Misanthropenwald

Terra incognita

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Es wird niemand mitbekommen haben, weil momentan lybysche Rebellen japanische Reaktoren kühlen wollen – oder so. Man kommt ja ganz durcheinander bei den vielen Topeilmeldungen und Liveticker zu Katastrophe und Krieg. Jedenfalls, ein Ereignis wird sträflich vernächlässigt. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Und die ist morgen! Eiderdaus, wer hätte das gewusst? Niemand, vermutlich nicht einmal die Anhaltiner selbst. Generell, was weiß man schon von diesem dunklen, bewaldeten Gebiet im Herzen Deutschlands?

Von Stendal bis nach Zeitz, vom Harz bis nach Wittenberg erstreckt sich Sachsen-Anhalt. Ein Land, das nur existieren darf, weil weder Brandenburg noch Sachsen es wollten. Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts ist Magdeburg. Eine Stadt, in der mit Sonnenuntergang die Bürgersteige hochgeklappt werden und die Deiche der Elbe geöffnet, um die Straßen zu fluten. Magdeburg, eine Stadt, die noch nie einen großen Geist hervorgebracht hat – im Gegenteil. Könige und Kaiser zogen sich zum Sterben nach Magdeburg zurück. Eine Hauptstadt wie ihr Bundesland. Irgendwie alt und doch unbenutzt. Waghalsige Verschwörungstheoretiker sprechen Sachsen-Anhalt eine Bevölkerung von ca. zwei Millionen zu, davon über 85% Renter. Die restlichen 15% bereiten sich auf die Reise zu ihren Ahnen vor.

Karge Felssteppen und schroffe Tannenwälder sind das Markenzeichen des touristisch wie infrastrukturell vernachlässigten Gebietes an Elbe und Mittellandkanal. Seine wenigen Bewohner hausen in Dörfern aus Strohhütten, vor allem im Süden des Landes. Die größte Stadt ist Halle, auch bekannt als Nordleipzig, mit etwa 200.000 Rentnern. Die zweitgrößte ist die Hauptstadt Magdeburg, die eingehends schon genug beleidigt dargestellt wurde. Wichtigstes Gebäude Magdeburgs ist die Dorfkapelle, in der einige wichtige Menschen verendeten und bestattet wurden.

Sachsen-Anhalt tauchte zum ersten Mal 1990 auf, als der Bundesverkehrsminister beim Bau der Autobahn A2 von Hannover nach Berlin erschreckt feststellen musste, dass Brandenburg nicht an Niedersachsen grenzt (außer im Norden ein bisschen). Eilends wurden den heruntergekommenen Behausungen an Elbe und Elster Städtenamen gegeben, der Solidaritätszuschlag auf das neu gefundene Bundesland umverteilt. Wahlkreise und ein Landesparlament in Magdeburg wurden eingerichtet und Wahlen abgehalten. Unbestätigten Gerüchten zufolge regiert in Sachsen-Anhalt die CDU mit einer kommunistischen Splitterplattform namens „SPD“.

Morgen wählt die schwindende, durchschnittlich 63-jährige sächsisch-anhaltinische Bevölkerung ein neues Landesparlament. Zur Wahl stehen CDU und SPD, Grüne, FDP und Linkspartei, zwei weitere kommunistische Parteien, eine rechtsextreme, die Sarazzistische Partei (kein Scheiß!) und eine Spaßpartei (sog. Piraten) und einige unbedeutende mehr. Der Ausgang der Wahl ist bundespolitisch völlig bedeutungslos, denn Sachsen-Anhalt besitzt im Bundesrat kein Stimmrecht.

International ist das Bindestrichbundesland mehr gefürchtet denn geliebt, was vor allem an der gefährlichen Tierwelt (Wölfe, Bären, Senioren, Tyrannosaurus Rex) und dem unwirtlichen, für den Ackerbau völlig ungeeigneten Boden liegt. Alle europäischenVerkehrswege von Ost nach West führen entweder über Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen und Sachsen. Das Fehlen von Flughäfen und Funkmasten macht das Überfliegen Sachsen-Anhalts zu einem unmöglichen Unterfangen, bereits 17 Flugzeuge, darunter vier Transall-Maschinen der Bundeswehr, gingen im Bermudadreieck Europas (Stendal-Naumburg-Wittenberg) verschütt.

Sachsen-Anhalt gibt sich betont unauffällig, es ist kein Schwergewichtsbundesland wie Bayern oder Baden-Württemberg, nicht einmal ein Schmuddelkindbundesland wie Bremen oder Berlin. Ja nicht einmal ein gemütliches Saufland wie Thüringen oder Rheinland-Pfalz und auch kein schrulliges Kultland wie das Saarland oder Sachsen. In Sachsen-Anhalt gehen die Uhren anders. Nämlich rückwarts.

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Written by Quax

19. März 2011 um 14:13

Veröffentlicht in Blödsinn, Politik

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Eine Antwort

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  1. Ich war nur für ein paar Tage in Sachsen-Anhalt (im Harz) und kann deine Eindrücke nur bestätigen. Sehr schöner Text.

    artgerecht2011

    19. März 2011 at 18:58


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