Misanthropenwald

Der Mann mit dem Schaf im Mund

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Deutschland hat vielen guten Filmemacher ein Zuhause gegeben. Man denke nur an Werner Herzog oder Fritz Lang oder den erst kürzlich verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger. Und dann gibt es noch Til Schweiger.

Vor wenigen Tagen war Til Schweiger einer der Gäste in der ZDF-Schwafelsendung des völlig überforderten Markus Lanz. Thema war u.a. der Fall Mirco und Kindesmissbrauch – ein emotionales Thema. Til Schweiger hatte einen „Wutausbruch“ (O-Ton BILD) und redete sich in Rage. Einen kleinen Ausschnitt gibt es nun hier:

Zu allererst: so viele Emotionen und Authentizität hat man bei Til Schweiger in bisher keinem seiner Filme sehen können. Aber um die Fähigkeiten des großen Mimen soll’s jetzt noch nicht gehen.

Til Schweiger forderte bei Lanz einen Internetpranger wie in Amerika, wie im Video zu hören ist. Aber Til Schweiger ging noch viel weiter, er sprach von einem dreistufigen System der Prävention von Wiederholungstätern, soetwas wie die Scharia wird’s wohl sein. Beim ersten Mal linke Hand ab, beim zweiten rechte Hand ab, beim dritten Mal Kopf ab – jedoch, der Schauspieler und Regisseur lehnt die Todesstrafe ausdrücklich ab. Alles andere, so Til Schweiger, könne und solle man aber durchaus anwenden. Folter und Verstümmelung sind aber auch hervorragende Präventionsmaßnahmen; jemand ohne Genitalien kann niemanden vergewaltigen.

Internetpranger also. Aber, so Til Schweiger, die deutsche Gutmenschengesellschaft ist dagegen, weil das gegen die Menschenwürde ist. Da fragt der große Philosoph: „Von welcher Menschenwürde reden wir hier eigentlich?“ – Tja, es könnte die sein, die im Grundgesetz im allerersten Artikel mal kurz angerissen wird, aber auf solche juristischen Spitzfindigkeiten kann ein Til Schweiger keine Rücksicht nehmen. Apropos Rücksicht – Deutschland ist nicht nur eine Gutmenschen- sondern auch eine Tätergesellschaft, in der der Täter mehr Hilfe bekommt als das Opfer. An das Opfer denke niemand. Der Täter werde geschützt und versteckt, auch wenn die BILD versucht, diesen Trend umzukehren. Auch die Opfer bekommen im Meinungsorgan BILD ein Gesicht, wörtlich genommen, versteht sich. Mit ausgeklügelten Recherchemethoden durchkämmen BILD-Mitarbeiter die sozialen Netzwerke unserer Zeit, um verwertbare Opfer- und Täterbilder groß in die Zeitung zu bringen, am besten von Toten. Weil Tote haben kein Persönlichkeitsrecht mehr.

Aber es geht ja nicht um Zeitungen, in die morgen schon der Fisch von letzter Woche eingewickelt wird, sondern um Til Schweiger und seine hammermäßigen Statements. Er sieht sich (s. Video) als Populist, doch das macht ihm nichts aus. Menschen, die ihn als Populist sehen, sind „dumm und naiv und die haben keine Phantasie“. Denn das sind Intellektuelle, sagt Til Schweiger in einem abfälligen Tone – aber er hat nichts gegen Intellektuelle, denn er sieht sich selbst als Intellektuellen.

Til Schweiger sieht sich selbst als Intellektuellen, das war die schönste und entlarvenste Aussage. Entlarvend deswegen, weil’s zeigt, was der Mann für ein übersteigertes Selbstwertgefühl und riesenhaftes Ego besitzt. Doch woher rührt diese Selbstüberschätzung von einem, der sich als guten Schauspieler, Filmemacher und Intellektuellen sieht?

Til Schweiger kommt aus den Seifenopern. Er sieht gut aus und damit hat sich’s auch schon. Schauspielerisch verfügt er über drei verschiedene Gesichter (erfreut, verdutzt, wütend), eine nuschelnde Quäckstimme und das Talent eines Stück Kantholz. Seine Karriere begann bei der Lindenstraße und seit dem scheint sich sein hölzernes Schauspiel nur unmerklich weiterentwickelt zu haben. Seinen Kinodruchbruch hatte er in den 90er Jahren mit „Der bewegte Mann“ und „Manta, Manta“.

Aber es soll hier ja nicht Til Schweigers Filmographie runtergebetet werden, sondern die Ausgangsfrage nach seinem Ego beantwortet werden. Es scheint schon immer besonders aufgepumpt gewesen zu sein. Nachdem er das Abitur bestanden hatte, wurde er zum Wehrdienst einberufen. Nach einiger Zeit verweigerte er den Dienst an der Waffe und wurde Zivi. Nach dem lästigen Staatsdienst wurde er Student und studierte Germanistik auf Lehramt. Für einen Intellektuellen wie Schweiger eine beleidigende Unterforderung, sodass er das Studium abbrach um etwas mit mehr Niveau zu studieren, Medizin. Auch dieses Studium brach er ab, weil er nach nur ein paar Semestern genug gelernt hatte, um Schauspieler zu werden.

Dann begann seine oben genannte Filmkarriere. Von den Medien und der Öffentlichkeit wurde der drittklassige Schausteller Til Schweiger in höchste Sphären gepriesen, sodass Deutschland und Europa für das Ausnahmetalent Schweiger zu klein wurde. Er wollte mehr, nach Hollywood. Besoffen vor Hyperei rief die deutsche Medienlandschaft Til Schweiger zu „unserem Mann in Hollywood“ aus. Das deutsche Aushängeschild in der Traumfabrik hielt sich mehr schlecht als recht über Wasser, einzig Nebenrollen in zweitklassigen Filmen sprangen für Til Schweiger raus. In „Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens“ spielte er einen von mehreren Hilfsbösewichtern des Oberbösewichts, in „King Arthur“ war er immerhin der böse Sohn des bösen Sachsenkönigs und hatte als solcher eine kleine Sprechrolle. Seinen größten Erfolg in Hollywood feierte Til Schweiger vor sechs Jahren, wie man in seinem Wikipediaeintrag lesen kann:

 2005 erreichte er auch seinen bis dahin international größten Erfolg als männliche Prostituierte Hans Hummer im zweiten Teil der US-Komödie Deuce Bigalow-European Gigolo.

Nach einer Nebenrolle in einer albernen Klamotte gab es für Til Schweiger in Hollywood nur noch eine Richtung: abwärts. Er ergatterte die Hauptrolle in der Videospielverfilmung „Far Cry“ von Uwe Boll, dem schlechtesten Regisseur unserer Zeit.

In Amerika sang- und klanglos untergegangen, kehrte Til Schweiger nach Deutschland zurück und betätigte sich nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Zu seinem Markenzeichen wurden seichte Liebeskomödien, meist schrieb er sich selbst in die Hauptrollen. In „Wo ist Fred“ spielte Til Schweiger ungewöhnlich überzeugend einen geistig und körperlich Behinderten. Sein wohl populärstes Werk war schließlich „Keinohrhasen“, ein großer Publikumserfolg, Gott allein weiß, warum. Wenn er schon nicht der deutsche Mann in Amerika sein konnte, dann musste Til Schweiger eben der beste Mensch in Deutschland werden. Aufgepumpt von dem ganzen Medienrummel und Erfolgen seiner Filme war er dann tatsächlich überrascht, dass die Deutsche Filmakademie seine seichten „Keinohrhasen“ 2008 nicht in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis berücksichtigte. Til Schweiger schimpfte und war sehr beleidigt, dass die Akademie den größten Kinoerfolg des Jahres nicht nominierte, wohl aber irgendwelche Filme, „die keine Sau kennt“ (O-Ton Schweiger). Folgerichtig trat der Mann, der den Unterschied zwischen Popularität und Qualität nicht kennt, aus der Akademie aus. Nach einiger Schmollzeit kehrte Til Schweiger schließlich doch wieder reumütig in die Akademie zurück.

Spätestens seit dieser Farce steht der arrogante Gockel auf der Abschussliste des gesamten deutschen Feuilletons. SPON macht sich seit jeher einen großen Spaß daraus, jeden Film Til Schweigers noch vor dem offiziellen Filmstart zu zerreißen. Und schlechte Kritik ist etwas, womit der Filmguru Schweiger nicht gut umgehen kann. Als Trotzreaktion darauf verkündete er schließlich, keine Pressevorführungen seiner Filme mehr zu machen, weil die Presse ja eh immer negativ über seine Filme berichte.

Das hielt SPON jedoch nicht davon ab, extra für Til Schweigers neustes Machwerk „Kokowääh“ zur Höchstform aufzulaufen und den Film und Til Schweigers schablonenhafte Filmemacherei aufzuarbeiten.

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Written by Quax

4. Februar 2011 um 17:37

Veröffentlicht in Mischwald

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3 Antworten

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  1. Til Schweiger auf der Sarrazin-Schiene – für seinen Film kommt das als Imagepflege gerade recht.

    Ein Satireblog hat auch die zu erwartenden kritischen Reaktionen des Feuilletons vorweggenommen:

    http://bluthilde.wordpress.com/2011/02/04/til-schweiger-ein-trotzkistischer-abweichler/ :)

    Will Tanner

    4. Februar 2011 at 19:13

  2. Oh Herr Schweiger hat auch die Idee die Synchronisation von Filmen verbieten zu lassen, weil das ‚Vergewaltigung von der Arbeit der Schauspieler‘ ist. Hat er auch in ebenjener Sendung vorgeschlagen.

    Klugscheißer

    5. Februar 2011 at 12:20

  3. Also so richtig reden kann der auch nicht, oder? Es will ihm nicht so richt gelingen so ganze und vollständige Sätze zu formilieren. Traurig, Herr Schweiger und dann manchmal sollte man wirklich einfach drauf achten, was da so aus dem eigenen Mund kommt. Obwohl ich nicht weiß, ob man ihm das zutrauen kann. xD

    Laurelome

    5. Februar 2011 at 17:44


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