Misanthropenwald

Archive for Oktober 2010

Gott schütze Stuttgart 21

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Hoffentlich bleibt uns Stuttgart 21 noch ganz ganz ganz-ganz lange erhalten. Die Demonstrationen, ob nun dafür oder dagegen, sind ein Quell zahlloser Freuden. Anfangs gehörte ich ja auch zu den Gegnern von Stuttgart 21, dann war mir das ganze Projekt ziemlich egal, weil ich hier unter Badensern lebe und mir die Schwaben wurscht sein können, und nun bin ich ein militanter Befürworter von unterirdischen Durchgangsbahnhöfen. Wie kömmt’s?

Die Demonstranten sind’s. Inzwischen hat sich nämlich eine so unfassbar große Menge Stuttgart-21-Gegner angesammelt, dass es schlicht und ergreifend unattraktiv ist, auch dagegen zu sein. Außerdem haben sich der Demonstration inzwischen zu viele Arschlöcher angeschlossen, als dass man eine Bejahung des Neins noch moralisch vertreten könnte.

Nicht zuletzt zehren die Zwangsempörer mächtig an den Nerven, die aus jeder Fruchtfliege eine trächtige Elefantenkuh machen, aber solche Leute gibt es ja auch bei den Befürwortern der Bahnhofsverscharrung. Doch die „Proler“, wie sie verächtlich genannt werden, sollen hier nicht das Thema sein; man haut nicht gegen Minderheiten oder intellektuell Herausgeforderte.

Man weiß, eine Bewegung ist verloren und sollte schleunigst verlassen werden, wenn die Anhänger anfangen, Lieder zu schreiben. Dieser Punkt ist nun erreicht. Hier ist das Meisterwerk „Oben bleiben“ von Borna:

Hundert virtuelle Spaßpunkte für jeden, der die ganzen sechs Minuten durchgehalten hat. Ist es nun an der Zeit, sich den Text genauer anzusehen? Aber hallo!

Wie Bushidos geklaute Hits
Wie ein Bohrer ohne Bits
Wie der Donner ohne Blitz
Stuttgart 21 ist ein Witz

Stuttgart 21 ist ein Witz, so wie eine Bohrmaschine ohne Bohrvorrichtung oder ein blitzloser Donner? Wäh?

Wie Komödianten, die ganz miesen,
Habt ihr es uns angepriesen
Wie ’nen Witz

Hier wurde gerade „Witz“ auf „Witz“ gereimt. Mein Gott, wer hat das denn getextet, die Junge Union?

Aber die Strophe geht ja noch weiter, der Witz war ja nur der eingeschobene Part einer strophenübergreifenden Argumentationskette:

Doch über diesen
Lachen nicht mal die Ostfriesen

Ostfriesen sind dafür bekannt, dass man über sie Witze macht, nicht dafür, dass sie jeden Scheiß luschtig finden. Generell hätte der ganze Song noch mehr Ohrwurmquälitäten, wenn’s geschwäbelt worden wär‘.

Von Stuttgart bis zum Kölner Dom
Stinkt die Luft wie Pest und Brom
Und der Dunst formt ein Idiom
Ihr baut euch ein neues Rom

Vom geographischen Standpunkt aus ist es einem ziemlich großen Teil des Reiches also wurscht, was die Spätzlegesichter da unten bauen, weil nur bis nach Kölle die Luft nach Pest und Brom stinkt – wer kennt schließlich nicht das geflügelte Wort „Hier stinkt die Luft wie Pest und Brom“ – und der Dunst ein Idiom formt. Alles klar? Und diese Politiker bauen sich ein neues Rom. Klar. Alle Wege führen nach Rom und mit dem neuen Bahnhof eben auch nach Stuttgart. Stuttgart, ewige Stadt.

Darauf folgt eine sozialkritische Strophe, in der das Krisenmanagement der Politiker während der Banken- und Finanzkrise kritisiert wird, sowie die Diätenerhöhung im gleichen Zeitraum. Hat zwar nichts mit dem Bahnhof zu tun, musste aber mal gesagt werden!

Nach wütenden Worten über das Demokratiedefizit in der Bundesrepublik und die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen der Elite und dem kleinen Mann folgt der Refrain. It’s so catchy!

Ihr könnt uns nicht vertreiben!
Wir wollen oben bleiben!
Ihr könnt uns nicht vertreiben!
Wir wollen oben bleiben!

Da wird, unterlegt vom Synthesizer, so emotional gesungen, so richtig glaubwürdig, sodass man spürt, dass sie mit ganzem Herzen wollen, dass sie oben bleiben! Und das gleich doppelt, um der Aussage mehr Wirkung zu verleihen und denen da oben mal zu zeigen: so geht’s nicht!

Ihr tut so, als ob ihr wisst
Was für uns am besten ist!
Doch durchschaut ist eure List [Reim > Satzstellung]
Und darum werdet ihr gedisst!

Für den letzten Vers gab’s leider kein passendes Bild im Video :( Dafür gibt’s jetzt ’nen Beef zwischen den Antis und MC Mappus.

Euch selbst haltet ihr für einzig kompetent
Und träumt von eurem Alter Ego als Clark Kent

Wie was wie was was was wie was?! Ergibt das überhaupt irgendeinen Sinn? Irgendwie? Was? Mein Gott! Was soll es bedeuten? Ist das von Kafka? Kann das alles bedeuten? Würde Freud hier Neid auf den väterlichen Phallus erkennen?

So, als gebe es kein zurück
Lauft ihr los. Mit Tunnelblick!
Und die Maschine macht noch: „Klick!“
Und wie müssen hinterher. Technokratenpolitik.

Ein unsauberer Reim zum einen und zum anderen: welche herrgottverdammte Maschine?! Und warum macht sie „noch“ „Klick“? „Klick“ als Ablehnung? „Klick“ als Zustimmung? „Klick“ als Resignation? Und da müssen wir hinterher? Hinter dem „Klick“? Das „Klick“ ist Technokratenpolitik? Suchen die Technokraten denn nicht ihren inneren Clark Kent, während die Luft nach Brom müffelt?

Experten üben lautstark Kritik
Es lacht die ganze Republik

Aber nur die südlich von Köln.

Unterschriftensammlungen! Meterdick!
Doch ihr zieht’s durch, wie ’n Soziopath mit ’nem ganz miesen Tick

Dafür sind sie bekannt, Soziopathen. Dass sie Großprojekte fünfzehn Jahre lang planen und dann durchziehen, ohne wenn und aber. Jedoch nur, wenn sie den ganz, ganz miesen Tick haben. Ouh ja.

Ihr nennt das Politik?
[mehrstimmig] Ich nenne es Verrat!
Ihr fühlt euch wie Asse und seid Luschen im Skat

Harsche Kritik an der Glaubwürdigkeit der Abgeordneten. Der Zusammenhang zwischen dem Atommüllendlager und einem Kartenspiel leuchtet nicht ganz ein. Aber was macht das schon, bei dem ganzen anderen Geschrunze, das bereits kam. Und das Lied ist bisher gerade zur Hälfte gelaufen!

Drum kurz zusammengefasst, was noch kommt: Die da oben fühlen sie wie Caesar im Senat und werden auch ihren Iden des März erleben (da wurde der gute Julius aus dem Amt gestochen), weil das auch deren Saat ist. Eigentlich mehr so die Ernte, aber wir wollen mal nicht so kleinkariert sein; wer Verkehrsplanungsexperte ist, kann sich nicht auch noch mit Landwirtschaft auskennen.

Es folgt nochmals eine harsche Kritik am Propagandaapparat des Mappus-Regimes und der Refrain.

Im folgenden geht man schließlich auf die Unfähigkeit der Politiker ein, Gegenvorschläge zu lesen oder sich an runde Tische zu setzen und dass das Projekt in den Medien schöngeredet wird und Desinformationen, alles ziemlich schlimm.

Für euch zählt nur Rendite
Geld ist eure Aphrodite
Ethik! So stringent wie Zellulite
Stichwort: [laut, mehrstimmig] Bankenkredite!

Der Euro, die Venus des Politikers, der Ethik hat, die so stringent ist, wie schwabbelige Beinhaut. Und dann nur ein Stichwort: Bankenkredite! Da schäumt die Wut des armen Bürgers, der für die Krise dieser Bankster bezahlen muss! Hat wieder nicht so viel mit dem Bahnhof zu tun, aber das kann man nicht oft genug sagen! Die da oben nehmen den kleinen Mann nur aus und stopfen sich die Taschen voll. Oder halt die von Banken. Als Kredite. Merktipp der Woche: Kredite müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Aber pscht!, dann wäre dieser schmissige Gassenhauer nicht mehr so kritisch!

Ihr seid explizite
Beispiele für WG-Schmarotzer, nur ihr zahlt nicht mal Miete!

Diese Schweine! Wohnen in teuren Häusern, die sie selbst gekauft haben und das von unnnserm Geld! Hoffentlich zeigt’s unseren Politikern mal jemand, jawoll!

Nach diesen wütenden Worten wird die Solidarität aller Stuttgarter beschworen und dass der Bahnhof „euer Bier“ ist, voll schön. Dann läuft der Refrain in Endlosschleife und darüber hört man einen Monolog, der zum Nachdenken anregt:

Justitia weint ausgezehrt
Kraftlos hält sie ihr stumpfes Schwert.
Unter den Teppich wird gekehrt,
Wenn fast ganz Stuttgart sich lautstark wehrt.

Halt. Die WG-Schmarotzer und Kölnluftverpester haben Justitia zum heulen gebracht und ihr Schwert abgestumpft? Wie das? Wurde dieses Projekt denn nicht – von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen? O diese himmelhochjauchzende Ungerechtigkeit! Und wie das totgeschwiegen wird, mit den Protesten in Stuttgart, nur spärlich dringen Informationen dazu aus der Schwabenhauptstadt in den Rest der Republik und wenn, dann auch nur bis nach Köln!

Ihr werdet uns nicht länger foppen
Gott allein kann uns noch stoppen
Am Wahltag werden wir euch verkloppen
Und dann könnt ihr euch selber poppen

Beängstigend, wie religiöse Fundamentalisten hier die freiheitlich-demokratische Grundordnung bedrohen und gar mit Gewalt an den Wahlurnen drohen! Doch diese Aussage wird durch die Autokorpulationsanspielung ein wenig abgeschwächt.

Völlig klar, die Sache
Das Ding ist in der Mache
Eure Lache
Erfüllt den toten Raum

Ein nachdenkliches, düsteres Ende. Aber: man hat’s überstanden. Oder kommt noch was?

Stuttgart erwache

Bitte was?

Stuttgart erwache

Ja. Danke. Sehr schön. Wieso nur Stuttgart? Warum soll nicht ganz Baden-Württemberg erwachen? Oder gleich ganz Deutschland?

Wurde, soweit ich weiß, auch schon besungen. Ging etwa so:

Deutschland erwache aus deinem bösen Traum!
Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!

Ist aber schon etwas älter. Brrr.

Ein negatives Ende hat dieses Lied, oja. Als offizieller Stuttgart-21-Sympathisant schlage ich vor, dass die Pro-Bewegung sich auch ein Kampflied anschafft. Wie wäre es hiermit?:

Wäre auch ungleich fröhlicher.

Written by Quax

27. Oktober 2010 at 23:46

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Die Bahn kommt (unter Umständen)

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Aber wohl eher nicht. Denn morgen wird gestreikt! Gut, das wird im allgemeinen Fahrplan niemandem auffallen, wenn ein paar Züge ausfallen. Schließlich ist Herbst und da liegt Laub auf den Gleisen, da kann so ein ICE ja schonmal schlapp machen.

Jedoch, der Fernverkehr wird gar nicht bestreikt, sondern der Nahverkehr. Wäre ja auch albern, etwas zu bestreiken, was bei diesen Temperaturen gar nicht fahren kann. Schon traurig, da sind nun endlich alle ICEs mit funktionierenden Klimaanlagen ausgerüstet worden, da kommt jetzt ohne Vorwarnung dieser blöde Winter und der gemeine Fahrgast verlangt nach Heizungen! Der Kunde mag König sein, aber es lebe die Revolution!

Und wie das bei Revolutionen so ist, da gibt’s markige Sprüche wie:

Mann der Arbeit aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still
wenn dein starker Arm es will!

Und der starke Lokführerarm will es und stillt die Räder, weil er mehr Geld möchte. Da die ICE-Führer nicht streiken, werden Lokführer bei der Bahn wohl nach Geschwindigkeit bezahlt, doch wohin gehen da die Fahrscheineinkünfte? Nicht ins Gehalt der Dampfrosslenker und offensichtlich auch nicht in die Qualmhengste selber, das weiß jeder, der mit so einer langsamen Rappelkiste regelmäßig durch die Höhen und Tiefen des Landes zuppelt.

Dem Stuttgarter Bahnhof fehlt es an Tiefe, darum tut man mit ihm das, was man mit dem natürlichen Feind der Eisenbahn, den Autos, auch macht. Man legt ihn tiefer. In diese Grube versenkt Grube all sein Geld. Gut, was heißt hier „sein Geld“, mehr so das Geld derer, die nicht schwarzfahren und Bahnchef Grube fährt sicherlich nicht mit der Bahn, das wird ihm zu unsicher sein; schließlich weiß er ja, wie oft diese dieselbetriebenen Sicherheitsrisiken gewartet werden.

Die Auseinandersetzung um den Stuttgarter Bahnhof nimmt auch immer skurrilere Züge an. Neben den bekannten Aufständen gegen Stuttgart 21 gibt es nun auch Liebesdemonstrationen und Abrisspartys von Stuttgart-21-Mögern. Deren Kampf um die Meinung des kleinen Mannes von der Straße, der mit dem Fahrrad fahren muss, weil sein Zug wegen zwei Ästchen auf den Gleisen für acht Jahre ausfällt, treibt sehr merkwürdige Blüten. Da verkaufen die ernsthaft T-Shirts mit der Silhouette einer sich räkelnden jungen Frau drauf und schreiben daneben „Tu‘ IHN unten rein! Stuttgart 21„. Zweideutig.

Weil’s ja ein Durchgangsbahnhof werden soll, rasseln man dann da von vorne nach hinten durch und umgekehrt?

Written by Quax

25. Oktober 2010 at 23:09

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Dr. Jekyll & Mr. Hyde & Mr. Hyde & Mr. Hyde & Mr Hyde

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In der zuckersüßen Welt der Zeitungsverlage hat der Verlag M. DuMont Schauenberg einiges zu melden. Das Unternehmen steht unter der Fuchtel des 83-jährigen Alfred Neven DuMont, der sich sehr im Klaren darüber ist, dass er nicht ewig das Zepter in der Hand halten wird und ebenjenes an einen Nachfolger abgeben muss. Als Kronprinzen hat er seinen Sohn Konstantin Neven DuMont in Stellung gebracht. Aber der Filius scheint keine Lust auf Zeitungsmacherei zu haben – oder irgendjemand im Verlag hat keine Lust auf Konsti.

Es gibt nämlich Gerüchte, nein, Vorwürfe, dass Konstantin Neven DuMont (KND abgekürzt. Wie BND, nur mit K) im Internet Schindluder getrieben haben soll. Gut, es ist das Internet, da kennt die Dödelei des menschlichen Geistes keine Grenzen, aber da der hier betroffene irgendwann einmal einen der mächtigsten Verlage erben sollte, erhöhte sich die Fallhöhe immens.

Was war also passiert?

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier betreibt einen vielbeachteten Blog über – Überraschung! – Medienjournalismus. Dort schreibt er in schöner Regelmäßigkeit über Medien und die Arbeit von Journalisten und sowas. Jeder Eintrag hat seine eigene Kommentarspalte, in der man Niggemeiers Schreibereien mal mehr, mal weniger qualifiziert kommentieren darf, hauptsache, man gibt eine gültige E-Mailadresse an.

Seit einiger Zeit tobten in vielen niggemeierschen Artikeln verschiedene Kommentatoren, die u.a. Vorwürfe und Beleidigungen dem Hausherren Niggemeier entgegenschleuderten. Das machte den Journalisten stutzig und recherchierte den Kommentaren hinterher. Was er herausfand, ist ziemlich beeindruckend: Mehr als hundert Kommentare (Niggemeier spricht von einer dreistelligen Anzahl, also irgendwas zwischen 100 und 999) seien von der selben IP abgegeben worden und besäßen die selbe E-Mailadresse. Nämlich die von KND.

Niggemeier konfrontierte KND mit den Vorwürfen; er stritt sie zunächst ab, gab später allerdings zu, dass auch andere Mitarbeiter Zugriff zu seinen Rechnern und anonyme Kommentare verfasst hätten. Es folgt nun eine Liste mit ausgewählten Namen, unter denen Kommentare bei Niggemeier abgegeben worden seien:

  • Bla
  • .com
  • Desillusionierter
  • Digitalis
  • Gandhi
  • Gottlob
  • Govinda
  • Honey
  • Huby
  • Ichglaubsnicht
  • Igitt
  • Istanbul
  • Jannine
  • Kernkraft
  • Lobhudelei
  • Mensch
  • Ich bin die Frau von „Mensch”
  • Menschenrecht
  • Niggi2
  • NoName
  • Ordensschwester
  • Pol
  • Ruhrpott
  • Shure
  • Wachmalauf
  • G. d. b. Suppe
  • Schwarzwälder Kirsch
  • Wichtige Mitteilung
  • Kopf Schüttel
  • Hans Verteidiger
  • Hans Wurrst
  • Peter Zahlungsfreudig
  • Es lebe die Satire
  • Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen
  • Himmlischer Friede
  • Kand.in.Rübezahlwald

Von „Bla“ über „Ich bin die Frau von ‚Mensch'“ bis hin zu „Kand.in.Rübezahlwald“ hatte die Taktik, durch mehrere Fakes Schwarmintelligenz zu erzeugen, die simple Gemüter wie meines mitzieht, wohl einen größeren Haken, der bereits erwähnt worden ist, was die Pointe hier ziemlich mickrig erscheinen lässt: Alle seien sie mit der identischen E-Mailadresse angetreten.

Nun kann man sich an wilden, unschönen und phantasiereichen Spekulationen beteiligen, was das denn alles zu bedeuten hätte. Es könnte sein, dass Konstantin Neven DuMont mächtig einen an der Murmel hat und gleichzeitig so vorausschauend ist wie Holz, wenn er immer ein- und dieselbe E-Mailadresse angibt. Das täte bedeuten, dass KND die Kommentare alle selbst in die Blogkommentare kalligraphierte, sodass der zukünftige Verlagschef mächtig viel Zeit mit oben erwähnter Dödelei verbringt, was nicht gerade das Gelbe vom Ei wäre.

Vielleicht stimmt aber auch das, was KND selber sagt und dass Mitarbeiter von seinem PC aus die Kommentare verfasst hätten. Das wirft wiederum die Frage auf, warum ein zukünftiger Zeitungszar seine Rechner nicht-passwortgeschützt auf weiter Flur stehen lässt – oder gab KND vielleicht den Auftrag zur Kommentarbombardierung?  Das führt allerdings wieder zu der Frage, warum das ganze so amateurhaft ausgeführt worden ist und welchem Zweck das dienen soll. Im Sinne des Verlags scheint die Aktion jedenfalls nicht gewesen zu sein; laut SZ und SPON rotiert die Verlagsleitung und zwar nicht vor Freude.

Eine Möglichkeit wurde bisher nicht bedacht. Vielleicht ist KND in den Weiten des Internets als professioneller Troll unterwegs, nicht als so ein dilletantischer Laientroll, wie die Betreiber dieses Blogs welche sind, sondern als abgewichster Profi. An dieser Stelle sollte kurz erklärt werden, was ein Troll ist, für all diejenigen, die noch nicht in den Abgründen des Internets die hässliche Fratze des Medusenhauptes des Netzes erblickten: Ein Troll schreibt bewusst Blödsinn und/oder Provokantes, um sich an der aufgeplusterten, wutentbrannten Reaktion seiner Mitkommentatoren zu erfreuen, die glaube, der Troll meine sein Statement ernst. Ein Troll trollt also, er kann aber auch getrollt werden. Der Gegentroll kann die Aussage des Trolls aufgreifen und so argumentieren, dass wiederum der Troll vor Wut platzt, sodass in Foren und Kommentarspalten ein entsetzliches Getrolle ausbricht, wenn Trolls Trolle trollen und umgekehrt. Je geschickter der Troll vorgeht, desto länger bleibt er unenttarnt. So kann er mehrere Namen nutzen und so eine Diskussion vortäuschen, bis Unbeteiligte in die Strohfeuertrolldebatte einsteigen und das Ziel des Trolls erreicht ist. Beliebte Trollsammelpunkte sind aktuelle, kontroverse Themen, wie Integration oder Sarrazin, um Beispiele aus der letzten Zeit zu nennen.

Es ist ja durchaus im Bereich des Möglichen, dass KND am Trollsein Gefallen gefunden hat und ihm die Konsequenzen reichlich wurscht sind. SPON titelt heute, dass KND sich aus dem Vorstand von M. DuMont Schauberg zurückziehen will. Weil ihm kreativere Aufgaben mehr lägen.

Eine noch viel verschwurbeltere Verschwörungstheorie zum Schluss: Vielleicht will ja jemand im Verlag KND loswerden und hat sich deswegen bewusst unauffällig auffällig in Niggemeiers Kommentaren bewegt, um KND zu Schaden, sodass er sich aus dem Vorstand ver- und zurückzieht.

Aber man will ja nichts unterstellten. Harren wir der Dinge, die da kommen. Das ist alles ziemlich spannend, wie ein Krimi. Und dabei mag ich gar keine Krimis.

(Quellen: Niggemeier und Niggemeier und SPON und SZ)

Written by Quax

23. Oktober 2010 at 19:15

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Es sei nicht das, was es doch ist

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Ach, SPON, wie habe ich dich vermisst! Du bist mein Lieblingsinfobekommorgan und tollste Quelle für Blogeinträge. Schon allein, weil du so tolle Texte schreibst.

Da gibt’s zum Beispiel Stunk um Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Kanzlerin hatte mit Sarkozy ausgehandelt, dass EU-Defizitsünder bös Schimpfe bekommen, mehr aber auch nicht.

Seibert, der Regierungssprecher (s.o.), verkündete dann öffentlich, dass die Berliner Leutemeute, die wir damals an die Regierung gewählt haben, also das Tandem Guidola Merkelwelle, dass das, also auch Westerwelle, der Außenminister, der uns bald in New York, einer ehemals holländischen Stadt, im UN-Sicherheitsrat, Komma, vertreten wird, dass auch der ex-FDP-Chef in spé das ganze voll supi fände, so Regierungssprecher Seibert.

Jetzt ist Miesmuschel Westerwelle aber gar nicht dafür und machte das auch deutlich. Und Seibert dementierte, was er da damals von sich gegeben hatte und betonte ggü, das ist die Abkürzung von „gegenüber“, also er betonte gegenüber SPON:

Seibert indes legte gegenüber SPIEGEL ONLINE Wert auf die Feststellung, dass es sich nicht um eine Entschuldigung gehandelt habe: „Ich habe mich nicht entschuldigt.“

Wir halten fest: Seibert (Tätigkeit s.o.) sieht sein Dementi also nicht als Entschuldigung. Und wie beübertitelt SPON den Artikel?

Sprecher Seibert entschuldigt sich bei Westerwelle

Hundert Punkte für SPON, keinen einzigen für Seibert. Und Westerwelle bekommt pfümpf (das ist lustig, weil die Zahl „5“ eigentlich „fünf“ geschrieben wird) Punkte Abzug, aus Prinzip.

Dabei hatte Seibert doch un-be-din-gt Wert darauf gelegt, dass seine Entschuldigung keine Entschuldigung sei. Und watt macht SON? Benutzt das Wort „Entschuldigung“, auch in verbisierter Form genau so oft:

Regierungssprecher Steffen Seibert entschuldigt sich beim Vizekanzler Guido Westerwelle.

 

Er sehe einen Unterschied zwischen der Aussage „Es tue ihm leid“, dass er zwei Aussagen Westerwelles nicht mitgeteilt habe und einer Entschuldigung.

 

Dass nun Vize-Regierungssprecherin Heimbach die Entschuldigung Seiberts bekanntgab, löste unter Beobachtern in der Bundespressekonferenz Erstaunen aus.

Boah! Gleich dreimal genutzt! Trotz Seiberts Wertlegung auf Feststellung! Das lässt zwei Schlüsse zu:

  1. Die Entschuldigung war keine Entschuldigung und SPON ist doof.
  2. Die Entschuldigung war eine Entschuldigung und Seibert ist doof.
  3. Dieser Eintrag dient nur der persönlichen Erheiterung des Autors (und der ist auch doof).

So. Soviel dazu. Nun zu Bloginterna, die Umfrage für zu den Podcasts wurde ausgewertet:

Stimmberechtigt: 91
Abgegebene Stimmen: 3
Davon gültig: 0

Gute Arbeit, meine Leser, gute Arbeit. Genauso funktionieren Wahlen: Gar nicht. Also wird’s hier auf dem (oder im? Die Frage wurde schomma gestellt und nich‘ beantwortet) Misanthropenwald weiter so zugehen wie in den ersten 104 Einträgen.

So schaut’s mal aus.

Written by Quax

22. Oktober 2010 at 20:48

Veröffentlicht in Politik, Selbstreferentielles Geblubber

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Vive la France

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‚Sgährt im Ländle. Und nicht nur im Ländle. Auch in le tèrre, der Grande Nation. Aufstand beim Franzmann. In Frankreich ist die Hölle los, da geht Jung und Alt auf die Straße und demonstriert und zündet Autos an und blockieren Tankstellen und warum?

Die Rente ist’s, denn wenn’s nach der Regierung geht, dann muss der Franzos‘ demnächst zwei Jahre länger arbeiten, bis er in den verdienten Ruhestand geht. Nämlich bis 62. Ja, ganz richtig. 62. Der fleißige Deutsche muss bis 67 arbeiten und die FDP spekuliert schon mit der Rente mit 70 und unsere welschen Nachbarn arbeiten im Moment noch, bis sie 60 sind. Sech-zig!

Diesen tollen Umstand will man natürlich beibehalten, also machen die Frösche das, was sie am besten können: Resistánce. In Frankreich wird ja gerne mal gestreikt, eigentlich verbringt man im Hexagon die meiste Zeit seines Arbeitsleben mit Streiks und das ist vermutlich auch le Problem: Die Franzosen haben das Streiken eigentlich satt und länger arbeiten heißt auch mehr Streik und das will man um jeden Preis verhindern.

Damit der Senat in Paris darüber nicht abstimmen kann, haben sich die Streikerinnen und Streiker etwas überlegt. Sie blockieren einfach Ölraffinerien, damit Paris und Umland ohne Benzin dastehen und die Abgeordneten schlicht nicht zur Abstimmung kommen, weil sie ihre Autos nicht benutzen können. Das ist eine Taktik, die sich auch unsere Genossen im Kampf um/gegen/für den Bahnhof in Stuttgart abgucken können. Zementfabriken besetzen, damit kein Baustoff geliefert werden kann und Wasserwerke blockieren, damit die Polizei ihre H2O-Druckverteilungswagen nicht aufmunitionieren kann.

Doch nicht nur Stuttgarter können von Parisern lernen, sondern auch umgekehrt wird ein Sabot daraus. Denn von König Mappus lernen heißt siegen lernen, wie man zündelnde Demonstranten am effektivsten beseitigt, indem man beispielsweise Wasserwerfer oder Giftgas einsetzt. Beides scheint in der Stadt der Liebe nicht in ausreichendem Maße vorhanden zu sein oder l’empereur Sarkozy mag noch nicht massiv vergelten.

So klappt Völkerverständigung, wenn die Franzosen für weniger Arbeit und Streik streiken und die Deutschen um einen Bahnhof drumrum und die Regierung Polizisten mit Schlagstöcken einsetzt oder eben kurz vor dem Einsatz von ABC-Waffen steht; beide Seiten können voneinander lernen.

Written by Quax

22. Oktober 2010 at 13:09

Veröffentlicht in Politik

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Himmel, hilf!

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Boah nee! Relli bei Herrn Achja.  – Doch, doch liebe Kinder. Höret: Alle Evangelien berichten von der Tempelreinigung. Jesus kam in den Temel von Jerusalem, heißt es da, und vertrieb (bei Johannes sogar mit einer Geißel) alle Geldwechsler, Taubenhändler, Ochsen und Schafe aus dem Vorhof des Tempels. „Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zur Markthalle“, sagte er nach Johannes (2,16).

So viel zur Geschichte bzw. zum Glauben, je nach Ansicht. Das Unternehmen jedenfalls, dass sich auf diese heiligen Worte beruft, die Kirche, und zwar ganz besonders die katholische, scheint vom Inhalt der Verse allerdings nicht viel zu halten.

Die ehrwürdige Pariser Basilika Sacré-Cœur zum Beispiel hätte eine Tempelreinigung inklusive Geißel und Tischeumwerfen jedenfalls dringend nötig. Nicht nur, weil es dort zwei Euro kostet, ein kleines Teelicht für verstorbene Verwandte oder Freunde (oder meinetwegen auch für den Papst) zu entzünden. Nein, auch weil eine große Kerze zehn Euro kostet.

Und weil in der Kirche Geldwechselautomaten stehen. Oben schmeißt der fromme Besucher / der souvenirgeile Tourist zwei Euro rein, der Automat wechselt und unten fällt mir lautem Klimpern eine Gedenkmünze in den dafür vorgesehenen Schacht.

Und dann kommt der Aufpasser an, denn – wie es die Schilder hier verraten: „Das ist eine katholische Kirche.“ Man möge sich entsprechend verhalten, Kopfbedeckungen abnehmen, nicht fotografieren und leise sein.

LEISE SEIN! Es klimpern an jeder Ecke Münzen in irgendwelchen Behältern und so ne Seele, die aus dem Fegefeuer springt, tut das auch nicht so ganz leise. Das heißt: Das mit der Seele vergessen wir ganz schnell. Das Fegefeuer hat der Papst vor ein paar Jahren ja abgeschafft. Da kann also auch niemand mehr rausspringen. Wäre überhaupt mal interessant zu wissen. Was ist mit den ganzen armen Seelen, die ins Fegefeuer kamen. So vom Mittelalter bis zur Abschaffung? Denen wurde ja quasi ihre ganze Leidensgrundlage entzogen. Gibt es die einfach nicht mehr? So schwarzeslochmäßig? Mussten die Asylanträge stellen? Gab es drei Tore zur Wahl? Himmel, Hölle, Zonk?

Ich schweife ab. Wo war ich: Ja. Der Aufpasser kam an. Und diese Aufpasser macht „Ssssccchhhhhhh.“ So laut geflüstert. Dieses „Ssssccchhhhhhh“ war noch lauter als das Klimpern der Gedenkmünze im Gedenkmünzenautomatenausgabeschacht. BOAR!

Jesus, hol die Geißel und fahr nach Paris! Und nimm den Erzengel Michael mit. Der steht in Paris gleich öfter rum. Jeweils mit erhobenem Schwert und zu Boden gerungenem Dämonen vor sich. Und dann räumt da mal auf.

Written by Achja

22. Oktober 2010 at 12:33

Veröffentlicht in Allgemein

Der Oktober. Ein Rückblick.

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So. Weiter geht’s im normalen Trott. Tun wir einfach mal so, als hätte Jopi Eintrag Nummer Hundert nie existiert. Also, was haben wir die letzten drei Wochen verpasst?

Jede Menge Integration, zum Beispiel. Der Ministerpräsidenten Bayerns, Horst Seehofer, sagte, dass Deutschland keine Migranten aus anderen Kulturkreisen aufnehmen könne, weil Überfremdung und so. Schon ironisch, wa? Dass da ausgerechnet ein Bayer was von integrationsunwilligen Kulturkreisen faselt.

Oder Stuttgart 21. Am Anfang war ich total gegen Stuttgart 21, aber inzwischen ist es mir egal. Alles egal. Bahnhof, Demonstranten, Polizei. Völlig egal, alles. Spritzen und weggespritzt werden, der Kreislauf des Lebens. Minischderpräsident Stefan Mappus versucht, sich als harter Hund zu etablieren. Also uffjepasst, schwäbische Demonstranten! Bahnhöfe sind nicht das einzige, was man unter die Erde bringen kann.

Oder nochmal Integration. Merkel hat nämlich gesagt, dass etwas gescheitert, absolut gescheitert sei. Nicht ihre Regierung hat sie gemeint, auch wenn das sehr richtig wäre, sondern Multikulti. Aha. Interessant. Was wird jetzt passieren? Entweder a) nichts oder b) gar nichts. Wir kennen doch unsere Merkel.

Oder Sicherheitsrat. Westerwelle hat uns einen erkauft. Aber das ist hier ja bereits gewürdigt worden.

Oder die Fifa! Da gab’s einen Bestechungsfall, wie überraschend. Stimmberechtigte Mitglieder haben ihre Stimmen zur Vergabe der WM 2018 und 2022 zum Verkauf angeboten. Schock. Korruption bei der Fifa, sieh mal an. Wer hätte das gedacht. Da wird der Blattersepp jetzt bestimmt hart durchgreifen. Bestimmt so hart wie Merkel in der Integrationsgedönszeugdings. Vielleicht kann Heiner Geissler ja schlichten, wie in Stuttgart 21. Wieso hat Mappus diesen Störenfried eigentlich noch nicht ausgeschaltet (Wasserwerfer, Pfefferspray, Sprengstoff-„Unfall“ – die Möglichkeiten sind endlos!) und wieso redet Wulff in Ankara wirr und wird nicht vom Sultan ausgepeitscht, wie er es verdient hätte?

Antworten auf diese und ganz andere Fragen gibt es nicht im November. Man darf gespannt sein.

Written by Quax

21. Oktober 2010 at 22:34

Veröffentlicht in Politik

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