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Der Unterschied zwischen Schön und Kitsch

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Musik ist super! Jeder mag Musik. Nicht jede Musik, aber mit irgendeiner Musik kann jeder was anfangen. Es gibt laute Musik, schnelle Musik, langsame und leise Musik. Mit viel Bass und Schlagzeug oder mit Harfen und Klampfen. Musik, bei der man durch die Wohnung tanzt, heftig mit dem Kopf nickt oder Musik, bei der man sich die Pulsadern öffnen möchte. Weil sie so schön ist.

Bei viel zu vielen Menschen ist die Geschmacksverkrüppelung schon so weit vorangeschritten, dass sie wirklich schöne Musik nicht mehr von Kitsch unterscheiden können und jeden hingeschwappten Song sofort als große Kunst und Kultur auffassen, weil ein paar Geigen mitschrubben. Da muss ich unbedingt Abhilfe schaffen, denke ich. Denn besonders bei einer ganz bestimmten Band ist das „Mei, isch des schee!“ weit verbreitet, obwohl es im Grunde der gleiche akustische Müll ist, der es schon als Originalpopmusik war – nur langsamer und mit Geigen.

Damit will ich nicht sagen, dass Popmusik böse und scheiße ist und ich möchte schon gar nicht so snobistisch daherkommen, als täte ich keine Popmusik hören, ganz im Gegenteil: Unfassbar eingängig und unterhaltsam sind die Lieder vom größten Musikschrottplatz Europas, der da Eurvision Song Contest heißt und dessen musikalisches Textgut ich auf keinen Fall missen möchte („I will be popular, I will be popular … My body wants you, Girl!“). Oder Karnevalsmusik, die ganz objektiv betrachtet schlimmer als Folter ist. Nur damit hinterher niemand sagen kann, ich würde bestimmte Leute als doof ansehen, weil sie eine bestimmte Musikrichtung hören und meine Musikrichtung fände ich dann wohl als die Beste, dabei sei das ja wohl größerer Müll. Nein, ich weiß ja, dass ich meinen Trommelfellen unerhört viel Musikabfall zumute. That said kann’s nun auch losgehen.

Seit einiger Zeit tritt eine Art, Lieder zu covern häufig auf. Dazu werden bekannte Songs genommen und völlig neu arrangiert, sodass dumme Leute sie für ganz hohe Kunst und Musikavantgarde halten (z.B. weil Geigen vorkommen). Das kann man gut machen, sodass man die tollen alten Lieder in einer auch tollen, aber anders tollen neuen Version hört. Das Positivbeispiel wäre dafür die Band Scala & Kolacny Brothers aus Belgien. Ein Mädchenchor aus knapp 200 (sic) 16- bis 26-jährigen Sängerinnen, die auch deutsche Lieder covern. Ganz unaufdringlich und nett anzuhören. Zum Beispiel „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Das gefällt mir gut. Schlicht gehalten und schön anzuhören.

Am bekanntesten dürfte aber Scala & Kolacny Brothers‘ Version von „Hungriges Herz“ sein, das eine ganze Weile in der Werbung der Volksbanken und Raiffeisenbanken zu hören war:

Das ist schön. Schlicht, nur ein Klavier als musikalische Begleitung, den Rest macht der Chor. So läuft das.

Kommen wir nun zur Schattenseite. Kommen wir zum Kitsch. Kommen wir zu Adoro. Adoro sind fünf Hornochsen Opernsänger, die im Grunde genauso arbeiten wie Scala & Kolacny Brothers, nur dass sie die Sache mit mehr Kitsch angehen und bei der Songauswahl ein weniger gutes Händchen haben wie die Mädels aus Belgien. Oder wie es jemand auf der Diskussionsseite zum Wikipediaartikel über Adoro geschrieben hat: die fünf Jungs „knödeln bereits vielfach ausgelutschte Kommerz-Bonbon-Popsongs über schwülstige Orchesterarrangements aus dem Sampler“. Ihr glaubt mir nicht? Beweisstück A:

Einen Rocksong zur Ballade machen, okay. Einen Popsong zur Ballade zu machen, okay. Eine Ballade noch zu verballadigen grenzt dagegen an Körperverletzung. Auch die übrige Songauswahl ist mehr so wäh. Da hätten wir ein Cover von A-has „Take on Me“ auf Deutsch mit dem Titel „Halt mich fest“, „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo oder „Geboren um zu leben“ von Unheilig.

Vielleicht taugen die Arrangements ja was. Wir können ja mal spaßernshalber die beiden Lieder von Scala & Kolacny Brothers hier mit Adoros Version von „Liebe ist“ vergleichen: Statt eines einzigen Instruments (ein Klavier, ein Klavier!) haben wir hier eine Harfe, ein paar Streicher – darunter natürlich Geigen – und eine Oboe im Solomodus. Kitsch as Kitsch can. Dann setzen vier Schleimbolzen (einer ist krank) die Mikrofone an mit tiefgründigem, wehmütigen Blick und schmalzen los. Noch nicht überzeugt?

Dann hilft vielleicht der Clusterfuck, zu dem sie „Stille Nacht“ ab etwa 2:00 gemacht haben:

Nun gut, zu Weihnachten darf’s ja ruhig ein wenig kitschig sein. Aber selbst die kitschigste Jahreszeit der Welt kann Adoro noch viel kitschiger machen. Vorhang auf und Bühne frei!

Vorhölle.

Damit hat’s Adoro auch völlig verdient, parodiert zu werden. Zum Beispiel von der Wochenshow:

Written by Quax

14. Juli 2011 at 13:40

Veröffentlicht in Mischwald

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