Misanthropenwald

Dr. Jekyll & Mr. Hyde & Mr. Hyde & Mr. Hyde & Mr Hyde

with one comment

In der zuckersüßen Welt der Zeitungsverlage hat der Verlag M. DuMont Schauenberg einiges zu melden. Das Unternehmen steht unter der Fuchtel des 83-jährigen Alfred Neven DuMont, der sich sehr im Klaren darüber ist, dass er nicht ewig das Zepter in der Hand halten wird und ebenjenes an einen Nachfolger abgeben muss. Als Kronprinzen hat er seinen Sohn Konstantin Neven DuMont in Stellung gebracht. Aber der Filius scheint keine Lust auf Zeitungsmacherei zu haben – oder irgendjemand im Verlag hat keine Lust auf Konsti.

Es gibt nämlich Gerüchte, nein, Vorwürfe, dass Konstantin Neven DuMont (KND abgekürzt. Wie BND, nur mit K) im Internet Schindluder getrieben haben soll. Gut, es ist das Internet, da kennt die Dödelei des menschlichen Geistes keine Grenzen, aber da der hier betroffene irgendwann einmal einen der mächtigsten Verlage erben sollte, erhöhte sich die Fallhöhe immens.

Was war also passiert?

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier betreibt einen vielbeachteten Blog über – Überraschung! – Medienjournalismus. Dort schreibt er in schöner Regelmäßigkeit über Medien und die Arbeit von Journalisten und sowas. Jeder Eintrag hat seine eigene Kommentarspalte, in der man Niggemeiers Schreibereien mal mehr, mal weniger qualifiziert kommentieren darf, hauptsache, man gibt eine gültige E-Mailadresse an.

Seit einiger Zeit tobten in vielen niggemeierschen Artikeln verschiedene Kommentatoren, die u.a. Vorwürfe und Beleidigungen dem Hausherren Niggemeier entgegenschleuderten. Das machte den Journalisten stutzig und recherchierte den Kommentaren hinterher. Was er herausfand, ist ziemlich beeindruckend: Mehr als hundert Kommentare (Niggemeier spricht von einer dreistelligen Anzahl, also irgendwas zwischen 100 und 999) seien von der selben IP abgegeben worden und besäßen die selbe E-Mailadresse. Nämlich die von KND.

Niggemeier konfrontierte KND mit den Vorwürfen; er stritt sie zunächst ab, gab später allerdings zu, dass auch andere Mitarbeiter Zugriff zu seinen Rechnern und anonyme Kommentare verfasst hätten. Es folgt nun eine Liste mit ausgewählten Namen, unter denen Kommentare bei Niggemeier abgegeben worden seien:

  • Bla
  • .com
  • Desillusionierter
  • Digitalis
  • Gandhi
  • Gottlob
  • Govinda
  • Honey
  • Huby
  • Ichglaubsnicht
  • Igitt
  • Istanbul
  • Jannine
  • Kernkraft
  • Lobhudelei
  • Mensch
  • Ich bin die Frau von „Mensch”
  • Menschenrecht
  • Niggi2
  • NoName
  • Ordensschwester
  • Pol
  • Ruhrpott
  • Shure
  • Wachmalauf
  • G. d. b. Suppe
  • Schwarzwälder Kirsch
  • Wichtige Mitteilung
  • Kopf Schüttel
  • Hans Verteidiger
  • Hans Wurrst
  • Peter Zahlungsfreudig
  • Es lebe die Satire
  • Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen
  • Himmlischer Friede
  • Kand.in.Rübezahlwald

Von „Bla“ über „Ich bin die Frau von ‚Mensch'“ bis hin zu „Kand.in.Rübezahlwald“ hatte die Taktik, durch mehrere Fakes Schwarmintelligenz zu erzeugen, die simple Gemüter wie meines mitzieht, wohl einen größeren Haken, der bereits erwähnt worden ist, was die Pointe hier ziemlich mickrig erscheinen lässt: Alle seien sie mit der identischen E-Mailadresse angetreten.

Nun kann man sich an wilden, unschönen und phantasiereichen Spekulationen beteiligen, was das denn alles zu bedeuten hätte. Es könnte sein, dass Konstantin Neven DuMont mächtig einen an der Murmel hat und gleichzeitig so vorausschauend ist wie Holz, wenn er immer ein- und dieselbe E-Mailadresse angibt. Das täte bedeuten, dass KND die Kommentare alle selbst in die Blogkommentare kalligraphierte, sodass der zukünftige Verlagschef mächtig viel Zeit mit oben erwähnter Dödelei verbringt, was nicht gerade das Gelbe vom Ei wäre.

Vielleicht stimmt aber auch das, was KND selber sagt und dass Mitarbeiter von seinem PC aus die Kommentare verfasst hätten. Das wirft wiederum die Frage auf, warum ein zukünftiger Zeitungszar seine Rechner nicht-passwortgeschützt auf weiter Flur stehen lässt – oder gab KND vielleicht den Auftrag zur Kommentarbombardierung?  Das führt allerdings wieder zu der Frage, warum das ganze so amateurhaft ausgeführt worden ist und welchem Zweck das dienen soll. Im Sinne des Verlags scheint die Aktion jedenfalls nicht gewesen zu sein; laut SZ und SPON rotiert die Verlagsleitung und zwar nicht vor Freude.

Eine Möglichkeit wurde bisher nicht bedacht. Vielleicht ist KND in den Weiten des Internets als professioneller Troll unterwegs, nicht als so ein dilletantischer Laientroll, wie die Betreiber dieses Blogs welche sind, sondern als abgewichster Profi. An dieser Stelle sollte kurz erklärt werden, was ein Troll ist, für all diejenigen, die noch nicht in den Abgründen des Internets die hässliche Fratze des Medusenhauptes des Netzes erblickten: Ein Troll schreibt bewusst Blödsinn und/oder Provokantes, um sich an der aufgeplusterten, wutentbrannten Reaktion seiner Mitkommentatoren zu erfreuen, die glaube, der Troll meine sein Statement ernst. Ein Troll trollt also, er kann aber auch getrollt werden. Der Gegentroll kann die Aussage des Trolls aufgreifen und so argumentieren, dass wiederum der Troll vor Wut platzt, sodass in Foren und Kommentarspalten ein entsetzliches Getrolle ausbricht, wenn Trolls Trolle trollen und umgekehrt. Je geschickter der Troll vorgeht, desto länger bleibt er unenttarnt. So kann er mehrere Namen nutzen und so eine Diskussion vortäuschen, bis Unbeteiligte in die Strohfeuertrolldebatte einsteigen und das Ziel des Trolls erreicht ist. Beliebte Trollsammelpunkte sind aktuelle, kontroverse Themen, wie Integration oder Sarrazin, um Beispiele aus der letzten Zeit zu nennen.

Es ist ja durchaus im Bereich des Möglichen, dass KND am Trollsein Gefallen gefunden hat und ihm die Konsequenzen reichlich wurscht sind. SPON titelt heute, dass KND sich aus dem Vorstand von M. DuMont Schauberg zurückziehen will. Weil ihm kreativere Aufgaben mehr lägen.

Eine noch viel verschwurbeltere Verschwörungstheorie zum Schluss: Vielleicht will ja jemand im Verlag KND loswerden und hat sich deswegen bewusst unauffällig auffällig in Niggemeiers Kommentaren bewegt, um KND zu Schaden, sodass er sich aus dem Vorstand ver- und zurückzieht.

Aber man will ja nichts unterstellten. Harren wir der Dinge, die da kommen. Das ist alles ziemlich spannend, wie ein Krimi. Und dabei mag ich gar keine Krimis.

(Quellen: Niggemeier und Niggemeier und SPON und SZ)
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Written by Quax

23. Oktober 2010 um 19:15

Veröffentlicht in Mischwald

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Eine Antwort

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  1. … Schwarmintelligenz zu erzeugen …
    herrlich :-)

    Schön, mal einen anderen, selbstgeschriebenen Artikel zum Thema zu lesen.
    Mit dem Loswerden wollen ist das so eine Sache: Dazu hätten zwei hochbegabte Menschen den Schreibstil, die Ausdrucksweise und Denkweise KND’s perfekt übernehmen müssen.

    Die Möglichkeit des „Losgelassenwerden“ wollen gefällt mir da besser.

    Patrick Neser

    23. Oktober 2010 at 20:08


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