Misanthropenwald

Und solche Menschen dürfen wählen

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Heute war ein besonders schöner Tag, denn ich war in der Innenstadt der Quadratestadt Mannheim und habe geshoppt, wie der Volksmund ulkig herumenglischt, aber leider habe ich nichts gefunden. Dafür durfte ich auf dem Paradeplatz, quasi dem Teil Mannheims, an dem man sich trifft, wenn man sich treffen will, eine Demonstration miterleben.

Oh und was für eine Demonstration! Es war die allwöchentliche Montagsdemonstration – und wo im Osten damals jeder dritte Ostbürger auf den Beinen war, schafft’s der Wutbürger nur, eine handvoll Menschen zu mobilisieren.

Thema wie jede Woche: soziale Gerechtigkeit und Hartz IV, aber das nur am Rande, denn das Hauptthema war Atomkraft. Uhh, das Thema, bei dem sich der gemeine Baden-Württembergische Wutbürger auskennt. Die Montagsdemo auf badisch läuft folgendermaßenb ab: auf dem Paradeplatz spannen die Demonstranten zwei Wäscheleinen an Laternenmasten fest und hängen mit Wäscheklammern zwei bedruckte Bettlaken, die mit allerlei Forderungen bedruckt sind. Davor steht ein Tisch mit Flyern und wieder davor steht er, der Wutbürger, mit einem Mikorfon in der Hand. Das ganze ist jedoch keine One-Man-Show, sondern eine total basisdemokratische Angelegenheit. Jeder, der was zum Thema beizutragen hat, darf das Mikrofon nehmen und der Stadt und dem Erdkreis seine Sicht der Dinge darlegen.

Nun gehört der gemeine Mannheimer in der Regel zum Pöbel der unteren Sorte, was die Qualität der Redebeiträge schmälert, ihren satirischen Wert jedoch in ungeahnte Höhen schraubt. Dass nun jeder seine ungebildete Meinung in den Äther lassen durfte, machte sich schmerzlich bemerkbar. Der erste Redebeitrag stammte von Super Mario, will sagen von einem Mann mit roten T-Shirt und blauer Latzhose. Hochmütig wutbürgerte er ins Mikrofon und rief die ganzen FDP- und CDU-Wähler auf, sich zu melden. Triumphierend wandert sein Blick über die Menschenmenge. Die meisten gehen vorbei, ohne zu wissen, was der wirre Kerl da eigentlich erzählt. Um den Rhetoriker schart sich eine kleine Menschenansammmlung von ziemlich genau acht Menschen. Aber niemand meldet sich. Denn niemand hat mehr CDU oder FDP gewählt, nimmt der italienische Klempner zur Kenntnis und schließt seinen Redebeitrag.

Es folgten noch weitere Glanzstücke der Sprachkunst und des Argumentationsgeschickes, darunter auch solche Perlen, ne?, die voll gegen Atomkraft sind, ne?, weil, die Politiker sagen ja, ne?, dass die sicher wären, die Atomkraftwerke, ne?, weil wir ja keine Erdbeben, ne?, hätten, ne?

Oder um die Argumentationsart mal aufzudröseln: DIE DA OBEN, gemeint sind diese Politiker, die sagen zwar, dass die Kraftwerke bei uns sicher seien, weil bei uns gibt’s ja keine so starken Erdbeben – obacht, nun folgt der beste Teil! – aber das haben die in Japan ja auch gedacht!!!

So ist es.

Den Japanern waren Erdbeben bis vor kurzem noch völlig unbekannt, sie haben ja bloß jedes Jahr so an die tausend davon.

Aber nicht nur die Kraftwerke selbst und unsere Politiker waren natürlich Thema, sondern auch jede Menge Zahlen. Zahlen, die stimmen können oder nicht. Zahlen, die von Centbeträgen bei Strompreisen heute und denen von vor dreißig Jahren („Waren ja damals so zwei Pfennig!“) handelten. Zahlen, die beweisen sollten, dass Atomstrom scheißeteurer ist als – ja als was eigentlich?

Regenerative Energien natürlich! Der Jesus Christus unter den Stromerzeugern. Denn die böse Atomkraft wird von unseren Steuern – und da ist es ganz wichtig, von unseren Steuern zu sprechen, weil die sind uns – subventioniert und die regenerativen Energien dagegen, die werden überhaupt nicht subventioniert. Da haben sich DIE DA OBEN aber mal ganz schön was einfallen lassen!

Aber die hören ja eh nur noch auf diese Stromkonzerne, derer es da vier gibt, wie ein Mann mit wüstenbrauner Jacke und hochrotem, weil sonnenverbrannten Kopf zu berichten wusste. Das sind nämlich EnBW, Eon und äh, äh, und die anderen. Die stecken sich das Geld ja eh nur in die eigenen Taschen und kümmern sich nicht um die Endlagerung der Brennstäbe, weil das macht ja wieder der Bund mit unseren Steuergeldern. Dass es da Verträge gibt, dass der Bund sich um die Lagerung kümmert und nicht die Stromkonzerne (welche sich das Geld nur in die eigenen usw.), das kümmert den Wutbürger nicht. Verträge, die doof sind, kann man ruhig brechen. Weil doof.

Absoluter Höhepunkt des Mannheimer Kasperletheaters war schließlich der Auftritt einer Frau, die im schönsten Nasentone ins Mikrofon blies und ihrer Verschwärungsphantasie freien lauf ließ. Diese Stromkonzerne, die ja diese ganzen Atomkraftwerke und so haben, die produzieren ja voll viel Plutonium und wisst ihr, was die wohl mit dem ganzen Plutonium machen?

Die.

Bauen.

Daraus.

ATOMBOMBEN!

Kein Scheiß. Das glaubte die wirklich. Denn so sind’se, DIE DA OBEN! Man erfährt ja auch nicht, was mit den ganzen Plutonium passiert und man will ja auch gar nicht wissen, was die Bundeswehr so alles an Waffen hat, auch von den Amerikanern.

Dann war die Montagsdemo leider auch schon wieder zu Ende. Nächste Woche ist leider keine, da wird vor den Atomkraftwerken der Umgebung (sprich Biblis) demonstriert. Aber in zwei Wochen widmet man sich einem hochaktuellen Thema, das in Deutschland so brisant ist wie seit siebzig Jahren nicht mehr. Denn der Faschismus kommt zurück.

Äh, was?

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Written by Quax

19. April 2011 um 01:40

Veröffentlicht in Mischwald

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4 Antworten

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  1. Als Augenzeuge jener geschichtsträchtigen Stunde kann ich dem Autor nur zustimmen.Ich hatten den Eindruck die Völker der Welt schauen auf Mannheim.
    Wenn man Bahn fährt hat man aber auch ähnliche Erlebnisse. Da unterhält sich dann der von bild und rtl gebildete Pöbel darüber, dass die Tiere im Zoo bestes Obst kriegen, während unsere (sic) Kinder nix haben. Anschließend haben sie sich noch darüber unterhalten wer bitteschön 21 Joghurtsorten braucht. Das sei doch nur eine Methode der Konzerne Leute zu ködern. So hab ich das noch nie gesehen mit Warenvielfalt. Aber solche Ansichten sind wohl normal, wenn man mit dem Zug in die Zone fährt ;-)

    klugscheißer

    20. April 2011 at 18:10

  2. gerade eben die leute die bild und rtl alles glauben stehen nicht bei montagsdemos rum.
    ich habe mir vor ein paar wochen auch die monatgsdemo in köln mal angetan und bin dann nach 15 min gegangen weil ich enttäuscht war von dem sogannten halbwissen mit dem die leute um sich geworfen haben.
    aber warum sich über die leute lustig machen ? ist doch gut, da gibt es wenigstens ein paar menschen, die sich noch fragen stellen und wenigstens die ambition haben demokratie zu leben. das der schuß ohne das entsprechendes wissen, nach hinten losgeht ist dann eher traurig.
    das sich für 8 leute die irgendwo auf dem platz stehen und in ein megafon sprechen, kein schwein mehr intressiert ist eh fakt.
    demonstrationen für müssen heute schon eventcharakter haben. mindestens eine facebookseite und ein youtubevideo.
    die große antiAKW demo war in köln wie karneval, endlich konnten die leute sich mal wieder die gesichter anmalen und ne bühne mit musik gabs auch und dann wurde noch durch die straßen gezogen, nur ohne kamelle.
    vor ein paar tagen haben sich selbst nennende autonome..also die leute die keinen bock auf arbeiten haben.. eine raveparty auf der domplatte veranstaltet.
    das nenn ich mal ein gutes marketing. musik mögen die leute, keinen bock zu arbeiten haben auch alle, dann unterstütz doch die autonomen… so einfach kann man die massen beeinflussen.
    was will ich eigendlich sagen? achso die monatgsdemos… sind nicht mehr zeitgemäß udn die leute die wircklich ahnung haben, wissen das und deshalb hört man sie auch nicht dort ;)

    noart

    21. April 2011 at 12:52

    • Die Leute, die da rumstehen, das sind nicht diejenigen, die RTL und Bild alles glauben, im Gegenteil: das sind die, die sich damit brüsten, weder RTL zu schauen, noch Bild zu lesen und ja generell keinen Fernseher haben, weil da ja doch nie was kommt usw usf. – aber wenn dann in einem der genannten Medien dann doch etwas kommt, was die eigene Meinung bestätigt, ist man hellauf begeistert und verweist mit unglaublichen Furor auf diese Quelle.

      Warum ich nun für diese Heuchler kein gutes Wort übrig habe, ist zum einen der Name: Montagsdemonstration. Damit knüpfen sie an die Massenproteste in der DDR an und wären wohl auch gerne mal so groß die die Großdemonstrationen gegen Hartz IV seiner Zeit. Was haben sie stattdessen? Ein besseres Gruppengespräch, in dem jeder sein dümmliches Halbwissen an die Öffentlichkeit posaunen kann. Entweder zieht man so eine Demo/Kundgebung groß auf, wie die Anti-Atomkraft-Demos (nicht, dass ich dafür irgendwelche Sympathien hegen täte, aber groß aufgezogen sind diese Demos ja schon), oder man bleibt im realistisch im Rahmen seiner Möglichkeiten, wie Flyer verteilen, Leute informieren, wasweißich?

      Im Grunde hätten diese armen Teufel sich auch in einen kleinen Gemeindesaal setzen und sich gegenseitig zustimmend zunicken können; für irgendwelche Gegenargumente wären die wohl taub – für alles wäre ein fadenscheiniger Halbfakt vorhanden gewesen, um diesen ignoranten Atomfreund niederzubrüllen.
      Nein, das sind ja nicht einmal besonders kluge oder überzeugte Menschen, sondern welche, die zwar sagen, sich von niemandem etwas sagen zu lassen, aber im Grunde so dermaßen leicht zu manipulieren wären.

      Keine Ahnung haben und beeinflussbar – warum müssen solche Menschen immer am lautesten schreien?

      WARUM NUR???

      Quax

      21. April 2011 at 13:54

  3. Dieser beitrag Beitrages unterscheidet sich in seiner Reflexionstiefe und Sprachniveau nicht von dem, was er da zu kritisieren versucht, legt aber noch eine Schippe Menschenverachtung dem „Pöbel“ gegenüber drauf. Wer hier der wahre Wutbürger ist, ergibt sich da von selbst.

    schroeder

    28. April 2011 at 14:50


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