Misanthropenwald

Archive for März 2011

Gewalt an Schule

with 2 comments

Erinnert sich noch jemand an die Lehrerin aus Vechta, die Angst vor Hasen hatte? Nun, sie dürfte folgendes Ereignis freudig mitverfolgt haben, falls sie selbst nicht dabei war.

Wir befinden uns in Schleswig-Holstein, dem gleichmäßig von Bauern und Schafen bewohnten Gebiet, das als Puffer zwischen Hamburg und Dänemark dient. In einer Schule wurde gerade die Steinzeit durchgenommen und ein Landwirt kam auf die gutartigste Idee aller Zeiten, den lieben Kinderlein vorzuführen, wie der steinzeitliche Schleswig-Holsteiner sich ernährte. Dazu brachte er ein Kaninchen mit an die Schule, stand auf dem Schulhof (hoffentlich. Im Klassenzimmer hätt’s eine Riesensauerei gegeben.) und hatte das Kaninchen zwischen seine Beine geklemmt. In Niedersachsen haben sie zu diesem Zweck Ziegen, aber es ging ja nicht um Fortpflanzungsriten aus der Lüneburger Heide, sondern um’s spachteln.

Die Kinderlein standen im Halbkreis um des Landwirts Lenden herum, jeder kam einzeln vor, um sich von Häschen zu verabschieden. Dann schwang der Bauer seinen mächtigen Hammer wie dereinst der Donnergott Thor und schlug dem Karnickel den Schädel ein. Dann häutete er das Tier – oder das, was davon übrig war – und warf es auf einen heißen Stein zum grillen. Steinzeit eben.

Das mag als Idee schon ein wenig beknackt erscheinen, einer Schule anzubieten, im Rahmen der Themenwoche modernes Norddeutschland Steinzeit live auf dem Pausenhof einem Mümmelmann die Rübe zu zerkrümeln. Aber der Landwirt dachte sich nichts dabei, schließlich hatte er bereits an einer Grundschule Hühner geschlachtet.

Wie dem auch sei, mit diesem Ereignis brach ein Sturm der Entrüstung los. Wie konnte es nur so weit kommen! Wie! Schülervertreter hatten eine Petition eingereicht und flehten den grausamen Metzger von Holstein an, das Leben des Langohrs zu schonen. Alles vergebens. Denn die Klassenlehrerin, die dem Landwirt zustimmte, dass es ja eine super Idee wär‘, vor den Augen von Kindern ein süßes Hoppelhäschen zu zerledern, lehnte auch die Petition ab. Und wie rechtfertigt sich so eine dusselige Lehramtsschnalle, wenn’s um lebende Viecher geht?

Man kann ja auch keine Unterschriften gegen eine Mathe-Arbeit vorlegen!

Jawoll, Klassenarbeit, Schlachterei, wo ist da der Unterschied? Bei beiden fließt Blut und es geht um Leben und Tod. Wobei, für Meister Lampe ging’s ja nur um Tod.

Wie dem auch sei, wie reagieren denn die Eltern vom kleinen Dominic Torben, von Jeremy-Pascal und Sören-Oliver, wenn sie hören, welch‘ Bluttat da stattgefunden hat? Die dumpfbackigen Erzeuger beschweren sich natürlich –  bei der Presse. Wo sonst?

Dort jammern sie dann. Die, die Erziehung sonst nicht so wichtig finden und das lieber der Schule überlassen, weil dafür isse ja da, die Penne. Da fallen dann solche Sätze wie:

Jetzt habe ich noch mehr Probleme, wie ich meinen Kind erklären soll, wo das Fleisch herkommt.

Das bringt der Storch! – halt, doch nicht. Der bringt auch Fleisch, aber das isst man in der Regel nicht. Wie dem auch sei, es ist ja ganz furchtbar, dass Eltern ihren Kinder jetzt was erklären müssen! Ieh, Erziehung, wie schrecklich! Elterliche Pflichten, was’n das? Vor allem, wo das Fleisch herkommt, das ist so ein peinliches Thema, über das man lieber nicht spricht!

Das sollen die mal schön in der Schule lernen!

(Quelle ist mein Informant, der aus geheimdienstlichen Gründen namentlich nicht erscheinen darf)

Written by Quax

31. März 2011 at 19:52

Veröffentlicht in Bildung

Tagged with ,

Was ist grün und stinkt nach Fisch?

with 5 comments

Ein Krimi war das ja gestern Abend, ein Krimi mit unschönem nicht-Happy End. Natürlich geht’s nur um Baden-Württemberg, denn wen interessiert schon die Pfalz? Da ist eh Hopfen und Malz verloren. Also, Schwaben und Badenser, rechtfertigt euch. Was sollte das, hm?

Der größte Teil von euch Spinnern hat tatsächlich Mappus gewählt, das muss man sich mal auf der Zunge vorstellen. Vierzig Prozent. Und trotzdem – das ist ja das allergeilste – hat’s nicht für die Regierung gereicht. Zu dumm, dass ich weder schadenfroh noch gehässig bin – moment, bin ich ja doch! Also:

HAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHA!

Und wer ist’s schuld? Die Grünen! Mal ehrlich Badenser und Schwaben, die Grünen? Grüne? Wirklich? Seid ihr so verzweifelt gewesen? Ihr wisst, dass ihr den Chemielehrer mit der unangenehmen Stimme, der jetzt euer König ist, in den nächsten fünf Jahren nicht mehr los werdet? Immerhin, Stefan Winfried Kretschmann dürfte von Akzent und Stimmlage her ein Fest für alle Imitatoren werden. Jetzt muss er sich nur noch dämlich verhalten, aber das dürfte für einen langjährigen Grünen kein Problem werden.

Hoffentlich bedanken sich die Grünen auch artig bei den JapanerInnen für ihre verstrahlte Hauptstadt, ohne sie wäre dieser grandiose Erfolg kaum möglich gewesen. Jedes Unglück hat eben auch etwas Gutes.

Ach, nebenbei, Schwabenser und Badenberger! Nett von euch, der SPD das mieseste Ergebnis seit dem Urknall (für Kreationisten: seit der Teilung von Himmel und Erde durch den HErrn) zu verpassen. Selbst schuld, wenn man als Partei keinen Spitzenkandidaten aufstellt, sondern Nils Schmid, dessen Name ich gerade selbst noch einmal nachgucken musste. Es wäre schön, wenn… wie hieß er noch gleich? Achja, Nils Schmid! Also, es wäre schön, wenn Herr Schmid in der Landesregierung ein wichtiges Ministerium bekäme. Häuslebauminischterium oder wasweißich.

In einem Punkt muss ich mit meinen Mitfreundinnen und Mitfreunden hier in Baden-Württemberg aber richtig schimpfen. Hier, im Stammland der Liberalen. Ihr habt’s tatsächlich zugelassen, dass die FDP doch noch in den Landtag einziehen darf? Wie seid ihr denn drauf? Bei der ersten Hochrechnung stand die FDP bei lustigen 5,0% und jetzt hat sie doch noch den Einzug geschafft? Was soll das denn? Ist euch nicht klar, dass Dreiparteienparlamente ein größerer Spaß sind als acht FDP-Schmocks, die jetzt in Stuttgart die Luft wegatmen?

Wenigstens auf die Pfälzer ist in dieser Hinsicht Verlass.

Written by Quax

28. März 2011 at 11:46

Veröffentlicht in Politik

Tagged with , , , , , ,

leave a comment »

Written by Quax

28. März 2011 at 00:41

Veröffentlicht in Blödsinn, Politik

Tagged with ,

Obacht, Wähler!

with one comment

Heute wird in drei Bundesländern gewählt, nämlich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jeweils ein Landtag und in den dunklen Wäldern Hessens findet eine Kommunalwahl statt. Zeit, mal kurz Warnungen rauszugeben, was man da eigentlich wählt, drum:

Wer CDU wählt, wählt Atomkraftwerkslaufzeitverlängerungen und andere lange Wörter!

Wer die Grünen wählt, wählt Angriffskriege!

Wer die SPD wählt, wählt die SPD!

Wer die FDP wählt, schmeißt seine Stimme weg!

Wer die Linkspartei wählt, dem kann man nur zu seiner vernünftigen und wohldurchdachten Entscheidung gratulieren!

Wer überhaupt nicht wählen geht, bekommt in ein paar Jahren nochmal Gelegenheit dazu! 

 

Soweit sogut. Heute abend wird sich herausstellen, in welche Richtung der Misanthropenwald die Wahl entschieden hat.

Written by Quax

27. März 2011 at 13:20

Löbel!

with 2 comments

Meine Fresse, ich wollte dir beim letzten Mal schon androhen, dass ich dir auf den Sack gehe, wenn du mir noch einen Flyer in den Briefkasten setzt – und jetzt sind es gleich zwei! So nicht, Löbel, soooo nicht. Ich wollte ja nicht, aber du drängst mich ja! Chancenloser CDU-Löbel, du!

Könnt‘ ich mich ja drüber aufregen! Schon die graue Textwüste auf der Vorderseite des ganzen Propagandaflugblattes ist ein Traum. Denn es ist „Zeit für neue Ideen!“ und keine andere Farbe schreit Innovation so sehr heraus wie betongrau. „Politik wird mit Herz, Mut und Verstand gemacht“ und an allem mangelt’s dir, vermutlich besonders an letzterem.

Toll auch dein holpriges „Als Landtagsabgeordneter verspreche ich Ihnen voller Tatkraft und Engagement für Sie zu arbeiten“ – Ist dir die Kommasetzung vertraut, mein Freund und Kupferstecher? „…verspreche ich, [in Worten: KOMMA] Ihnen voller usw.“ – manchmal gibt es Lektoren, die solche Flugblätter korrigieren, aber manchmal eben auch nicht.

Ganz links, Löbel lässig und cool auf einem Stuhl. So kennen wir den Mann mit der teuren Uhr. Und weil’s ja grad aktuell ist, noch schnell ein populistisches „Atomkraft – Nein Nein“ hineingeblökt; es würde mich nicht wundern, wenn er vor drei Wochen noch vollster Atombefürworter gewesen wär‘. Wenn ich Atomkraftgegener wählen will, die auch das übliche Geseiere verbreiten, dann wähle ich doch die Grünen (was ich mangels Hirnschaden aber nie machen würde) und nicht den Löbel, der sich schön mit Mappus ablichten lässt, der bis vor kurzem noch größter Atommann Deutschlands war.

Dann oben links: Löbel in seriöser Pose, denn Löbel hat sich für mich und meinen Stadtteil eingesetzt, der offensichtlich nicht sein eigener ist, sonst täte er das mitreißende „uns“ benützen. Denn Löbel wohnt offensichtlich in F4, das ist das Quadrat in der Innenstadt. „Einsetzen“ tut er sich für Neckarstadt, das ist ein bisschen so, als würde der Berlinabgeordnete von Kreuzberg unter den Linden wohnen.  Aber was soll’s, so ein Löbel hat halt alle Hände voll zu tun, wenn der Wahlkampf „nicht erst vier Wochen vor der Wahl“ beginnt, sondern eine. Beziehungsweise sechs, wenn wir so großzügig sind und ab dem ersten Flyer zählen. In dieser Zeit hat er aber auch wahnsinnig viel bewegt, zum Beispiel hat er das Kinderhaus gerettet. Als Landtagsabgeordneter will sowas weiter machen – ob er weiß, dass der Landtag kein Repräsentantenhaus ist? Nicht nur Kindergärten rettet der Selbstdarsteller und Eitelkopf Löbel, sondern er kämpft auch gegen Schlaglöcher, dieser mutige Mann. In dem er Blumen in die Löcher pflanzt. Aber vorher sich beschweren, dass Schlaglöcher den Verkehr behindern, was Vegetation im Loch natürlich nicht tut. Hohe Symbolkraft und ein schönes Grinsefoto für den Flyer, das reicht. Denn nur eine starke CDU setzt die richtigen Prioritäten, wie Natur auf unseren Straßen.

Apropos Foto: Löbel in seriös, Löbel als Gärtner, Löbel als hemdsärmliger Landratsabgeordneter in Kindergärten, Löbel mit Mappus. Löbel mit Guttenberg ist, hihi, inzwischen verschwunden. Das ist das Licht von eitel Sonnenschein, was da auf den Löbelschen Schädel knallert. Freuen wir uns, dass wir so einen engagierten, jungen Mann wählen dürfen, der „mit beiden Beinen fest auf dem Boden!“ steht. Jemand, der sich auch für die Gesellschaft einbringt und ein Praktikum bei der Müllabfuhr gemacht hat, wovon es natürlich ein geiles Werbebild gibt. Eigentlich möchte ich, dass Löbel weiter etwas für die Bürger tut und gute Arbeit verrichtet und unsere Tonnen leert. Wer soll das machen, wenn er im Stuttgarter Landtag herumlungert?

Neben seinem Praktikum (ob ihm das wohl an der Uni als Pflichtpraktikum angerechnet werden konnte? So als studierender Jurist?) kennt er sich auch mit den sozialen Problemen der Stadt aus, weil er hat schon „zahlreiche Besuche“ in karitativen Einrichtungen gemacht. Jetzt weiß er, wie schlimm es in Mannheim zugeht und will möglichst schnell nach Stuttgart gewählt werden, um das Elend nicht länger ertragen zu müssen.

Uff.

Nächster Flyer.

Vorne drauf der Geisler und der Löbel und der Austausch der Generationen, wie bei Star Trek, als Käpt’n Kirk und Käpt’n Picard aufeinandergetroffen sind. Nur, dass diesmal beide nicht so cool sind. Eigentlich überhaupt nicht. Bezeichnend, dass auch nur diese beiden sprechen, ein Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern aber gar nicht vorgesehen ist – wäre wohl auch albern, schließlich will Löbel nur von denen nach Stuttgart gehievt werden und keinen Debattierclub eröffnen.

Hinten drauf wird’s aber allerhöchste Zeit, „dass die Neckarstadt einen jungen engagierten CDU-Abgeordneten bekommt!“, was schon zweimal falsch ist. Einmal wieder das liebe Komma zwischen „jung“ und „engagiert“ – in der Aufzählung fehlt noch „bemüht“ und „selbstverliebt“ – „Neckarstadt“ ist der Name des Stadtteils. Ich vermute mal heftig, dass das wie ein Eigenname behandelt wird, dementsprechend ohne Artikel. Wie bei Städten. Es sagt ja auch keiner, dass „die Hamburg“ einen schönen Hafen hat oder dass „der Mönchengladbach“ hoffnungslos verloren ist.

Wie dem auch sei, es folgt das übliche Geschwafel dessen, wofür er sich alles einsetzen will, was – bis auf den Teil mit der Videoüberwachung – exakt so auch in allen anderen Programmen stehen könnte und vermutlich auch tut. Bisher war nur Löbel so dreist, Werbung in meinem Briefkästle zu hinterlassen. Zum Schluss gibt’s noch die hektisch angepappte Antiatomerklärung, man will ja möglichst viele Panikstimmen abfischen. Was völlig fehlt, ist der Hinweis, dass man auf dem Wahlzettel Koch-Löbel wählen muss und dass die CDU den Wahlkreis Mannheim-Nord schon selber abgeschrieben hat.

Es ist nämlich so, in Baden-Württemberg hat der Wähler nur eine Stimme, mit der er den Direktkandidaten samt Partei wählt. Wenn ich das richtig sehe, darf sich jede Partei ein paar der 70 Wahlkreise aussuchen, in denen die Anzahl der abgegebenen Stimmen auch für die Landesliste zählt und je mehr Prozent mann in diesen Wahlkreisen hat, desto mehr Abgeordnete gibt’s zusätzlich im Landtag. So in etwa. Wenn eine Partei ihr Zweitmandat auf einen Wahlkreis gar nicht erst legt, kann man davon ausgehen, dass das eh ein Kampf gegen Windmühlen ist.

Und ihr Don Quichotte heißt Löbel.

Written by Quax

22. März 2011 at 00:16

Veröffentlicht in Polemik, Politik

Tagged with , , , ,

Terra incognita

with one comment

Es wird niemand mitbekommen haben, weil momentan lybysche Rebellen japanische Reaktoren kühlen wollen – oder so. Man kommt ja ganz durcheinander bei den vielen Topeilmeldungen und Liveticker zu Katastrophe und Krieg. Jedenfalls, ein Ereignis wird sträflich vernächlässigt. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Und die ist morgen! Eiderdaus, wer hätte das gewusst? Niemand, vermutlich nicht einmal die Anhaltiner selbst. Generell, was weiß man schon von diesem dunklen, bewaldeten Gebiet im Herzen Deutschlands?

Von Stendal bis nach Zeitz, vom Harz bis nach Wittenberg erstreckt sich Sachsen-Anhalt. Ein Land, das nur existieren darf, weil weder Brandenburg noch Sachsen es wollten. Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts ist Magdeburg. Eine Stadt, in der mit Sonnenuntergang die Bürgersteige hochgeklappt werden und die Deiche der Elbe geöffnet, um die Straßen zu fluten. Magdeburg, eine Stadt, die noch nie einen großen Geist hervorgebracht hat – im Gegenteil. Könige und Kaiser zogen sich zum Sterben nach Magdeburg zurück. Eine Hauptstadt wie ihr Bundesland. Irgendwie alt und doch unbenutzt. Waghalsige Verschwörungstheoretiker sprechen Sachsen-Anhalt eine Bevölkerung von ca. zwei Millionen zu, davon über 85% Renter. Die restlichen 15% bereiten sich auf die Reise zu ihren Ahnen vor.

Karge Felssteppen und schroffe Tannenwälder sind das Markenzeichen des touristisch wie infrastrukturell vernachlässigten Gebietes an Elbe und Mittellandkanal. Seine wenigen Bewohner hausen in Dörfern aus Strohhütten, vor allem im Süden des Landes. Die größte Stadt ist Halle, auch bekannt als Nordleipzig, mit etwa 200.000 Rentnern. Die zweitgrößte ist die Hauptstadt Magdeburg, die eingehends schon genug beleidigt dargestellt wurde. Wichtigstes Gebäude Magdeburgs ist die Dorfkapelle, in der einige wichtige Menschen verendeten und bestattet wurden.

Sachsen-Anhalt tauchte zum ersten Mal 1990 auf, als der Bundesverkehrsminister beim Bau der Autobahn A2 von Hannover nach Berlin erschreckt feststellen musste, dass Brandenburg nicht an Niedersachsen grenzt (außer im Norden ein bisschen). Eilends wurden den heruntergekommenen Behausungen an Elbe und Elster Städtenamen gegeben, der Solidaritätszuschlag auf das neu gefundene Bundesland umverteilt. Wahlkreise und ein Landesparlament in Magdeburg wurden eingerichtet und Wahlen abgehalten. Unbestätigten Gerüchten zufolge regiert in Sachsen-Anhalt die CDU mit einer kommunistischen Splitterplattform namens „SPD“.

Morgen wählt die schwindende, durchschnittlich 63-jährige sächsisch-anhaltinische Bevölkerung ein neues Landesparlament. Zur Wahl stehen CDU und SPD, Grüne, FDP und Linkspartei, zwei weitere kommunistische Parteien, eine rechtsextreme, die Sarazzistische Partei (kein Scheiß!) und eine Spaßpartei (sog. Piraten) und einige unbedeutende mehr. Der Ausgang der Wahl ist bundespolitisch völlig bedeutungslos, denn Sachsen-Anhalt besitzt im Bundesrat kein Stimmrecht.

International ist das Bindestrichbundesland mehr gefürchtet denn geliebt, was vor allem an der gefährlichen Tierwelt (Wölfe, Bären, Senioren, Tyrannosaurus Rex) und dem unwirtlichen, für den Ackerbau völlig ungeeigneten Boden liegt. Alle europäischenVerkehrswege von Ost nach West führen entweder über Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen und Sachsen. Das Fehlen von Flughäfen und Funkmasten macht das Überfliegen Sachsen-Anhalts zu einem unmöglichen Unterfangen, bereits 17 Flugzeuge, darunter vier Transall-Maschinen der Bundeswehr, gingen im Bermudadreieck Europas (Stendal-Naumburg-Wittenberg) verschütt.

Sachsen-Anhalt gibt sich betont unauffällig, es ist kein Schwergewichtsbundesland wie Bayern oder Baden-Württemberg, nicht einmal ein Schmuddelkindbundesland wie Bremen oder Berlin. Ja nicht einmal ein gemütliches Saufland wie Thüringen oder Rheinland-Pfalz und auch kein schrulliges Kultland wie das Saarland oder Sachsen. In Sachsen-Anhalt gehen die Uhren anders. Nämlich rückwarts.

Written by Quax

19. März 2011 at 14:13

Veröffentlicht in Blödsinn, Politik

Tagged with , ,

Superlativistisch!

with one comment

Falls es jemand noch nicht mitbekommen haben sollte: Es gab ein Erdbeben in Japan, das löste einen Tsunami aus und der traf wiederum ein Kernkraftwerk, das im moment die Umgebung bekatastropht. Und in der Qualitätspresse überschlagen sie sich vor geil geschlagzeilter Panikmache.

Man fragt sich, wo das enden soll. Bisher kam es ja noch nicht zur Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima I und damit noch nicht zum allerschlimmsten. Aber für die Panikpresse kein Grund, nicht schon mal den Phrasengenerator anzuwerfen und mit Superlativbenzin nachzutanken. So titelt die BILD heute noch vom „HORROR-BEBEN“ und der Express gestern schon von der „ATOM-APOKALYPSE“, woraufhin bild.de heute nachzog mit 

DIE JAPAN-KATASTROPHE ++ HORROR-BEBEN ++ TSUNAMI ++ ATOM-ANGST

Letzteres vermutlich nur, weil die Alliteration mit „Apokalypse“ schon besetzt war. Dafür kann bild.de fragen: „WIRD JAPAN SCHLIMMER ALS TSCHERNOBYL?“, weil eine Stadt eine Stadt ist und ein ganzes Land ein ganzes Land. Wegen der „ATOM-GEFAHR“ (und wie gerne würde man „Apokalypse“ schreiben!) fragt bild.de bange nach der „ANGST VOR DEM STRAHLEN-TOD“ und erklärt, wie Radioaktivität funktioniert.

Uff.

Die schlimmste aller Fragen jedoch: wie reagiert die Börse? Was hat das für Auswirkungen auf Deutschland? Mögliche, von verängstigten Lesern womöglich nie gestellte Fragen werden beantwortet. Soll man in blinden Aktionismus ausbrechen, auch wenn man keiner Regierungskoalition angehört? Nein. Denn bild.de beruhigt, die radioaktive Wolke käme frühestens in zwei Wochen bei uns an und hätte sich bis dahin radiodeaktiviert (oder so). Aber irgendwas müssen wir doch tun! Man könnte prophylaktisch Jodtabletten essen, aber davon rät bild.de lieber ab. Ebenso wie von den Plänen, sich einen Geigerzähler zu kaufen, denn „Privatleute können die Anzeige kaum einordnen und nutzen.“ Nundenn, vor ein paar Jahren war sich BILD nicht zu blöd, das Cockpit eines Flugzeugs abzubilden und seinen Lesern zu zeigen, wie man als Fliegelaie und Malle-Touri ein Flugzeug landet – da wäre eine kurze Anleitung zur Handhabung eines Geigerzählers doch wirklich nicht zu viel verlangt!

Schlimmer als nichts tun zu können, ist nur der Verzicht auf liebgewonnenes und so beruhigt bild.de seine Leser auch zu jenen Fragen, die jedem von uns beim Betrachten der Bilder aus Fernost als erstes durch den Kopf schossen: „Muss ich Angst haben, Fisch zu essen?“ – „Was ist mit Sushi?“ – „Können andere japanische Produkte verstrahlt sein?“ und „Werden Produkte aus Japan jetzt knapp?“

Die Frage, ob man nun vor lauter Wut auf die Energieriesen seinen „Atom-Strom-Vertrag“ [sic!] kündigen solle, antwortet bild.de geschickt linientreu:

Bedenken Sie, dass die Ursache der Katastrophe natürlich war (Erdbeben, Tsunami). Moderne Atomkraftwerke gelten als sehr sicher.

…denn die Japsen bauen nur steinalte Krüppelbauten, gelle?

Aber nicht nur in Deutschland neigt man zur Sensationshascherei, auch unsere Freunde auf der Insel rotieren wie wild, insbesondere das Faktenmagazin Sun schreit: „SECOND NUKE BLAST“ und läuft sich schonmal schreiend im Kreis warm für „Threat of further Megaquake ‚in days'“ – an dieser Stelle ist es dann doch enttäuschend von bild.de, dass wir noch nichts vom „MEGA-BEBEN“ lesen durften, bzw. mussten. Irgendein Hiroshimavergleich darf natürlich auch nicht fehlen, also: „Drowned town ‚is just like Hiroshima'“ und für all die Blöden hat die Sun gleich noch ein Bild von Hiroshima danebengeklatscht. Der Vergleich mit der ersten Stadt, auf die je eine Atombombe fiel, wird natürlich nicht mit Hinblick auf Fukushima gemacht.

Das wäre ja albern.

 

Nachtrag 15.3.11, 8:39 Uhr: Neuer Tag, neue Schlagzeilen. Bei bild.de freut man sich, endlich eine passende Alliteration gefunden zu haben, diesmal „FUKUSHIMA 1 DAS ALBTRAUM-AKW“, optional ginge ja auch „KATASTROPHEN-KERNKRAFTWERK“, aber das lesen wir vermutlich morgen. Inzwischen ist auch derwahre Super-GAU eigetreten: „DRAMATISCHER KURS-STURZ AN TOKIO-BÖRSE“ – furchtbar! Spätestens jetzt kann niemand mehr ruhig schlafen.

Außerdem ließ bild.de nachzählen, was so alles zerstört wurde: „72.945 HÄUSER KAPUTT“, wobei „kaputt“ schon ziemlich niedlich klingt, wenn man sich mal die Bilder ansieht. Fast so drollig, wie ein Sprecher des SWR-Fernsehens, der am Wochenende bewegte Bilder aus Japan kommentierte und angesichts des Zuges, der von den Gleisen geschleudert und mehrere Meter landeinwärts geschleift wurde, davon sprach, dass der Zug „offensichtlich entgleist“ sei. Ja, entgleist.

 

Nachtrag 15.3.11, 8:50 Uhr: Ach, SPON! Fast wärst du vergessen worden, aber jetzt gibt’s eine Fotostrecke mit einem Titel, der von jedem Horrorfilm (bzw. „HORROR-FILM“ für Bildleser) stammen könnte: „Der Tod kam aus dem Meer“

Written by Quax

14. März 2011 at 19:01

Veröffentlicht in Mischwald

Tagged with , , , , ,