Misanthropenwald

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Neu ist älter als Alt

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Nachdem ich vorhin bei SPON einen Artikel über den laut Innenminister de Maizière erfolgreichen Aufbau Ost gelesen habe und ein paar Tränen ob unseres glorreichen Vaterlandes vergossen habe, wechselte die Flüssigkeit, die da aus meinen Okularorganen schoss, von Salzwasser zu -säure. Denn nach zwanzig Jahren Wiedervereinigung unterscheidet man immer noch zwischen „uns“ und „denen da drüben“.

O ich könnte gar nicht so viel kotzen wie ich müsste, wenn ich an diesen Sprachgebrauch allein schon denken tu‘ und erst recht im Hinblick auf die Themen, die einem da in der Presse begegnen; der Ossi, das unbekannte Wesen, diese drolligen und naiven Bauernlümmel, die ja gar keine richtige Bildung hatten und ohnehin von der DDR-Propagande versaut sind, mit denen muss man immer rücksichtsvoll umgehen, sie sind ja noch nicht zivilisiert.

Diese hochnäsigen Pimmelwessis, die mitleidig auf den Osten schauen, als lungerten da nur Bürger zweiter Klasse rum, sind fast genauso schlimm, wie die arroganten Prekariatsärsche, die voller Neid auf den Osten blicken und die schönen (Innen-)Städte und guten Verkehrswege sehen und dann erst erblassen, um dann rot anzulaufen und Gift und Galle zu spucken, weil die Zonis das ja eh alles nur in den Arsch geschoben bekämen und der gute, arbeitende Westherrenmensch dem faulen Ostpenner das Geld hinterherschmeißen würd‘ und am besten wär’s ja eh, würde man die Mauer wieder hochziehen, weil früher ging’s uns ja eh viel besser.

Keinen Deut besser sind die jammernden Gestalten auf der anderen Mauerseite, die sich beklagen, dass sie nichts hätten und dass niemand sie unterstütze und unter Erich ging’s ihnen ja auch viel besser, weil alle Arbeit gehabt haben und mit Kriminellen sei man nicht so weich umgegangen und überhaupt. Und für ihre Dummheit sind natürlich alle anderen verantwortlich, aber nicht sie selbst.

Und was macht Vater Staat, um dem entgegenzuwirken? Nichts! Statt die Unterschiede abzubauen, werden sie nach zwanzig Jahren, nach zwanzig verdammten Scheißjahren!, immer noch hervorgehoben, als befänden wir uns in der Mitte der 90er. In jeder Statistik wird zwischen Ost und West unterschieden, bei den Arbeitslosenzahlen, bei der demographischen Entwicklung, beim Verkehrsaufkommen und beim Bildungsstand. Man entscheidet aber nicht einfach plump zwischen „Ost“ und „West“, sondern ganz perfide:

Zwischen „neuen“ und „alten“ Bundesländern. Was für eine gottverfluchte Drecksscheiße ist das! Welches hirntote Arschauge ist denn auf diese hochdumme Bezeichnung gekommen, verdammt nochmal! Hat sich denn jemand von diesen studierten Wirtschaftstrotteln (und keine anderen werden sich diesen jämmerlichen Dreck ausgedacht haben) mal angeguckt, was da alles als „altes“ Bundesland gilt? NRW, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg sind alles „alte“ Bundesländer und alle sind sie so sechzig Jahre alt. Sagt mal, für wie kreuzblöde haltet ihr alle anderen Menschen auf dem Planeten Erde eigentlich! Die angeblichen „neuen“ Bundesländer, wie „neu“ sind die denn so, hm? Hm? HM?? Neunzig Jahre (Thüringen), sechshundert (Sachsen – sechshundert, verdammt!), achthundert (Mecklenburg), tausend Jahre (Brandenburg). Das sind alles also „neue“ Bundesländer (und vermutlich auch alles untypische), wohingegen die „alten“, allesamt provisorische Kunstprodukte, die Nase rümpfen dürfen/sollen, über die Wirtschaftskraft der „neuen“ alten Länder, denn Wirtschaft ist ja alles, Wirtschaftwirtschaft, Geld zählt und nicht Kultur, denn wer braucht schon Theater und Museen, wenn man stattdessen Kohlekraftwerke und gesichtslose Einkaufszentren dicht an dicht mit Fabrikvierteln haben kann, hauptsache der Rubel rollt und altehrwürdige Residenzen dienen halt auch höchstens nur noch als Motive für Teller und Tassen, die man billig an die staunenden „alten“ Zonitouristen verticken kann, denn was kein Geld bringt ist auch nichts und kann ruhig links liegen gelassen werden, wobei hier die Devise gilt, dass nicht nur Bares Wahres ist, sondern auch und vor allem Neues und Altes ruhig vermodern kann.

Wenn man’s so sieht, dann wäre das  Attribut „neu“ für die „Alten“ ja ein Kompliment. Wenn dem so ist, will ich nichts gesagt haben.

Written by Quax

22. September 2010 at 22:09

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Da waren’s nur noch Null

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Hamburgs regierender Bürgermeister Ole von Beust ist zurückgetreten und liegt damit voll im Trend. Vor dem hanseatischen Fischkopf und Muschelschubser haben sich nämlich schon alle anderen wichtigen CDU-Landesdespoten verabschiedet. Und hier sind sie, die Vorgänger des Beule von Ost.

Es begann im letzten Jahr in Erfurt, DDR. Pistenschreck Dieter Althaus war aus seinem 40-jährigen Koma erwacht und verlor prompt eine Landtagswahl. Im Grunde hätte die SPD den Ministerpräsidenten stellen können, doch ihr dümmliches Rumgehampel schob sie als Juniorpartner in eine Große Koalition unter der CDU, aber ohne Althaus. Der gab Fersengeld und ward nie wieder gesehen. Die neue Ministerpräsidentin Thüringens heißt Lieberknecht und ist unendlich machtlos, da sie in jener Großen Koalition mit der SPD ist. Und wo die SPD im Spiel ist, ist Macht und alles, was machtähnlich sein könnte, so dermaßen ausgeschaltet wie eine ICE-Klimaanlage bei 33° Celsius.

Das Saarland, dieses halbfranzösische Protektorat mitten am Rand von Rheinland-Pfalz, wurde regiert von Peter Müller, mit einer angenehmen, absoluten Mehrheit. Dann kam die Landtagswahl und die CDU purzelte von 100 auf 34%. Um seinen Posten in Saarbrücken zu halten, suchte er Koalitionspartner und fand gleich zwei: FDP und Grüne. Natürlich, denn wer die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, entscheidet sich für beide und hofft, dass die Bazillen sich gegenseitig ausschalten. Damit schaffte Müller die erste Typhus-Pest-Cholera-Koalition der Bundesrepublik, von der Presse fälschlicherweise „Jamaika“ genannt. Jamaika hat mit dem Saarland genauso viel gemein wie Sibirien mit dem Schlaraffenland.

Apropos Schlaraffenland – als er es leergefuttert hatte, merkte Peter Harry Carstensen, der Gewaltherrscher in Schleswig-Holstein, dass er gar nicht mit der SPD klarkommt und kündigte seine Große Koalition auf. Es kam zu Neuwahlen, in denen PH Carstensen sich selbst ausschaltete; Schleswig-Holstein wurde damit PH-Neutral (Pling! macht die Münze im Phrasenschwein). In Kiel regiert seit dem eine schwarzgelbe Koalition mit exakt einer Stimme Mehrheit, womit aus dem unwichtigsten Bundesland der Welt machtmäßig überhaupt nichts mehr kommt.

Den nächsten Landeschef sägte die Bundesmerkelin hochselbst ab: Günther Oettinger, Landesfürst von Baden-Württemberg, wurde nach Brüssel abkommandiert (wir berichteten). Statt Spätzle gibt’s seitdem Pommes, statt Gesetze für’s Ländle machen, wechselt Oettl nun Glühbirnen im EU-Parlament aus. In the boat of his homeland, Bade-Wüddeberg, sits now Stefan Mappus, Kettenhund und schwulophobe Wurst, der seine Feuertaufe in der Landeswahl noch vor sich hat, sich aber mit seinen Aussagen bisher schon als Germany’s next Roland Koch in Stellung bringt.

Koch! Kochkochkoch! Der Hessenschmock hat keinen Bock und schmiss einfach hin. Sein Nachfolger wird Volker Bouffier. Mit Roland Koch geht leider der mögliche nächste CDU-Kanzler nach der Epoche Merkel. Das wäre ein Schmaus gewesen, Koch auf Bundesebene – er hätte auf dem Misanthropenwald eine eigene Kategorie bekommen. Aber so…?

Bleiben nur noch zwei Bundesländer, nämlich NRW und Niedersachsen. In Niedersachsen regierte ein „Mann“ namens Christian Wulff. Dann gab es eine Wahl, weil der Bundespräsident das Handtuch geworfen hatte und Niedersachsen bekam mit David McAllister einen Schotten als Clanchef und Wulf übernahm ein anderes Amt, über das hier kein weiteres Wort verloren werden muss, also weiter zum letzten Bundesland.

In NRW gab es Rüttgers und eine Landtagswahl, nun gibt’s eine Minderheitsregierung und eine Kraft von der SPD. Rüttgers purzelte aus Düsseldorf und verschwand völlig von der Bildfläche. NRW ist das einzige Bundesland, in der es die CDU nicht geschafft hat, irgendwie in der Landesregierung zu bleiben, stattdessen gab man das Heft komplett aus der Hand, an eine von den Linken mehr oder weniger tolerierte rotgrüne Regierung. 

Was bleibt also noch für die CDU? Schwabenfürst Mappus ist sicherlich der aussichtsreichste Kandidat, den CDU-Ton anzugeben, aber dazu muss er erstmal seine Landtagswahl im Ländle gewinnen. Lieberknecht, Carstensen und Müller haben sich selbst geburnt und Bouffier und McAllister sind noch ganz grün hinter den Ohren. Oder gerade nicht. Vielleicht auch eher schwarzgelb. Jedenfalls nicht absolutmehrheitlich.

Wie dem auch sei! Es gibt auch CDU-Despoten, die im Amt blieben. Was ist mit deren Einfluss? Da wäre Sachsens Stanislaw Tillich. Das Dresdener Schmunzelmonster ist seit 2008 Ministerpräsident, wer hätte das gedacht! Niemand hat seit dem irgendwas von ihm gehört und so wird das die nächsten Jahre wohl auch bleiben.

Überraschend ist auch Sachsen-Anhalt. Zum einen, weil es überhaupt ein eigenes Bundesland sein darf und zum anderen, weil es auch unter einem CDU-Regime ächzt. Aber wen kümmert schon dieses Land, das nur existieren darf, weil sonst kein Land  seine Ländereien haben will? Niemanden.

Dann wäre da ja noch Bayern – aber das lassen wir außen vor, denn Bayern ist ein untypisches Bundesland. Wir sehen also, dass der CDU langsam das Spitzenpersonal (höhö!) ausgeht. Bald pfeift die Union aus dem letzten Loch, wie die SPD. Das wäre Schade.

Ach, was erzähle ich da, toll wäre das! Super! Spitze! Erstklassig! Also los, ihr restlichen Ministerpräsidenten, folgt dem Trend und besorgt euch neue Jobs!

 

P.S.: Auf Phoenix behauptete soeben jemand, dass bei der letzten Bundestagswahl die FDP von Menschen mit guter Bildung gewählt worden sei. Das wage ich zu bezweifeln.

 

Nachtrag, 19:12 Uhr (Nein, kein Liveblog heute): Ganz vergessen in der Liste und doch irgendwie erwähnt – Horst Köhler, ehemaliger Sparkassendirektor, ist ja auch mit seinen weit aufgerissenen Augen, seinem Debilogrinsen und ätzenden Dialekt zurückgetreten und hat den Weg in der Bundesversammlung frei gemacht für Christian Wu ihn, dessen Name hier nicht im Zusammenhang mit dem Amt des durchlauchten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Bundesdeutschland gebundet genannt werden wird!

Written by Quax

18. Juli 2010 at 19:05

Veröffentlicht in Politik

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Untypische Wahlen

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Immer dann, wenn eigentlich alles gesagt ist, pusten sie noch ihr sinn- und gedankenfreies Geschwätz in den Äther und aalen sich dabei in ihrer eigenen Selbstherrlichkeit: „Experten“.

Im sogenannten „Superwahljahr“, das ja vor Kommunalwahlen, Europawahlen, Landtagswahlen und Bundestagswahlen nur so spritzt, ätzen diese Geschöpfe besonders unangenehm; kommen doch auf jeden, der wirklich Ahnung hat, mindestens zwei dieser wichtigtuerischen Rumsülzer. Vor wenigen Wochen noch Terror-, Afghanistan-, USA-, Nahost-, Abwrackprämien- oder – gottbewahre! – Finanz-Experte, schult das Pack rasch um auf Wahl-Experte.

Und sammelt sich vor, während und nach jeder Superwahl des Superwahljahres in unseren Zeitungen und drängelt sich vor Fernsehkameras, um ihr hohles Geschwätz quotengierend in die Köpfe des dummen Konsumenten zu hämmern. Von diesem Geschmeiß nicht verschont blieben daher auch die gestrigen Landtagswahlen (Die NRW-Kommunalwahl wird da gerne mal unter den Tisch fallen gelassen, denn kommunal ist wurschtegal, nich‘?), in deren Vorfeld schon die dicksten Dinger losgelassen wurden; Heißluft in einer Menge rausgepustet, mit der man Luftschiffe für eine Zeppelinkette von Erfurt nach Lakehurst hätte füllen können.

Diese Landtagswahlen seien ja etwas ganz besonderes, weil alle drei Bundesländer ach so „untypisch“ seien, denn was dem Experten nicht in sein standardisiertes Wahlschablönchen passt, ist untypisch, so eben auch die drei Bundesländer. Sachsen und Thüringen sind, klar, ohnehin noch DDR, da gelten ganz andere Gesetze (da kann man mal sehen, dass die Mauer in den Köpfen eine ganze Reihe Synapsenverbindungen blockiert) und das Saarland war ja schon immer das lustige kleine Kasperle der Bundesrepublik, denn: Wer als Wessi die Linke wählt, der kann nicht normal sein.

Und während alle typischen Bundesländer auf die drei mißgebildeten Opferländer schauen, weil die Landtagswahlen ja ein Signal für die Bundestagswahl sein sollen, trotz Unnormalität, und nun die heiße Phase des Wahlkampfs beginne (als ob sich da noch viel ändert, aber man muss halt etwas rumschwätzen, um die Zeit zur ersten Hochrechnung zu überbrücken), staunen die selbsternannten und/oder hochstilisierten Experten nicht schlecht, ob des Wirrwarrs, was die untypischen Wähler da zusammengewählt haben.

Weil da niemand sagen kann, was das denn nu‘ für die Bundestagswahl genau bedeutet, schmeißt man sich lieber auf das einfachere Thema und konstruiert sich anhand von ersten Hochrechnungen mögliche Koalitionen und möglichst lustige noch dazu. Da sieht in Thüringen, nach Althaus‘ zweitem großen Aufprall, der eine schon rot-rot-grün an der Macht und den, igittigitt!, Sozialismus auf dem Vormarsch und der andere trötet ein fröhliches „Jamaika!“ in die Runde.

Bei all dem gar lust’gen Blödsinn baut aber niemand gedanklich an einer schwarz-dunkelroten Superregierung in Sachsen oder gar an einer rot-rot-grün-gelb-braunen kunterbunten Malkastenkoalition (wobei ich mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen will), denn hier sind sich alle einig, Experten wie „Experten“: Schlafwandler Tillich bleibt MiniPrä und tauscht die SPD gegen die FDP aus. Da bliebe ein gehässiger Kommentar von mir zur SPD eigentlich nicht aus, aber über die Toten redet man nicht schlecht.

Nur bei einer Partei winden sich die Überdemokraten aus den typischen Bundesländern wie Aale, nämlich bei der ultragefährlichen, demokratiezersetzenden NPD, deren Fraktion sich während der letzten untypischen Landtagswahl selbst halbiert hat und nie irgendetwas auf die Beine bekommen hat, aber man wird ja wohl noch Angst vor dem Faschismus haben dürfen, wenn einen der Sozialismus als Schreckgespenst nicht ausreicht. Die brandgefährliche NPD habe jetzt eine „Stammwählerschaft“ (SPON, denn jeder darf ja mal), also bleibt die NPD wohl im sächsischen Landtag. Auf ewig. Natürlich könnte man sagen, dass schlicht nicht alle Protestwähler von der Protestpartei NPD zur Protestpartei Die Linke gewechselt sind, aber da läuft einem nicht so schön der Grusel über den Rücken, denkt man an kommende Landtagswahlen in ähnlich untypischen Bundesländern, wie Meck-Pomm oder Sachs-Anh.

Und wenn die Landtagswahlen jetzt den Turboschnarchwahlkampf eröffnet haben, werden wir von dem Schwatzgesindel spätestens in vier Wochen wieder hören, wenn es zur Bundestagswahl kommt. Der wohl untypischsten aller Zeiten.

Written by Quax

31. August 2009 at 13:28

Veröffentlicht in Polemik, Politik

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