Misanthropenwald

Zigarren muss man anzünden

leave a comment »

Brr. Lange hat es gedauert, bis ich mich von dem Schock vollständig erholt habe, der da „Hindenburg“ heißt und letzten Sonntag und Montag auf RTL lief. Den Film habe ich nur mit Alkohol und dummen Kommentaren ertragen, sodass ich „Hindenburg“ nun hier therapeutisch verarbeiten werde. Hatte RTL mit dem teuersten Fernsehzweiteiler des Universums ein heißes Eisen vom Himmel geholt oder war das Katastrophendrama eher heiße Luft?

Zu Beginn sieht man ein brennendes Luftschiff. „Prima“, denke ich, „dann ist der Film ja auch gleich wieder aus“, aber denkste. Denn dann wird vier Tage zurückgespult. Zu Beginn nach dem Anfang sieht man den Helden des heutigen Abends, den Hindenburgkonstrukteur Merten. Eines schönen Sonnentages beschließt er, mit Hilfe seines Freundes (Name vergessen, egal!) mit seinem Flugzeug aus Pappe einen Spritzflug zu machen. Grenzdebil erheben sich Segelflieger und Merten in die Lüfte, nur damit der Heldenpilot sein Fluggerät zielgenau in einen Vogelschwarm steuert. Einer der gefiederten Attentäter vernichtet den Flügel und das Höhenruder des Segelfliegers, woraufhin der Papierflieger abstürzt und fast explodiert wäre, wär‘ er nicht in seinen See gefallen. Am Ufer sitzt BILD-Leserreporterin Helen van Zandt mit ihrer Kamera und knipst die ganze Szenerie. Dann zieht sie sich fast komplett aus und Merten aus dem Teich. Der Gerettete lädt Helen gleich zu einem Ball eines Zeppelinreeders ein, doch das Fräulein macht sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

Auf besagtem Ball spricht der Reeder des Zeppelins Hindenburg und er ist Heiner Lauterbach! Der Heiner spricht über Helium und dass man das braucht für Luftschiffe, weil im Moment werden Zeppeline mit Wasserstoff betrieben und das brennt gerne mal, was bei Luftschiffen eher ungut wäre. Doch die bösen USA weigern sich 1937 noch immer, dem Deutschen Rrreich Helium zu liefern, weswegen man mit gasförmigen Feuerzeugbenzin fliegt. Ja, fliegt. Luftschiffe fliegen. Sie fahren ja eigentlich, wie das jeder weiß, aber nicht mal Zeppelinkapitäne oder -konstrukteure sprechen vom „fahren“ und warum sollte ich das richtig sagen, wenn die das auch nicht tun? Also.

Wie dem auch sei, Merten trifft auf diesem tollen Ball Helen und ihren unwichtigen Verlobten. Helen wird am nächsten Tag mit der Hindenburg nach Amerika fahren fliegen. Denn ihr Vater Herr van Zandt hatte einen Herzinfarkt! Ausgerechnet der einzige Mann, der Helium nach Deutschland exportieren kann! Also auf zum nächsten Tag!

Aus einer Frankfurter Halle wird der größte fliegende Schwellkörper der Welt gezogen, die Hindenburg. In einem kleine Raum in der Lagerhalle steht der Kapitän Preuss und berechnet die Route nach Lakehurst, wo das Luftschiff planmäßig explodieren muss. Mit dabei ist Herr Lehmann, ein Versicherungsvertreter von der Gestapo, der mit seinen freundlichen Mitarbeitern auf dem Schiff ermitteln soll. Käpt’n Preuss mit seiner nervigen Quäckstimme ist davon wenig angetan, willigt aber schließlich ein.

In der Abfertigungshalle werden gerade die Passagiere abgefertigt. Unter ihnen ist ein Mann im weißen Anzug und zurückgegelten Haaren und mit Schäferhund. Er ist der Clown der Überfahrt, der schlimmste Charakter des Films. Sein Hund hat einen tollen Trick, wie er einer vierköpfigen Familie, die vor ihm in der Schlange steht, vorführt. Hält man zwei Finger unter die Nase, sodass es aussieht, als habe man ein Führerbärtchen, ahmt der Köter authentisch den Hitlergruß nach, was das Töchterchen der Familie gleich mal ausprobiert. Das erregt die Aufmerksamkeit zweier Luftwaffenoffiziere. Führerverunglimpfung ist in Nazideutschland natürlich gern gesehen, gerade dann, wenn sie Juden machen. Jawohl, meine Damen und Herren, Vater, Mutter, Sohn und Tochter sind die fliehenden Juden des Filmes, denn ohne geht’s in einem Film mit Nazis nicht.

Der Clown muss am Schalter noch dafür kämpfen, dass sein nationalsozialistischer Hund mitfliegen kann, denn er kommt in den Gepäckraum und er bekommt die Sondergenehmigung, das Vieh regelmäßig zu füttern. Ob er die Töle über die dreißig Zentimeter breiten Stege im Inneren der Hindenburg auch Gassi führen darf, wird leider nicht erwähnt, aber wo soll das Tier auch groß hindefäkieren?

Anderswo im Gebäude will sich Merten auf der Toilette frisch machen. Dort trifft er Helens Verlobten und aus unerfindlichen Gründen springen sich beide an die Gurgel und prügeln sich. Versehentlich sticht Merten seinen Widersacher mit einer Scherbe nieder. Schwer atmend liegt er da in seinem eigenen Blut und muss Merten noch etwas wichtiges mitteilen: „Röchel. Da ist eine Bombe an Bord.“ – „Eine Bombe?“ – „Ja, röchel, blutspuck. Eine Bombe. Röchel!“ – „Wo ist die Bombe?“, fragt Sherlock Merten, doch die Antwort fällt unbefriedigend aus: „Die Bombe befindet röchel sich in röchel blutspuck röchelöchel tot.“ Mit dieser halben Information will Merten nun irgendwas anfangen und rennt prompt in einen freundlichen SS-Mann. Dieser sieht zuerst Merten, dann die Leiche, dann wieder Merten und schließt messerscharf, den Mörder vor sich zu haben. „Sie sind hiermit verhaftet!“, sagt der Herr von der Schutzstaffel und marschiert ab, um Handschellen zu holen. Merten, von der Festnahmeprofessionalität beeindruckt, bleibt verdutzt zurück und verschwindet durch das Toilettenfenster. Kurz darauf öfffnet sich eine WC-Kabine und der Clown im weißen Anzug tritt heraus. Er hat alles mitgehört! Und fährt fliegt trotzdem mit dem Luftschiff und benachrichtigt auch niemanden sonst von der Bombe.

Im Stechschritt eilt der Mann von der Flughafen-SS herbei und ist doch arg enttäuscht, das Merten nicht brav gewartet hat, sondern Fersengeld gab. Seinen Untergebenen gibt er den Befehl zur Suche nach einem Mann mit schwarzen Haaren. Davon wird’s auf einem Flughafen schon nicht so viele geben. Merten läuft derweil über das Flugfeld, klaut sich eine Bedienstetenjacke und mischt sich unter die Flughafenarbeiter. Das macht er besonders unauffällig, denn er ist der einzige, der der seinen Kragen hochgeklappt hat, sich dauernd unsicher umschaut und die anderen Arbeiter um zwei Meter überragt. Den anderen Arbeitern ist’s wurscht, dass da ein Fremder mit unterwegs ist und auch den zwei Polizisten, die dem Arbeitstrupp entgegenkommen, fällt nichts ungewöhnliches an dem Zweimetermann mit dem schwarzen Haar auf. Später melden sie dem SS-Schergen, dass sie den Flughafen komplett abgesucht, aber nichts gefunden hätten. Merten schleicht sich unterdessen über den Bediensteteneingang in die Hindenburg, dann hebt die schwebende Zigarre ab…

Lesen Sie demnächst den zweiten Teil des Gigantodramas Hindenburg! Gleiche Stelle, gleiche Welle.

Advertisements

Written by Quax

13. Februar 2011 um 23:48

Veröffentlicht in Blödsinn, Mischwald

Tagged with , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: