Misanthropenwald

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Der Mann mit dem Schaf im Mund

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Deutschland hat vielen guten Filmemacher ein Zuhause gegeben. Man denke nur an Werner Herzog oder Fritz Lang oder den erst kürzlich verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger. Und dann gibt es noch Til Schweiger.

Vor wenigen Tagen war Til Schweiger einer der Gäste in der ZDF-Schwafelsendung des völlig überforderten Markus Lanz. Thema war u.a. der Fall Mirco und Kindesmissbrauch – ein emotionales Thema. Til Schweiger hatte einen „Wutausbruch“ (O-Ton BILD) und redete sich in Rage. Einen kleinen Ausschnitt gibt es nun hier:

Zu allererst: so viele Emotionen und Authentizität hat man bei Til Schweiger in bisher keinem seiner Filme sehen können. Aber um die Fähigkeiten des großen Mimen soll’s jetzt noch nicht gehen.

Til Schweiger forderte bei Lanz einen Internetpranger wie in Amerika, wie im Video zu hören ist. Aber Til Schweiger ging noch viel weiter, er sprach von einem dreistufigen System der Prävention von Wiederholungstätern, soetwas wie die Scharia wird’s wohl sein. Beim ersten Mal linke Hand ab, beim zweiten rechte Hand ab, beim dritten Mal Kopf ab – jedoch, der Schauspieler und Regisseur lehnt die Todesstrafe ausdrücklich ab. Alles andere, so Til Schweiger, könne und solle man aber durchaus anwenden. Folter und Verstümmelung sind aber auch hervorragende Präventionsmaßnahmen; jemand ohne Genitalien kann niemanden vergewaltigen.

Internetpranger also. Aber, so Til Schweiger, die deutsche Gutmenschengesellschaft ist dagegen, weil das gegen die Menschenwürde ist. Da fragt der große Philosoph: „Von welcher Menschenwürde reden wir hier eigentlich?“ – Tja, es könnte die sein, die im Grundgesetz im allerersten Artikel mal kurz angerissen wird, aber auf solche juristischen Spitzfindigkeiten kann ein Til Schweiger keine Rücksicht nehmen. Apropos Rücksicht – Deutschland ist nicht nur eine Gutmenschen- sondern auch eine Tätergesellschaft, in der der Täter mehr Hilfe bekommt als das Opfer. An das Opfer denke niemand. Der Täter werde geschützt und versteckt, auch wenn die BILD versucht, diesen Trend umzukehren. Auch die Opfer bekommen im Meinungsorgan BILD ein Gesicht, wörtlich genommen, versteht sich. Mit ausgeklügelten Recherchemethoden durchkämmen BILD-Mitarbeiter die sozialen Netzwerke unserer Zeit, um verwertbare Opfer- und Täterbilder groß in die Zeitung zu bringen, am besten von Toten. Weil Tote haben kein Persönlichkeitsrecht mehr.

Aber es geht ja nicht um Zeitungen, in die morgen schon der Fisch von letzter Woche eingewickelt wird, sondern um Til Schweiger und seine hammermäßigen Statements. Er sieht sich (s. Video) als Populist, doch das macht ihm nichts aus. Menschen, die ihn als Populist sehen, sind „dumm und naiv und die haben keine Phantasie“. Denn das sind Intellektuelle, sagt Til Schweiger in einem abfälligen Tone – aber er hat nichts gegen Intellektuelle, denn er sieht sich selbst als Intellektuellen.

Til Schweiger sieht sich selbst als Intellektuellen, das war die schönste und entlarvenste Aussage. Entlarvend deswegen, weil’s zeigt, was der Mann für ein übersteigertes Selbstwertgefühl und riesenhaftes Ego besitzt. Doch woher rührt diese Selbstüberschätzung von einem, der sich als guten Schauspieler, Filmemacher und Intellektuellen sieht?

Til Schweiger kommt aus den Seifenopern. Er sieht gut aus und damit hat sich’s auch schon. Schauspielerisch verfügt er über drei verschiedene Gesichter (erfreut, verdutzt, wütend), eine nuschelnde Quäckstimme und das Talent eines Stück Kantholz. Seine Karriere begann bei der Lindenstraße und seit dem scheint sich sein hölzernes Schauspiel nur unmerklich weiterentwickelt zu haben. Seinen Kinodruchbruch hatte er in den 90er Jahren mit „Der bewegte Mann“ und „Manta, Manta“.

Aber es soll hier ja nicht Til Schweigers Filmographie runtergebetet werden, sondern die Ausgangsfrage nach seinem Ego beantwortet werden. Es scheint schon immer besonders aufgepumpt gewesen zu sein. Nachdem er das Abitur bestanden hatte, wurde er zum Wehrdienst einberufen. Nach einiger Zeit verweigerte er den Dienst an der Waffe und wurde Zivi. Nach dem lästigen Staatsdienst wurde er Student und studierte Germanistik auf Lehramt. Für einen Intellektuellen wie Schweiger eine beleidigende Unterforderung, sodass er das Studium abbrach um etwas mit mehr Niveau zu studieren, Medizin. Auch dieses Studium brach er ab, weil er nach nur ein paar Semestern genug gelernt hatte, um Schauspieler zu werden.

Dann begann seine oben genannte Filmkarriere. Von den Medien und der Öffentlichkeit wurde der drittklassige Schausteller Til Schweiger in höchste Sphären gepriesen, sodass Deutschland und Europa für das Ausnahmetalent Schweiger zu klein wurde. Er wollte mehr, nach Hollywood. Besoffen vor Hyperei rief die deutsche Medienlandschaft Til Schweiger zu „unserem Mann in Hollywood“ aus. Das deutsche Aushängeschild in der Traumfabrik hielt sich mehr schlecht als recht über Wasser, einzig Nebenrollen in zweitklassigen Filmen sprangen für Til Schweiger raus. In „Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens“ spielte er einen von mehreren Hilfsbösewichtern des Oberbösewichts, in „King Arthur“ war er immerhin der böse Sohn des bösen Sachsenkönigs und hatte als solcher eine kleine Sprechrolle. Seinen größten Erfolg in Hollywood feierte Til Schweiger vor sechs Jahren, wie man in seinem Wikipediaeintrag lesen kann:

 2005 erreichte er auch seinen bis dahin international größten Erfolg als männliche Prostituierte Hans Hummer im zweiten Teil der US-Komödie Deuce Bigalow-European Gigolo.

Nach einer Nebenrolle in einer albernen Klamotte gab es für Til Schweiger in Hollywood nur noch eine Richtung: abwärts. Er ergatterte die Hauptrolle in der Videospielverfilmung „Far Cry“ von Uwe Boll, dem schlechtesten Regisseur unserer Zeit.

In Amerika sang- und klanglos untergegangen, kehrte Til Schweiger nach Deutschland zurück und betätigte sich nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Zu seinem Markenzeichen wurden seichte Liebeskomödien, meist schrieb er sich selbst in die Hauptrollen. In „Wo ist Fred“ spielte Til Schweiger ungewöhnlich überzeugend einen geistig und körperlich Behinderten. Sein wohl populärstes Werk war schließlich „Keinohrhasen“, ein großer Publikumserfolg, Gott allein weiß, warum. Wenn er schon nicht der deutsche Mann in Amerika sein konnte, dann musste Til Schweiger eben der beste Mensch in Deutschland werden. Aufgepumpt von dem ganzen Medienrummel und Erfolgen seiner Filme war er dann tatsächlich überrascht, dass die Deutsche Filmakademie seine seichten „Keinohrhasen“ 2008 nicht in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis berücksichtigte. Til Schweiger schimpfte und war sehr beleidigt, dass die Akademie den größten Kinoerfolg des Jahres nicht nominierte, wohl aber irgendwelche Filme, „die keine Sau kennt“ (O-Ton Schweiger). Folgerichtig trat der Mann, der den Unterschied zwischen Popularität und Qualität nicht kennt, aus der Akademie aus. Nach einiger Schmollzeit kehrte Til Schweiger schließlich doch wieder reumütig in die Akademie zurück.

Spätestens seit dieser Farce steht der arrogante Gockel auf der Abschussliste des gesamten deutschen Feuilletons. SPON macht sich seit jeher einen großen Spaß daraus, jeden Film Til Schweigers noch vor dem offiziellen Filmstart zu zerreißen. Und schlechte Kritik ist etwas, womit der Filmguru Schweiger nicht gut umgehen kann. Als Trotzreaktion darauf verkündete er schließlich, keine Pressevorführungen seiner Filme mehr zu machen, weil die Presse ja eh immer negativ über seine Filme berichte.

Das hielt SPON jedoch nicht davon ab, extra für Til Schweigers neustes Machwerk „Kokowääh“ zur Höchstform aufzulaufen und den Film und Til Schweigers schablonenhafte Filmemacherei aufzuarbeiten.

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Written by Quax

4. Februar 2011 at 17:37

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Türchen Nummer dreizehn

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Weihnachten, da kehrt man in sich und denkt nach. Und da merkt man, dass nicht alles im Leben lustig ist. Bei manchen Dingen fragt man sich, ob man darüber lachen kann. Oder soll. Oder muss, aus Hilflosigkeit, zum Beispiel. Deswegen gibt es heute Pointen von Mario Barth.

Öffnen wir mit einem Klacken also Türchen Nummer dreizehn!

Mario Barth also. Der Mann füllt ganze Stadien mit Krachern, so richtigen Burnern. Da werden Kleinstblogger wie wir schomma grün und/oder gelb vor Neid. Da gibt’s dann solche Knaller, wie:

Nix im Fernsehen, alle DVDs gesehen, Kühlschrank leer, Bier alle – ich guck so rum: Freundin!

Haha! Freundin! Sonst alles leer! Kühlschrank, Bier! Vastehste? Nein? Ick ooch nich.

Haste kein Geld, kaufste ein Haus. Gibste Haus dann anne Bank, bleibste aber drin. Bank verkauft dein Haus an andere Bank, die hat auch kein Geld. Ist der Wahnsinn. Bankdirektor kommt, will in mein Haus. Sach ich: Geht nicht. Wohn ich ja drin. Geh doch zu Merkel! Tut er auch. Siehste! Geht doch! Ich krieg die Krise.

Hier sieht’s so aus, als würde der Künstler auf eine Pointe zuarbeiten, kriegt aber gerade noch rechtzeitig die Kurve. Und setzt alles in den Sand.

Ich inner Kneipe. Freitag, lange Woche. Ich son Hals – und Durst bis zum Abwinken. Ich zum Wirt: Hörma. Hier ist die Kohle – und schieb ihm nen Hunni rüber. Hunni – und son Durst. Und nen Hals. Ich also zum Wirt: Hörma. Ich brauch jetzt jede Menge Stoff. Und dann kann ich dann auch mal gleich gar nichts mehr sagen. Wenn es so weit ist, dann nimmste, waste brauchst, und rufst mir ein Taxi. Wechselgeld könnt ihr euch teilen. Und so, genau so, ist das mit der Patientenverfügung: Einer bringt dich nach Hause, aber so richtig, und die, die übrig bleiben, teilen sich das Wechselgeld.

Mario Barth, Meister der Metaphern. So lassen sich auch komplizierte Zusammenhänge einfach darstellen, dass sie auch jeder Barth-Fan Dummkopf versteht. Der „Hunni“ steht also für das ganze Vermögen, das man hat. Und das vertraut man der Verwandschaft an, für den Fall, das man sich hemmungslos betrinkt. Das Taxi ist der Arzt. Und das Wechselgeld ist das, was vom Vermögen übrig bleibt und das teilen sich dann Arzt und Verwandtschaft. Rösler sollte Barth zu seinem Pressesprecher machen.

E=MB zum Quadrat, also Endgeilestimmung wird erzeugt durch Mario Barth hoch zwei bei Krümmung von Zeit und Raum mit Unterstützung der beobachtenden kritischen Masse im Olympiastadion. Krümmung, kennste Raumkrümmung? Das ist, wenn die Freundin vorm Fernseher sitzt und du fragst: Sach ma, warum brennt denn im Badezimmer das Licht? Und sie sagt: Ja, da bin ich doch gerade! Verstehste? Da bin ich doch gerade! Das ist der Knaller, wie die das schafft!

Physik kann er auch. Freundin sitzt vor dem Fernseher, ist aber gleichzeitig im Bad, weil die Badezimmerlampe den Raum ins Wohnzimmer hinein verzerrt. Und das ist jetzt lustig, weil.
Isso.

Frühling is, wenn die Freundin nach Nußloch will. Kennste Nußloch? Outlet-Store! 500 Kilometer entfernt! Sach ich: Ich fahr doch keine 500 Kilometer für eine Handtasche. Da musste schon zehn nehmen. Sacht sie: Okay, nehm ich zehn! Genauso ist das mit dem Kunstmarkt. Sammler. Verstehste?

Nein. Um ganz ehrlich zu sein: Nein, das verstehe ich nicht. Kunstsammler fahren nur weit, wenn’s auch viel zu holen gibt? Und Kunstmärkte sind große Outletläden? Und überhaupt, muss ich blöd sein, um das lustig zu finden?

Wir immer noch in Nußloch. Bezahlen. Zehn Handtaschen. Wenn meine Kreditkarte – Nußloch gleich Finanzloch, verstehste? – wenn meine Kreditkarte also im Moment der Handtaschenabgabe näher an der gegnerischen Kasse ist als meine Freundin, dann werde ich von meiner Bank angepfiffen. Abseits! Nußloch! Danke!

Damit verdient der Mann Geld und wir arme Studenten bloggen hier völlig für umme! Das Leben ist so grausam. Strafstoß! Leben! Danke! – An dieser Stelle täte es mich interessieren, ob jemand bisher gelacht hat und wenn ja, warum und was macht so jemand auf diesem Blog?

Finanzkrise – kennt ihr ja jetzt. Wie gesacht: Der Bankdirektor aus der Finanzkrise geht zu Merkel und will Geld. Die sagt: Jetzt ma nich. Erst muss ich mich um die Autos kümmern. Abwracken! Das is so wie Pfand für Autos. Bringst du die alte Flasche zurück, musst du natürlich ne neue holen, is ja klar. Das Tolle is: Du hattest nur das Bier bezahlt! Nur das Bier bezahlt! Und trotzdem Pfand. Pfaaand! Is das nich toll?

Mal abgesehen davon, dass die Abwrackprämie so nicht funktionierte und der Vergleich insgesamt ja schon völlig für die Tonne ist, der Herr versteht nicht mal das simple System des Flaschenpfands: Ich muss erstmal gar nichts. Und ich bezahle nicht nur das Bier, sondern auch die Flasche. Pfand ist nur die Strafe für faule Menschen, die Pfandflaschen wegwerfen. Zum Beispiel auf Kleinkunstbühnen, auf denen schwitzende Berliner spaßloses Zeuch erzählen.

Sommerzeit, kennt ihr das? Muss ich jedes Jahr zweimal überlegen, ob ich die Uhr eine Stunde vor- oder eine Stunde zurückstellen muss … Kennste das? Jedes Jahr! Zwei Mal! Schlimmer als der Geburtstag vonner Freundin! Dabei ist das im Grunde genau dasselbe: Die Stimmung wird aufgehellt, wenn ich ihr was schenke, weißte? Also: Immer schön Blumen kaufen und die Uhr eine Stunde vorstellen, und die Sonne strahlt länger.

Wisst ihr, der Kerl hat auch eine gute Seite. Immer, wenn ich etwas von ihm höre, bekomme ich das Gefühl, doch gar keine so üblen Texte in die Welt der Blogs zu pfeffern!

Kennste Internet? Computer. Alle hängen zusammen. Quatschen und jetzt Twitter. Schreiben alle drüber. Saugeil und so. Jeder nur 140 Zeichen: Freundin, Shoppen, Urlaub. Is doch voll normal. Die kopieren mich! Klauen Mario!

Mein Gott, die Inquisition kannte Foltermethoden, die waren human im Vergleich zu das da! Der Irak wird wegen eines Diktators und angeblicher Massenvernichtungswaffen besetzt und wir müssen sowas über uns ergehen lassen? Wann schreitet die UN ein, wo bleiben die Blauhelme? Das ist die schlimmste Waffe seit der Neutronenbombe und Menschen bezahlen Geld, um das zu sehen und – schlimmer – zu hören!

Wir im Ski-Urlaub: Ich sach zu meiner Freundin: Willste Pommes? Freundin: Nee. Ich hol mir welche. Ich schön Pommes, Mayo, Ketchup, schön lecker Pommes. Ich komm zurück zum Lift. Freundin sacht: Was hast du denn da? Ich dreh mich um: Wo? Meint die meine Pommes! Die meint meine Pommes! Ich denk, was will die? Ich dreh mich noch mal um, da is der Gletscher weg. Dafür sind die Pommes kalt geworden. Meine Pommes kalt! Klimawandel jetzt aber total mit mir und meiner Freundin.

Im alten Rom haben sie Leute wegen weniger durch’s Kolosseum gejagt. Da mag man doch schon gar nichts mehr drauf erwidern. Hat ja eh keinen Zweck. Irgendwann müssen wir alle sterben. Nutzen wir die Zeit, die uns noch auf dieser schrecklichen und grausamen Erde bleibt. Es gibt keinen Weg zurück. Nichts kann uns retten. Wozu alles? Es vergeht ja doch. O temporae terribilae! Was sind wir, im Angesicht der Zeit? Nur ein Wimpernschlag des Ewigen, des Allumfassenden! Wozu versuchen und dann doch scheitern, wenn man Ende sowieso nichts bleibt? Es ist alles eitel.

(Quelle. Danke, SZ.)

Written by Quax

13. Dezember 2010 at 00:20

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Love Parade ist Strafe Gottes

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Ich will eigentlich gar nicht. Ich hatte gestern schon einen Eintrag vorbereitet, aber wieder eingestampft, weil’s einfach müßig ist, darüber zu berichten, über die hyperventilierenden Medienreaktionen. Aber dann kam Eva Herman und brabbelte Unsinn und eigentlich habe ich ja nun keine Wahl mehr. Aber eigentlich sträubt sich alles in mir, zu dem Blödsinn noch etwas zu sagen.

Aber zuerst zu den Medienreaktionen zu der Massenpanik in Duisburg. Dem ein oder anderem Schreiberling scheint da das literarische Talent durchgegangen zu sein, denn da begegnen uns, dem Anlass entsprechend, Schlagzeilen, wie „Todesfalle Tunnel“ (BILD) oder „Der Tunnel des Todes“ (SPON), was zusammengefügt, also dumpfbackig + dumpfbackig, „Todesfalle Tunnel des Todes“ (SPIEGELBILD) ergäbe, also dumpfbackig². Oder „Das Desaster von Duisburg“ (SPON, den Kampf gegen die Alliteration verlierend). Tragische Unglücke mit Toten scheinen auch ein guter Anlass für Wortspiele zu sein wie „Love Parade wird Trauer Parade“ (irgendwo aufgeschnappt) oder, den Vogel abschießend, „Death Parade“ (Jürgen Elsässers Blog) zusammen mit „Sex and Drugs and Tunnel Roll“ (ebenjener) und eine Parallele zwischen Love Parade und Afghanistan-Krieg kann man auch gleich bestaunen.

Die üblichen Betroffenheitsbricketts aus der Politik ließ auch nicht lange auf sich warten, Kanzlerin Merkel ist „entsetzt“, SPD-Chef Gabriel „schockiert“, NRW-Ministerpräsidentin Kraft „voller Trauer“ und ex-Ministerpräsident Wulff verlangt „rückhaltlose Aufklärung“, was n-tv eine Eilmeldung wehrt war, denn dass Wulff bei neunzehn Toten keine Freudensprünge macht, ist wirklich überraschend. Manchmal wünscht man sich respektvolle Zurückhaltung der Nervtöter, aber was will man machen?

Darüber hinaus hätten wir noch die Enttäuschung darüber, dass immer noch niemand zurückgetreten ist, als ob ein Rücktritt Menschen zurück ins Leben brächte, aber gut. Krönung des gestrigen Tages war dann die Berichterstattung von n-tv, wo noch ein Handyvideo aufgetaucht war, das man dem geneigten Zuschauer „natürlich“ (n-tv-Bubi im rosa Hemd) nicht vorenthalten wolle, gepaart mit einem Videozusammenschnitt aus allen möglichen von Youtube geraubten Tunnelpanikvideos, unterlegt mit rührseligem Violinengedudel. Würg und brech. Heuchelei at it’s best. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Redaktion von n-tv noch immer jubeln, dass gottseidank eine Katastrophe mit Toten eingetreten ist, mit denen das Sommerloch gefüllt werden kann.

Gottseidank, damit bin ich ja endlich beim Thema. Gott. Und Eva Herman. Das ist die, die die Familienwerte im Dritten Reich gut findet. Aber statt an Heim und Herd arischen Nachwuchs für Volk und Führer zu produzieren, ist sie jetzt beim Kopp-Verlag (der pseudowissenschaftliche Quatschbücher verlegt) und liest Nachrichten vor oder zumindest das, was Herman dafür hält.

Jetzt also die Love Parade, die ja ohnehin ein Sündenpfuhl gewesen sei und bei dem ganzen Rumgeschnacksel außerhalb des heiligen Bunds der Ehe und dem Drogen- und Alkoholkonsum wär’s ja nur gut, dass das Treiben jetzt ein Ende hat und eventuell hat der HErr bei dem Unglück seine Wurstfinger im Spiel gehabt, wie damals bei Sodom und Gomorrha, nur mit weniger Salzsäulen. Schuld an der Duisburger Massenpanik ist aber nicht nur der ewige Weltenschöpfer, sondern auch die 68er Generation.

Ach, was soll ich so viel Liebesmüh‘ darauf verschwenden und mich darüber echauffieren, wenn das doch schon so viele andere für mich getan haben? Ich will ja auch gar nicht.

Written by Quax

26. Juli 2010 at 18:29

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Leck leck, blubb blubb, Öl Öl

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Milliarden und Abermilliarden Liter lustig-leckeren Wertvollöls suppen durch den Golf von Mexiko. Jeder, der schon mal einen Golf sauber gemacht hat, weiß einen Passat zu schätzen. Und mit diesem schlechten Gäg zu Beginn folgt nun: der Rest.

Alle Welt lacht über BP – und das völlig zurecht. Deren blöde Ölbohrinsel kippt um und schon gibt es keine Vögel mehr im Golf von Mexiko. Denn das böse Öl hat alles verklebt.

Um das Problem in den Griff zu kriegen, hatte BP drei Möglichkeiten. Diese drei Optionen möchte ich kurz darstellen. Sie lauten wie folgt:

  1. So tun, als sei nichts gewesen
  2. Alle Vögel erschießen
  3. Den Ölteppich anzünden

Option A (hier mit „1“ gekennzeichnet) fiel flach, dazu hatte die Wasserfarbe im Golf von natürlich-blau in einen tiefdunkelblauen bis schwarzen Grundton gewechselt, der von einigen grauen Sprenkeln gebrochen wird.

Alternative β (hier mit „2“ paraphrasiert) verursachte zu hohe Kosten, denn man hätte professionelle Robbenjäger aus Kanada anwerben müssen und diese von Keulen und Brettern mit Nägeln drinne auf Schießgewehre umschulen müssen. Die US-Regierung wollte nämlich die Nationalgarde nicht zur Vernichtung des Federviehs bereitstellen.

Möglichkeit c (hier durch „3“ symbolisiert) hätte ein hübsches Feuerchen im Golf verursacht, doch die Bürgermeister der Anrainersiedlungen warfen den Vorwand ein, dass eine dreiunddreißig Tage lang brennende Feuersäule die Nächte in einem Maße erhellen würde, dass der Schlafrhythmus der Bewohner Schaden hätte nehmen können. Die Möglichkeit scheiterte letztenendes daran, dass man befürchtete, dass sich die Flammen durch das Meer hindurch zum Meeresgrund und zur Quelle des Ölausbruchs bahnen und so die gesamten Ölvorräte des Planeten Erde verzehren. Und dabei so viel Wasser verdampfen, dass der Erdmeeresspiegel um 47,2 Meter sinkt.

Man entschied sich für Vorschlag 4, der hier nicht aufgeführt ist, weil er dämlich ist. Aber BP hat ihn trotzdem gemacht. Um das Gift im Golf zu bekämpfen, schüttete BP einfach noch mehr Gift hinein, aber anderes. Mit einer Chemikalie, die noch schädlicher ist als das schwarze Gold, sollte der Ölteppich zusammengerollt und weggeschafft werden. Gift mit Gift bekämpfen – so als würde man sich Typhus holen, wenn man schon Cholera hat, in der Hoffnung, dass sich die Viren gegenseitig verspeisen.

Die USA rüffelte BP für diesen Blödsinn und an den Aktienmärkten rotierten die Kurse. Die Mafia Rating-Agenturen rateten BP und stuften sie als „nicht-so-gut“ ein und Wettbüros fingen an, Wetten auf die Zerschlagung BPs anzunehmen. Doch so weit ist es bisher noch nicht gekommen. 

Da kommt es PR-mäßig für BP vielleicht ganz gut, dass im Roten Meer eine ägyptische Bohrinsel lecken soll. Da sollten wir uns schon mal überlegen, ob das Rote Meer nicht umbenannt werden sollte – und überhaupt, wann ist das mit dem Schwarzen Meer eigentlich passiert?

Überall knirschen und knacken die Bohrinseln und Öl blubbert fleißig an die Erdoberfläche durch das Wasser hindurch an die Wasseroberfläche. Bohrinseln werden verteufelt und dichtgemacht, so gut es geht. Und was macht Brasilien, dieses Belgien Südamerikas?

Ölbohrinseln bauen.

Written by Quax

22. Juni 2010 at 20:50

Veröffentlicht in Wirtschaft

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