Misanthropenwald

Über- und Schwachsinnliches

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Gestern schrieb RTL Geschichte. Der Sender klärte in seiner Show „Das Medium“, in der ein Medium Kontakt mit den Toten aufnimmt, einen dubiosen Todesfall auf: Uwe Barschel! Durch das Medium sprach der Geist von Barschel mit seiner Frau. Also der Witwe. Und der Geist sprach: „Ich bin ermordet worden!“ Eiderdaus! Was für Fälle werden als nächstes geklärt? Der Misanthropenwald zeigt, wie es weiter gehen könnte.

Ein verregneter Abend in Brookline, Massachusetts, USA, Amerika. Schnell huschen die Geisterdolmetscherin Kim-Anne Jannes und Nathan Harvey Oswald unter die Veranda des verlassenen Anwesens. Das Licht der fernen Straßenlaternen glitzert auf der Pastellfarbe des Hauses, die sich langsam von der Wand schält. Die Fenster sind von innen vernagelt worden, schon vor Jahrzehnten. Ein Blitz zuckt, Donner grollt. In der ferne quietscht ein rostiges Gartentor. Die massive Holztür der Villa ist abgeschlossen, doch das Vorhängeschloss ist ebenso rostig wie die Tür. Nathan H. Oswald holt ein Brecheisen hervor und stemmt mit einem professionellen Ruck die Tür auf. Die beiden Hauptakteure und das RTL-Kamerateam betreten das Anwesen; es ist das Geburtshaus von John F. Kennedy. Nathan Oswald ist der Sohn von Lee Harvey Oswald, dem vorgeworfen wurde, er hätte Kennedy erschossen. Bevor es zum Prozess kam, wurde er selbst über den Haufen geballert. Nathan will Aufklärung, ob sein Vater tatsächlich den Präsidenten umgebracht hat, damals, in Dallas, Texas, USA, usw.

Darum wandte sich Nathan an RTL und die Gespensterflüsterin Kim-Anne. Sie soll mit dem Geist von Kennedy Kontakt aufnehmen und klären, wer ihn damals aus dem Leben füsilierte. Die RTL-Arbeiter bauen unmotiviert ihr Equipment auf. Das Grollen des Donners ist im Gebäude nicht mehr als ein Rummeln. Kim-Anne schließt die Augen und breitet die Arme aus: „Ich spüre… eine Präsenz!“ – „Ist er es?“, fragt Oswald verängstigt. „Wer?“ – „Na, Kennedy.“ Doch eine Antwort kommt nicht. Ihre Gedanken sind längst in der Zwischenwelt, auf der Suche nach dem Subjekt der Begierde.

Plötzlich sackt Kim-Anne zu Boden, sie reißt die Augen auf und den Kopf nach oben, ein feuchtes Röcheln dringt aus ihrer Kehle. Ihr Kopf senkt sich wieder, ihr Blick ist leer. Über ihr scheint sich ein Nebel zusammenzuziehen. Aus der unförmigen Wolke wachsen Arme, Beine, ein Mensch scheint zu entstehen, der über dem Kopf der Geisterdolmetscherin zu schweben scheint. Es ist der Geist von Kennedy.

„Sind sie…?“, fragt Oswald, die Augen weit aufgerissen. „Ich?“, fragt das Wesen aus der Zwischenwelt freundlich. Oswalds glubschende Augen nicken. „Ich bin John Fitzgerald Kennedy, der Präsident.“ Während sich Oswald von dem Schock erholt, stimmen die RTL-TV-Fachkräfte das Licht ab, stecken dem Geist ein Mikrofon an und justieren die Kameras. Nachdem Oswald sich gesammelt hat, beginnt er mit seinen Fragen.

„Was ist damals passiert, in Dallas?“
„Nun, ich war auf Tour und saß in einem Auto. Dann war ich tot.“
„Wissen Sie, wie das passiert ist?“
„Ja.“ Schweigen erfüllt den Raum. Niemand hatte Oswald darauf vorbereitet, dass man einem Präsidenten keine geschlossenen Fragen stellen sollte, auch keinem toten.
„Wissen sie, wie Sie getötet wurden?“, fragt Oswald nach langer Zeit.
„Ich wurde erschossen.“, sagte Kennedy trocken. Sein nebeliger Körper zuckt, die Konturen verschwimmen kurz. Dann sammelt er sich wieder.
„Wer war das, wissen Sie das?“
„Jemand mit einem Gewehr, vermute ich.“
„Haben Sie den Schützen gesehen?“, fragt Oswald aufgeregt, jetzt selber zitternd.
„Nein, wie auch? Übrigens, ich fühle mich, als sei ich gefüllt mir Marmelade!“
Oswald wirkt wie vom Donner gerührt, der Draußen leise grollt und rummelt. „Er weiß es nicht…“ Dann fällt er zu Boden, krampft sich in embryonaler Stammhaltung zusammen und weint.

Mit einem Mal springt Kim-Anne auf, schnappt nach Luft und inhaliert ein Stück Kennedygeist. Dieser verschwindet im ewigen Nirwana der Existenz. RTL packt seine sieben Sachen, schnappt sich das Medium und verschwindet aus den USA. Oswald bleibt wimmernd auf dem Boden des Hauses zurück. Er wird später von der Polizei wegen Vandalismus verhaftet.

 

Zwei Tage später ist das RTL-Team um Kim-Anne im sonnigen Berlin, in Spandau. An ihrer Seite ist ein gut gelaunter Dr. Guido Knopp. Die Rasselbande ist auf dem Weg in das Spandauer Gefängnis um einen weiteren spektakulären Todesfall aufzuklären. Der Gefängnisdirektor nimmt die RTL-Mitarbeiter, die Bekloppte und den Doktor des Journalismus und Hobbyhistoriker mit einem strahlenden Lächeln in Empfang. Persönlich begleitet er die Gruppe in eine mittelgroße, gut beleuchtete Zelle. Während die RTL-Leute aufbauen, verabschieded sich der Direktor und verlässt die Zelle mit einem Liedchen auf den Lippen.

Kim-Anne legt sich auf die staubige Pritsche in der Mitte des Raumes. Nach kurzem Schmatzen schließt sie die Augen und zappelt, als hätte sie an einer Steckdose gelutscht. Unter der Lampe braut sich ein Nebel zusammen, etwas dunkler als der von Kennedy und etwas brauner. Ein mittelalter Mann mit irrem Blick und brauner Uniform schwebt in der Zelle. Es ist Rudolf Heß.

„Herr Heß“, beginnt Dr. Knopp, „Herzlich Willkommen bei ‚Das Medium‘ und meiner neuen zwanzigteiligen Reihe ‚Hitlers Hessen‘. Mein Name ist Dr. Guido Knopp, ich -“
„Heil Führer, mein Hitler!“, brüllt das wuschelige Nebelwesen, „Nein, Fuck! Das hatte ich früher zackiger drauf.“
„Herr Heß, wenn Sie gestatten -“
„Boah, meine alte Zelle! Da werden Erinnerungen wach! Fast schön wie damals, als ich und der Führer und ich in Nürnberg und so.“

Dr. Knopp blickt ratlos auf das Medium, das immernoch auf der Pritsche zuckt. Ein kleiner Speichelfaden rinnt Kim-Anne aus dem Mund. Der Geist von Hitlers Stellvertreter schreitet im Stechschritt durch die Zelle. Abrupt schwebt er zurück zur Zellenmitte und schlägt die Geisterhacken zusammen. Das Geräusch von auf Nebel prallenden Nebel erfüllt den Raum.

„Herr Heß“, beginnt Dr. Knopp nocheinmal, „Ich hätte da ein paar Fragen bezüglich der Umstände ihres Todes.“ Endlich beachtet der Heßgeist Dr. Knopp.
„Jawohl, mein Knopp! Fragen Sie!“
„Wie sind Sie gestorben?“
„Ich kam ums Leben“, antwortet des Führers zweite Mann selbstbewusst.
„Ja. Wie kamen Sie ums Leben?“
„Durch den Tod!“
Dr. Knopp nimmt seine Brille ab und reibt sich die Augen. „So kommen wir nicht weiter.“ Gut gelaunt wippte der Geist hin und her und streckte dabei in regelmäßigen Abständen den rechten Arm nach vorn.
„Herr Heß?“
„Jawohl?“
„Haben sie Selbstmord begangen?“
„Der Führer hat Selbstmord begangen“, weiß Heß stolz zu berichten.
„Wissen wir. Was ist mit Ihnen?“
„Ich bin schon tot“, verkündet Heß stolz, „Damit habe ich Ihnen etwas voraus!“ Der Geist räuspert sich und beginnt ‚Kein schöner Land‘ zu singen.
„Das ist schön, Herr Heß, aber… Herr Heß? Herr Heß! HERR HESS!“
Der Geist fühlt sich unterbrochen: „Was ist?“
„Ihr Tod.“
„Wer sind Sie überhaupt?“
„Ich habe mich doch vorgestellt, ich -“
„Haben Sie überhaupt gedient?“, schreit Heß.
„Was? Das tut nichts zur Sac-“
„Wegen Ihnen bin ich damals ganz für völlig für umme nach England geflogen! Sie Armeeamateur! Was erlauben Sie sich eigentlich!“

Während der Geist von Heß den Dokumentationenmacher mit Schimpftiraden überzieht, gibt Knopp dem RTL-Redaktionsleiter das Signal zum Abbruch. Ein Kabelträger geht zur Pritsche mit der sabbernden, zitternd-zuckenden Kim-Anne und verpasst ihr siebzehn Ohrfeigen. Dann wacht sie auf. Der Geisterheß verschwindet in einer eindrucksvollen Nebelexplosion.

 

So ist das nunmal mit den Geheimnissen der Weltgeschichte. Manche Sachen wird man niemals klären, selbst wenn man mit den Beteiligten spricht. Wenn die RTL-Sendung „Das Medium“ so und nicht anders abläuft, wird’s ein Quotenhit, das gibt’s gar nicht. Barschel, Kennedy, Heß. Caesar, Ökosteuer, CDU-Schwarzgeldspender. Mensch, was das übernatürliche Treiben nicht alles ans Tageslicht fördern kann!

 

Vielen Dank an Gregor, der mich auf die Sendung „Das Medium“ aufmerksam machte und mir die Ideen gab.

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Written by Quax

1. November 2010 um 21:19

Veröffentlicht in Blödsinn, Satire

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