Misanthropenwald

Wir holen uns den Größenwahn

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In letzter Zeit steigt’s den Bürgermeistern ziemlich über den Kopf, wenn es um die Präsentation der eigenen Stadt geht. Statt dass man seinem Örtchen den lieben, verschlafenen Charme lässt, wird es mit kostspieligen Bauprojekten überzogen, denn die eigene Stadt soll ja was besonderes sein und zwischen anderen Städten hervorstechen. Und wisst ihr was? Es funktioniert!

Nicht nur kleine Städtchen sind besoffen von Gigantomanie, das zeigt im Moment Stuttgart mit dem verhassten Projekt „Stuttgart 21“. Der denkmalgeschützte Bahnhof soll abgerissen werden, damit die ganzen Gleise und Bahnsteige unter die Erde gelegt werden können. An der Oberfläche gibt’s dann – soweit ich das mitbekommen habe – Glaskuppeln, durch die man auf die Gleise schauen kann. Warum macht Stuttgart das? Weil’s geil aussieht und mörderviel Kohle kostet. Nämlich so ca. vier Milliarden ungefähr. Überraschenderweise ist das Projekt bei den Stuttgartern unglaublich unbeliebt; sie wollen ihren alten Bahnhof behalten, demonstrieren und haben das Dach des Bahnhofs besetzt, das im Begriff war, abgewrackt zu werden. Die Bürgermeisteria wehrt sich gegen den Abbruch des Abbruchs, denn das würde ca. 400 Millionen kosten (weshalb auch immer). „Des isch eine gudde Inveschdidsion für de Tzuggunft Schduddgadds“, sagen die Bahnhofsbefürworter. „Des Bahnhöfle isch mei Lieblingsblads g’wäse“, sagen die 21-Gegner. Schwaben eben. Leider wird die Stuttgart-21-Hasser wohl bald die Luft ausgehen, auch wenn ich es nicht hoffe. Solidarische Grüßles ins Ländle, wo man außer Hochdeutsch alles kann und jeden Quatsch mitmacht.

Nicht nur die im Süden haben einen Schatten, auch die Fischköppe, Algenknutscher und Muschelschubser (damit ist mein Repertoire auch schon erschöpft) in Hamburg haben nicht mehr alle Würmer im Watt. Nachdem man beschlossen hat, den neuen Stadtteil Hafencity (heißt wirklich so, ohne Spaß!) mit seelenlosen Glauswürfeln zuzustellen, nahm man das nächste Blödsinnsprojekt in Angriff. Denn ein neues Wahrzeichen musste her, weil Speicherstadt, Michel und Reeperbahn nicht ausreichen. Also beschloss der Senat den Bau der Elbphilharmonie. Kosten sollte der Spaß ursprünglich so um die 100 Millionen, inzwischen kostet das, was bisher steht (und das ist noch nicht viel) so um die 500 Millionen. Ende offen, vielleicht knackt man ja die Milliardenmarke. Hamburg hat’s ja.

Nicht nur Hamburg leistet sich ein Millionengrab, sondern auch die kleine, ehemalige Hauptstadt Bonn, heute Bundesstadt. Was braucht diese sympathische, verschlafene Universitätsstadt in der rheinischen Provinz so ganzganz unbedingt? Ein Konferenzzentrum von internationalem Rang natürlich! Denn wenn ich, als internationale Organisation, eine Konferenz abhalten will, dann denke ich nicht an Berlin, München oder Frankfurt, neinein, natürlich nicht, ich denke sofort an Bonn! Und dann ärgere ich mich, dass es kein geeignetes Gebäude in Bonn gibt. Sowas aber auch! Also ließ sich Bonn beraten und wollte sich so ein Konferenzzentrum bauen, selbstverständlich mit einem Namen von internationalem Rang: World Conference Center. Ouh yeah. Der Bau wurde von Koreanern organisiert, die Stadt setzte einen Aufsichtsrat zur Überwachung des Baus ein. Dieser Rat bestand aus Leuten, die von solchen Dingen absolut Ahnung hatten, Leuten, denen ich persönlich auch jedes andere Bauprojekt anvertrauen würde. Leuten, wie einem pensionierten Personalchef und der Weinkönigin von Porz. An dieser Stelle wünschte ich mir, dass ich mir das ausgedacht hätt‘, aber leider ist das die bittere, traurige, grausame Realität. Die Koreaner, clever wie sie sind, erkannten das Dumpfbackenpotential der Traumtänzerstadt Bonn und strichen Millionen ein, um sich später abzusetzen. Das war äußerst peinlich für die Stadt, sodass man den Vorfall am liebsten unter den Tisch hätte fallen gelassen, doch dank einer Lokalzeitung kam alles ans Licht. Es folgten: peinliche Fragen, Razzien, Ermittlungen. Das Gelände des Dabbljuh Sí Sí liegt vorerst brach.

Nicht nur in größeren Städten liegt der Verstand brach, auch kleine Käffer wollen unbedingt was besonderes werden. Dazu bedienen sie sich übergroßen Veranstaltungskomplexen, die sich kaum oder schlimmstenfalls nie rentieren, aufgeblähten Einkaufszentren, die die Innenstädte veröden lassen und Messekomplexen. Messen! Kein Mensch braucht noch mehr Messen. Überhaupt, dieses Land braucht nur vier Messen, nämlich die in Frankfurt, Leipzig, Nürnberg und Köln. Kein Mensch brauch ein Messezentrum in Itzehoe. Kein Mensch braucht Itzehoe!

Drum sollte man aufpassen wie ein Falke, wenn’s um größenwahnsinnige Bauvorhaben in seiner Stadt geht. Wehrt euch gegen sie! Wehrt euch gegen die unsinnigen Brücken, die euch Weltkulturerbetitel kosten, und gegen Konferenzzentrenausbauten, die Neckarufer verbauen! Dresden und Heidelberg, der Kampf ist noch nicht vorüber!

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Written by Quax

26. August 2010 um 18:19

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