtklässlern, sondern auch mit kleinen Fünftklässlern nachmittags um drei Uhr eine Doppelstunde Latein zu machen.

Was tun, was tun? Nach jeder Studie, die unserer Zukunft Blödheit eines Schotterhaufens bescheinigt, verfallen ganze Gesellschaftsschichten in blinden Aktionismus – und Schuld ist immer das System. Doch das Schulsystem der einzelnen Länder ist nicht das Problem, schließlich hat es Jahrzehnte tadellos funktioniert. Das Problem ist, dass das System im Laufe der Zeit kaputtgespart wurde. Statt eines neuen Systems sollte man vielleicht mal genug Lehrer einstellen, damit man keine Klassen mehr mit 30+ Leuten hat – und damit ist nicht das Alter gemeint. Und damit genug Lehrer vorhanden sind, um auch mal gezielt einzelne Genies/Totalausfälle zu fördern, muss man – nein, nicht das Lehramtsstudium noch einfacher machen, es laufen schon jetzt genug Halbidioten durch die Weltgeschichte, die sich „Lehrer“ nennen dürfen – den Beruf wieder attraktiver machen. Und damit der Beruf schmackhafter für doofe Studenten Studierende ist, müssen u.a. die Klassen kleiner werden und damit die Klassen kleiner werden, brauchen wir mehr Lehrer usw.

Ein Teufelskreis. Aber nicht mein Problem.

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Written by Quax

19. Juli 2010 um 18:27

Veröffentlicht in Bildung

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Eine Antwort

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  1. Ein bisschen muss ich mal dazwischengrätschen…

    Das mit der Gesamtschule kann ich so nämlich nicht stehen lassen.

    Vorweg: Ich hab mein Abi auf einem Gymnasium gemacht, sogar auf einem, dass sich selbst gern als „Elite“ bezeichnet. Ich persönlich hab mit diesem Elitarismus schon so meine Probleme.

    Was nun aber die Gemeinschaftsschulen angeht, die von verschiedenen Seiten gefordert werden: Niemand will eine „Einheitsschule“, wo alle bis zum Abi durchgeprügelt werden. Stattdessen soll eine Schulform geschaffen werden, an der jede und jeder genau so lernen kann (was Komplexität, Detailgrad und „Schwierigkeitsgrad“ angeht), wie es passend ist. Und zwar fächerweise. Wenn jemand gut ist in Fremdsprachen, aber schlecht in Mathe, wurde vielleicht seinerzeit eine „Empfehlung“ für die Realschule ausgesprochen. Und wir wissen alle, dass solche Empfehlungen entweder als päpstliches Edikt angesehen oder völlig missachtet werden. Trotzdem könnte der betreffende Schüler in Englisch und Französisch locker mit den besten GymnasiastInnen mithalten. Das darf er nur leider nie unter Beweis stellten, da er nunmal auf der Realschule hockt (an alle RealschülerInnen, die das hier lesen: ich will euch keinesfalls beleidigen. Aber ich gehe davon aus, dass viele von euch in einigen Fächern locker mit GymnasiastInnen gleichziehen könnten).
    Anders herum wird jemand auf ein Gymnasium verfrachtet, weil er in einigen Fächern gut ist, und zwar in ausreichend vielen, dass man es für sicher hält, ihn aufs Gymmi zu geben. Blöderweise hat er in Englisch vom Tuten und Blasen keine Ahnung, versaut sich damit zwei Zeugnisse, und beim dritten Mal kam noch Latein dazu, das auch nicht so geil war: Sitzengeblieben. Oder gleich ab zur Realschule. Und das, obwohl die Noten in Mathe, Physik und Chemie exzellent waren.

    Kurz gesagt: Diese starre Gliederung sorgt für Verallgemeinerung, wo es keine Gemeinsamkeit gibt. Es gibt keine Schablonen, weder drei, noch zwei, noch zwölf, mit denen wir die SchülerInnenschaft handlich portionieren könnten. Und moderne Erziehungswissenschaftler haben das Argument, schlechtere Schüler würden bessere Schüler runterziehen und ausbremsen, widerlegt. Warum also an der Gliederung festhalten? Teilt die Leute Fachweise in Kurse mit unterschiedlichen Niveaus ein. Meinetwegen A, B und C, meinetwegen schafft vier Abstufungen oder sechs, ist egal. Und meinetwegen legt fest, dass jemand zum Erwerb des Abiturs mindestens so und so viele A-Kurse haben muss, und nicht mehr als zwei C-Kurse oder so, was weiß ich.

    Aber hört auf mit diesem Unfug, das dreigliedrige Schulsystem wäre unser einziges Heil. Soweit ich weiß, ist Deutschland das einzige Land in Europa mit so einem Schulsystem. Und schaut mal, wo wir in internationalen Tests und Rankings so stehen. Ein Tipp: Wir sind nicht in den TOP 10…

    Rote Grüße,
    der Generalsekretär

    Der Generalsekretär

    19. Juli 2010 at 23:59


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