Misanthropenwald

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The Royal Overkill

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Wer die letzten Wochen unter dem Stein der Glückseligen geschlummert hat, wird es noch nicht wissen: Heute hat der zukünftig-zukünftige König von Großbritannien seine Mätresse geheiratet. Das ist einigermaßen interessant, weil’s da schließlich um das künftige Staatsoberhaupt der Insel ging. Aber man kann Sachen auch breiig zu Tode labern.

Schon seit Wochen gab’s ja im Grunde kein anderes Thema mehr in den good ol‘ Medien von good ol‘ Germany. Man könnte meinen, es ginge um den König von Germanien, aber dabei war’s doch nur der englische Prinz William, der mit der Sicherung der Thronfolge begann und „seine Kate“ (O-Ton aus jedem Käseblatt) vor den Altar führte. Nun mag man den güldenen Zeitschriften Gala, Bild der Frau, Prisma usw. das bisschen monarchisches Eingeheimel gönnen – der Märchenkitsch sei ihnen gestattet. Dass BILD großspurig und laut und mit viel Tamtam die „Märchenhochzeit“ (Jeder Schreiberling, überall) begleitet, war ja nicht anders zu erwarten. Genausowenig wie die Hasstiraden von z.B. SPON, wo im Vorfeld der Hochzeit kräftig gegen die Schmarotzer und Geldverbrenner aus Windsor Castle gefeuert wurde.

So weit also nichts auffälliges. Wer jedoch heute morgen den Fernseher einschaltete, wurde aber schon regelrecht erschlagen mit Hofberichterstattung. Die ARD übertrug die Hochzeit in ihrer Aufgabe als Öffentlich-Rechtlicher Sender. Das ZDF sendete bereits seit acht Uhr morgens, also gut anderthalb Stunden, bevor irgendwas Spannendes passierte. Die ARD mutete ihren Zuschauern Barbara Schöneberger zu und stellte ihre gesamte Berichterstattung unter den Titel „Küss mich, Kate“. Urgs. Und weil der Gebührenzahler gerne parallel zwischen den Öffentlich-Rechtlichen Sendern hin- und herzappt, musste das ZDF natürlich auch irgendwas aufbieten und schickte Andrea Kiewel in den Hyde Park, um Engländer zu terrorisieren und viel zu Große Mengen Sekt zu trinken.

Ein Hort der Stabilität könnten da nur die Privaten sein, die sich dem Quotendruck beugen müssen – und das gleiche Zeuch auch liefern! Auf Sat1 redet „Society Expertin“ (O-Ton Sat1) Sibylle Waischenberg äußerst wichtig daher. Auf RTL quält die ewig lispelnde Katja Burkhard ihre Umwelt und die Zuschauer (bzw. Tßuschauer, um’s in ihrer Sprache zu sagen) mit ziemlich dummen Fragen. Auch die Nachrichtensender n-tv und N24 sind sich zu fein, sich so ein geiles Ereignis wie eine Hochzeit in London durch die Lappen gehen zu lassen und berichten eifrig drauf los, samt Liveticker am unteren Bildrand, sodass man live noch mitverfolgen kann, wie die Hochzeit sich auf die Aktienkurse auswirkt. Und man erfährt, dass Merkel sich die Hochzeit nicht live angesehen hat.

Nur Phoenix hielt tapfer gegen die Monarchenbeschallung und brachte – hihihi! – eine Dokumentation zur Französischen Revolution. Und ProSieben wiederholte zum fünftausendsten Mal Scrubs.

Jolly Shocking das ganze. Aber nicht einmal auf gestandene, treue Republikaner konnte man sich verlassen – denn was machte SPON, das Vorzeigebollwerk der Republik? Nachdem man dort eine handvoll böser antimonarchischer Hasstiraden lesen konnte? Na? Was wohl? Die knickten völlig ein! Ein Riiiiiesenbanner über die Hochzeit! Drei Hochzeitsartikel allein auf der Startseite! Und die Krönung (im wahrsten Sinne des Wortes): Das „O“ im SPONschen Banner „SPIEGEL ONLINE“ wurde durch ein kleines Krönchen ersetzt. Also wirklich!

Als ob’s um unsere Majestät gegangen wär‘.

Written by Quax

29. April 2011 at 21:40

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Zigarren muss man anzünden – Teil II.

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Besser spät alswie nie, aber jetzt geht’s weiter! Das Fernsehereignis vor dem Herrn, die Hindenburg. Spannung aufgebaut, bisher? Wie geht’s weiter mit Merten, Helen und der Bombe?

Nun sind alle auf der Hindenburg. Willkommen in der Vorhölle! Denn nichts gibt es auf dem Zeppelin zu tun. Ü-ber-haupt-nichts! Die Passagiere sitzen den ganzen Tag im Salon und fressen. Fressen, fressen, fressen. Vermutlich ist das ein all-inclusive-Luftschiff, denn einen Geldautomaten wird’s an Bord wohl nicht gegeben haben. Aber zurück zu diesem sterbenslangweiligen Fesselballon. Was macht man auf dem Zeppelin, außer mampfen bis der Dickdarm kapituliert? Quartzen bis die Lunge teert, denn einen Rauchersalon gibt’s auch. Rauchen und Spachteln. Und sich die unerträglichen Sprüche des Komikers anhören. Sterbenslangeweile und der furchtbare Clown. So muss man sich das Fegefeuer vorstellen. 

In dieser Mutter aller Pauschalreisen sitzt nun der blinde Passagier Merten und versteckt sich. Denn Herr Lehmann hat über Funk mitbekommen, dass sich ein Mörder an Bord befindet. Er streitet sich mit Käpt’n Preuss um ein paar Offiziere, die Merten suchen sollen. Herr Lehmann bekommt seinen Willen, denn er ist hart und Käpt’n Iglo Preuss ist weich. Das merkt man, weil Herr Lehmann durch die Flure des Zeppelins läuft und dabei düster guckt und noch düsterer sucht. Dabei trifft er auf den kleinen Jungen. Habe ich schon den kleinen Jungen erwähnt? Nein? Dann kommt jetzt der kleine Junge. Der kleine Junge ist der Sohn der flüchtigen Judenfamilie und ein furchtbarer Nervkeks. Er besitzt ein kleines Spielzeugluftschiff und geht mit Hindenburg-Funfacts seiner Umgebung auf den Sack. Er belästigt seine Umwelt mit Hindenburg-Funfacts wie: „Die Hindenburg ist das größte Luftschiff der Welt“ oder „Die Hindenburg ist so groß wie drei Fußballfelder“, denn große Größen werden immer in Fußballfeldern gemessen. So sorgt das Balg auf dem Zeppelin für gehörig Spannung (die wird später noch wichtig) und führt dem äußerst dummen Zuschauer noch vor Augen, das die Hindenburg ganz schön groß ist. Während Herr Lehmann also düster dreinblickend über die Flure huscht, trifft er auf den kleinen Jungen, der gleich einen seiner Hindenburg-Funfacts vom Stapel lässt: „Die Hindenburg ist so groß wie deine Mutter, in ihr hätten drei Airbus A-380 Platz!“ Dann verrät die chinesische Wasserfolter in Menschengestalt dem völlig desinteressierten Herrn Lehmann, dass er mal Zeppelinpilot werden möchte und fragt Herrn Lehmann, ob er denn schonmal Zeppelin gefahren geflogen sei. „Ja“, antwortet dieser missmutig, denn er war bereits Kapitän auf einem Luftschiff. Der kleine Junge ist total beeindruckt und Herr Lehmann sucht düster weiter. Die Hindenburgoffiziere indes sind wesentlich effektiver als die Flughafenpolizei. Denn einer von ihnen findet Merten, der gerade ein paar ominöse Pistazienkerne gefunden hat. Vermutlich ist ein Elefant an Bord; er könnte sich leicht tarnen im grau des Zeppelins. Denn alles ist grau auf der Hindenburg. Die Außenhülle, die Brücke, der Raucherraum, die Gästekabinen. Farbe wird erst die Explosion bringen. Auf einmal haut der Offizier Merten irgendwas schweres an den Kopf und zerohnmächtigt ihn so. Dann kommt er in die Hindenburgeigene Folterzelle.

Unterdessen überbringt ein Offizier Helen die Nachricht, dass ihr Verlobter tot ist. Helen scheint das herzlich wurscht zu sein, denn sie isst gerade mit ihrer Mutter (was soll man auch sonst machen?), während der Clown den Kasper am Klavier macht und mit seiner Sangeskunst die Besatzung in den Wahnsinn treibt. Währenddessen gibt der kleine Junge noch einen Hindenburg-Funfact zum besten („Die Hindenburg ist dreißig Meter kürzer als die Titanic!“). Die Mutter des Jungen wird gerade von einem Luftwaffenoffizier auf’s heftigste beflirtet, doch sie ist verheiratet und ihr Mann ist… irgendwo, mit der Tochter. Vielleicht weiter Führergruß mit dem Hund des Clowns üben.

Merten wird inzwischen einer peinlichen Befragung unterzogen. Das bedeutet, dass ein Gestapo-Mann ihm die Rübe blutig haut, während Herr Lehmann lustlose Fragen stellt. Irgendwann kommt das Thema dann auf die Bombe. Und irgendwie dringt das Thema an Hellen. Und Herr Lehmann sagt, niemand könnte eine Bombe an Bord geschmuggelt haben, denn es sei ja alles durchsucht worden. Und dann fällt Helen ein, dass ihr (nun toter) Verlobter niemanden in seine Zigarrenkiste hat schauen lassen. Also geht’s auf in den Raucherraum, an den Zigarrenschrank. Dort wird die Kiste des Verlobten geöffnet und die Zigarren durchsucht. Und siehe da – in zweien von ihnen ist ein Hohlraum! Und eine Hohlzigarre ist leer, während in der anderen noch eine Stange Dynamit steckt. Ernsthaft. Dynamit in einer Zigarre und das hier ist der RTL-Zweiteiler Hindenburg, kein Daffy-Duck-Cartoon.

Nun wissen die Hauptpersonen: Da ist eine Bombe an Bord! Merten wird freigelassen und darf nun Herrn Lehmann helfen. Der Kapitän gibt eine Durchsage, dass sich die Ankunft in Lakehurst um etwa zwölf Stunden verzögern wird, wir bitten um Entschuldigung, Sänk ju vor Träwweling wis Deutsche Zeppelin.

Die Familie musste sich inzwischen als Juden outen, worüber die Tochter arg betrübt ist. Nachts sitzt sie schmollend im Salon und isst (was sonst). Der Clown kommt und erzählt ihr, dass sie kein Heimweh zu haben braucht, weil Amerika eh viel besser und toller und freier und weniger Regeln und immer gutes Wetter und so. „Aber wir fliegen dann doch weiter nach Argentinien!“, wirft das Gör maulend ein. Ou. Amerika wär toll, aber Argentinien ist ein ziemliches Loch. Und nicht der beste Ort, um sich vor Nazis zu verstecken, in spätestens zehn Jahren sind die eh alle da.

Uff.

Bringen wir das ganze also hinter uns. Merten kommt einem Riesenkomplott auf die Schliche, denn das Auswärtige Amt (wer sonst?) will die Hindenburg sprengen, damit das Heliumembargo aufgehoben wird. Doch der Austausch des gefährlichen Wasserstoffs durch Helium ist nur ein Vorwand, denn eigentlich will Deutschland kein Helium sondern einen Stoff, der in’s Benzin gemixt wird, damit Flugzeugmotoren nicht so schnell den Geist aufgeben. Ganz eindeutig: das sind Kriegsvorbereitungen!

Alle Offiziere an Bord wissen von der Bombe, aber keiner sucht sie, denn bald geht’s an’s Landemanöver, da braucht man jeden Mann, auch Herrn Lehmann. Weil man inzwischen weiß, wann die Bombe hochgehen soll, will man sich beim Landemanöver sputen, um rechtzeitig alle Menschen aus dem Zeppelin zu bekommen, ehe es bumms macht. Supermerten muss jetzt also unbedingt die Bombe suchen, aber vorher beschläft er noch Helen, so viel Zeit muss sein. Auf die Spur des Bombenlegers kommt er schließlich weil er eine Brille findet. Und weil da einer an einer Leiter an der Innenseite der Hindenburgfolie rumklettert. Merten klettert sofort hinterher und jetzt wird es spannend! Beide hängen da so in zehn Meter Höhe in der Hindenburg. Der Bombenbastler tritt nach Merten, doch hat auch Höhenangst. Merten spricht ihm gut zu, doch der Bombenbastler kann die Qualität der Dialoge nicht mehr ertragen und lässt los, in der Hoffnung, die Hindenburgfolie würde seinen Sturz schon abfedern. Tut sie aber nicht, denn die Folie reißt und der Mann, der lernte die Bombe zu lieben, stürzt in die Tiefe (Hindenburg-Funfact: „Die Hindenburg hat eine Reiseflughöhe von dreißig Metern!“).

Merten klettert weiter hoch, macht eine Klappe an der Folie auf und guckt nun aus der Hindenburg ins Freie. Der Zeppelin ist inzwischen in Lakehurst angekommen und fliegt eine scharfe Kurve. Dabei reißt ein Drahtseil im Inneren der Hindenburg und schlitzt ein Loch in einen Gastank, aus dem nun Gas austritt. Merten sitzt derweil auf der Außenhaut der Hindenburg und findet in einer Lasche: La Bomba! Er hat nur noch wenig Zeit! Zwei Drähte lachen ihn an. Welchen muss er ziehen? Den goldenen oder den anderen goldenen? Er entscheidet sich für den goldenen und die Bombe –

ist entschärft. Uff. Jetzt hab‘ ich das aber spannend gemacht, meine Herren! Merten klettert wieder in die Hindenburg und langsam wieder auf den Steg hinunter. Inzwischen werden die Landetaue der Hindenburg abgeworfen und fallen auf lakehurstschen Boden. Dann elektrifiziert sich das Metallgerippe der Hindenburg, was man an den Blitzen sieht, die sich an den Stäben entlangschlängeln. Hier kommt die vorhin erwähnte Spannung ins Spiel. Die Blitze finden das lustige Gasleck und es macht: pif. Dann pof. Dann wumms und die Vorhölle wird zur richtigen Hölle. Merten kann sich mit beherzten Sprüngen gerade so noch retten und die Passagiere hüpfen aus dem Fenster. Der Clown rettet die Tochter der jüdischen Familie, weil ihr der Hund so gut gefallen hat. Der kleine Junge (Hindenburg-Funfact: „Wasserstoff ist leicht entzündlich!“) verliert seinen Spielzeugzeppelin und will ihn retten. Sein Vater sieht das und will seinen Sohn retten, aber beiden ist es nicht vergönnt, zu leben. Der Käpt’n überlebt, Herr Lehmann stirbt an seiner Brandverletzung auf dem Rücken. Merten übersteht alles unbeschadet und Helen muss von Sanitätern versorgt werden.

Dann kommt es zur Schlussszene. Heiner Lauterbach kommt nach Amerika und besucht mit Helen und Merten Helens Vater. Der unterhält sich gerade mit dem deutschen Generalkonsul, der sehr böse ist, denn er hatte den fiesen Plan mit der Hindenbombe. Irgendwann bedroht der Konsul alle mit einer Pistole, wird aber niedergerungen. Vermutlich von Merten. Helens Vater erschießt den deutschen Konsul, dann sich selbst und alle sind glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Fazit: Super Film, echt. Bitte kauft DVDs.

Written by Quax

14. Februar 2011 at 23:04

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Zigarren muss man anzünden

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Brr. Lange hat es gedauert, bis ich mich von dem Schock vollständig erholt habe, der da „Hindenburg“ heißt und letzten Sonntag und Montag auf RTL lief. Den Film habe ich nur mit Alkohol und dummen Kommentaren ertragen, sodass ich „Hindenburg“ nun hier therapeutisch verarbeiten werde. Hatte RTL mit dem teuersten Fernsehzweiteiler des Universums ein heißes Eisen vom Himmel geholt oder war das Katastrophendrama eher heiße Luft?

Zu Beginn sieht man ein brennendes Luftschiff. „Prima“, denke ich, „dann ist der Film ja auch gleich wieder aus“, aber denkste. Denn dann wird vier Tage zurückgespult. Zu Beginn nach dem Anfang sieht man den Helden des heutigen Abends, den Hindenburgkonstrukteur Merten. Eines schönen Sonnentages beschließt er, mit Hilfe seines Freundes (Name vergessen, egal!) mit seinem Flugzeug aus Pappe einen Spritzflug zu machen. Grenzdebil erheben sich Segelflieger und Merten in die Lüfte, nur damit der Heldenpilot sein Fluggerät zielgenau in einen Vogelschwarm steuert. Einer der gefiederten Attentäter vernichtet den Flügel und das Höhenruder des Segelfliegers, woraufhin der Papierflieger abstürzt und fast explodiert wäre, wär‘ er nicht in seinen See gefallen. Am Ufer sitzt BILD-Leserreporterin Helen van Zandt mit ihrer Kamera und knipst die ganze Szenerie. Dann zieht sie sich fast komplett aus und Merten aus dem Teich. Der Gerettete lädt Helen gleich zu einem Ball eines Zeppelinreeders ein, doch das Fräulein macht sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

Auf besagtem Ball spricht der Reeder des Zeppelins Hindenburg und er ist Heiner Lauterbach! Der Heiner spricht über Helium und dass man das braucht für Luftschiffe, weil im Moment werden Zeppeline mit Wasserstoff betrieben und das brennt gerne mal, was bei Luftschiffen eher ungut wäre. Doch die bösen USA weigern sich 1937 noch immer, dem Deutschen Rrreich Helium zu liefern, weswegen man mit gasförmigen Feuerzeugbenzin fliegt. Ja, fliegt. Luftschiffe fliegen. Sie fahren ja eigentlich, wie das jeder weiß, aber nicht mal Zeppelinkapitäne oder -konstrukteure sprechen vom „fahren“ und warum sollte ich das richtig sagen, wenn die das auch nicht tun? Also.

Wie dem auch sei, Merten trifft auf diesem tollen Ball Helen und ihren unwichtigen Verlobten. Helen wird am nächsten Tag mit der Hindenburg nach Amerika fahren fliegen. Denn ihr Vater Herr van Zandt hatte einen Herzinfarkt! Ausgerechnet der einzige Mann, der Helium nach Deutschland exportieren kann! Also auf zum nächsten Tag!

Aus einer Frankfurter Halle wird der größte fliegende Schwellkörper der Welt gezogen, die Hindenburg. In einem kleine Raum in der Lagerhalle steht der Kapitän Preuss und berechnet die Route nach Lakehurst, wo das Luftschiff planmäßig explodieren muss. Mit dabei ist Herr Lehmann, ein Versicherungsvertreter von der Gestapo, der mit seinen freundlichen Mitarbeitern auf dem Schiff ermitteln soll. Käpt’n Preuss mit seiner nervigen Quäckstimme ist davon wenig angetan, willigt aber schließlich ein.

In der Abfertigungshalle werden gerade die Passagiere abgefertigt. Unter ihnen ist ein Mann im weißen Anzug und zurückgegelten Haaren und mit Schäferhund. Er ist der Clown der Überfahrt, der schlimmste Charakter des Films. Sein Hund hat einen tollen Trick, wie er einer vierköpfigen Familie, die vor ihm in der Schlange steht, vorführt. Hält man zwei Finger unter die Nase, sodass es aussieht, als habe man ein Führerbärtchen, ahmt der Köter authentisch den Hitlergruß nach, was das Töchterchen der Familie gleich mal ausprobiert. Das erregt die Aufmerksamkeit zweier Luftwaffenoffiziere. Führerverunglimpfung ist in Nazideutschland natürlich gern gesehen, gerade dann, wenn sie Juden machen. Jawohl, meine Damen und Herren, Vater, Mutter, Sohn und Tochter sind die fliehenden Juden des Filmes, denn ohne geht’s in einem Film mit Nazis nicht.

Der Clown muss am Schalter noch dafür kämpfen, dass sein nationalsozialistischer Hund mitfliegen kann, denn er kommt in den Gepäckraum und er bekommt die Sondergenehmigung, das Vieh regelmäßig zu füttern. Ob er die Töle über die dreißig Zentimeter breiten Stege im Inneren der Hindenburg auch Gassi führen darf, wird leider nicht erwähnt, aber wo soll das Tier auch groß hindefäkieren?

Anderswo im Gebäude will sich Merten auf der Toilette frisch machen. Dort trifft er Helens Verlobten und aus unerfindlichen Gründen springen sich beide an die Gurgel und prügeln sich. Versehentlich sticht Merten seinen Widersacher mit einer Scherbe nieder. Schwer atmend liegt er da in seinem eigenen Blut und muss Merten noch etwas wichtiges mitteilen: „Röchel. Da ist eine Bombe an Bord.“ – „Eine Bombe?“ – „Ja, röchel, blutspuck. Eine Bombe. Röchel!“ – „Wo ist die Bombe?“, fragt Sherlock Merten, doch die Antwort fällt unbefriedigend aus: „Die Bombe befindet röchel sich in röchel blutspuck röchelöchel tot.“ Mit dieser halben Information will Merten nun irgendwas anfangen und rennt prompt in einen freundlichen SS-Mann. Dieser sieht zuerst Merten, dann die Leiche, dann wieder Merten und schließt messerscharf, den Mörder vor sich zu haben. „Sie sind hiermit verhaftet!“, sagt der Herr von der Schutzstaffel und marschiert ab, um Handschellen zu holen. Merten, von der Festnahmeprofessionalität beeindruckt, bleibt verdutzt zurück und verschwindet durch das Toilettenfenster. Kurz darauf öfffnet sich eine WC-Kabine und der Clown im weißen Anzug tritt heraus. Er hat alles mitgehört! Und fährt fliegt trotzdem mit dem Luftschiff und benachrichtigt auch niemanden sonst von der Bombe.

Im Stechschritt eilt der Mann von der Flughafen-SS herbei und ist doch arg enttäuscht, das Merten nicht brav gewartet hat, sondern Fersengeld gab. Seinen Untergebenen gibt er den Befehl zur Suche nach einem Mann mit schwarzen Haaren. Davon wird’s auf einem Flughafen schon nicht so viele geben. Merten läuft derweil über das Flugfeld, klaut sich eine Bedienstetenjacke und mischt sich unter die Flughafenarbeiter. Das macht er besonders unauffällig, denn er ist der einzige, der der seinen Kragen hochgeklappt hat, sich dauernd unsicher umschaut und die anderen Arbeiter um zwei Meter überragt. Den anderen Arbeitern ist’s wurscht, dass da ein Fremder mit unterwegs ist und auch den zwei Polizisten, die dem Arbeitstrupp entgegenkommen, fällt nichts ungewöhnliches an dem Zweimetermann mit dem schwarzen Haar auf. Später melden sie dem SS-Schergen, dass sie den Flughafen komplett abgesucht, aber nichts gefunden hätten. Merten schleicht sich unterdessen über den Bediensteteneingang in die Hindenburg, dann hebt die schwebende Zigarre ab…

Lesen Sie demnächst den zweiten Teil des Gigantodramas Hindenburg! Gleiche Stelle, gleiche Welle.

Written by Quax

13. Februar 2011 at 23:48

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Cool, RTL

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RTL Punkt Zwölf hat schon einen ganz eigenen Sinn für Humor, aber das wissen die RTLler wahrscheinlich nicht einmal. So wie bei einem kleinen Hund, der einen Knochen in seine Hundehütte bringen will, doch der Knochen ist viel zu groß, sodass die Töle immer an der Öffnung hängen bleibt. Drollig eben.

Da steht also dieser RTL-Reporter knietief im Wasser einer vom Rhein gefluteten Stadt irgendwo in Baden und mit -heim am Ende und berichtet, wie die Menschen mit dem Wasser leben und wie erbarmungslos Keller leergepumpt werden, während im Hintergrund zwei Rentner auf ihrer Fernsehcouch durch die Stadt schwimmen. Dann ein Schnitt und Bilder der Feuerwehr, die in Schlauchbooten Anwohner zu ihren Häusern paddelt.

Und dann, hihi, ein Empörungsbeitrag. Wie schlimm sie sind, diese Gaffer und Hochwassertouristen, die nicht helfen und anpacken, nur da rumstehen, gucken und schöne Bilder machen. Empörung, Empörung überall. Und RTL selbst hilft nicht und packt nicht an, steht da nur rum, guckt und macht schöne Bilder.

Aber gut, es gab ja noch andere Beiträge („Horror-Dioxin: Jetzt auch in Schweinen!“), wie der Beitrag über den kleinen Marcel (Name ist dem Autor unbekannt). Der kleine Marcel ist so ca. 20 oder auch nicht und stottert und soll geheilt werden. Zu Beginn muss dem Zuschauer natürlich bewiesen werden, dass der kleine Marcel durch seine Stotterei in seinem Alltag behindert wird. Also zerrt die Reporterin den armen Kerl in ein Restaurant, wo sie eine Gulaschsuppe bestellt, dann muss der kleine Marcel bestellen. Der arme Tropf müht sich ab, die Kamera klebt in seinem Gesicht, während er sich zusammennimmt und unter den stressenden Augen der ungeduldigen Reporterin ein paar Wortfetzen zusammenbekommt. Man sieht, das war sehr schwer für ihn. Und dann kommt diese halbseitig erblödete Reporterin und fragt den kleinen Marcel: „War das sehr schwer für dich?“

Nein, du sprechender Sandsack, war sehr einfach. Himmel!

Written by Quax

11. Januar 2011 at 13:30

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Türchen Nummer sechzehn

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Weihnachten, die Zeit des Kindes. Kinder sind furchtbar. Furchtbarkinder haben Asozialeltern. Denen hilft die Supernanny. Die singt jetzt.

Öffnen wir mit einem Brecheisen also Türchen Nummer sechzehn!

Der Song von Katharina Saalfrank, die für RTL Kinder auf die stille Treppe oder in die Wuthöhle schickt, heißt: Ein Funken Hoffnung. Ich bräuchte: Ein Gläschen Weinbrand. Nicht mal über das Video, den Text oder die Sangeskünste mag ich mich lustig machen, so tief sitzt der Schock in meinen Knochen.

Written by Quax

16. Dezember 2010 at 00:06

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Über- und Schwachsinnliches

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Gestern schrieb RTL Geschichte. Der Sender klärte in seiner Show „Das Medium“, in der ein Medium Kontakt mit den Toten aufnimmt, einen dubiosen Todesfall auf: Uwe Barschel! Durch das Medium sprach der Geist von Barschel mit seiner Frau. Also der Witwe. Und der Geist sprach: „Ich bin ermordet worden!“ Eiderdaus! Was für Fälle werden als nächstes geklärt? Der Misanthropenwald zeigt, wie es weiter gehen könnte.

Ein verregneter Abend in Brookline, Massachusetts, USA, Amerika. Schnell huschen die Geisterdolmetscherin Kim-Anne Jannes und Nathan Harvey Oswald unter die Veranda des verlassenen Anwesens. Das Licht der fernen Straßenlaternen glitzert auf der Pastellfarbe des Hauses, die sich langsam von der Wand schält. Die Fenster sind von innen vernagelt worden, schon vor Jahrzehnten. Ein Blitz zuckt, Donner grollt. In der ferne quietscht ein rostiges Gartentor. Die massive Holztür der Villa ist abgeschlossen, doch das Vorhängeschloss ist ebenso rostig wie die Tür. Nathan H. Oswald holt ein Brecheisen hervor und stemmt mit einem professionellen Ruck die Tür auf. Die beiden Hauptakteure und das RTL-Kamerateam betreten das Anwesen; es ist das Geburtshaus von John F. Kennedy. Nathan Oswald ist der Sohn von Lee Harvey Oswald, dem vorgeworfen wurde, er hätte Kennedy erschossen. Bevor es zum Prozess kam, wurde er selbst über den Haufen geballert. Nathan will Aufklärung, ob sein Vater tatsächlich den Präsidenten umgebracht hat, damals, in Dallas, Texas, USA, usw.

Darum wandte sich Nathan an RTL und die Gespensterflüsterin Kim-Anne. Sie soll mit dem Geist von Kennedy Kontakt aufnehmen und klären, wer ihn damals aus dem Leben füsilierte. Die RTL-Arbeiter bauen unmotiviert ihr Equipment auf. Das Grollen des Donners ist im Gebäude nicht mehr als ein Rummeln. Kim-Anne schließt die Augen und breitet die Arme aus: „Ich spüre… eine Präsenz!“ – „Ist er es?“, fragt Oswald verängstigt. „Wer?“ – „Na, Kennedy.“ Doch eine Antwort kommt nicht. Ihre Gedanken sind längst in der Zwischenwelt, auf der Suche nach dem Subjekt der Begierde.

Plötzlich sackt Kim-Anne zu Boden, sie reißt die Augen auf und den Kopf nach oben, ein feuchtes Röcheln dringt aus ihrer Kehle. Ihr Kopf senkt sich wieder, ihr Blick ist leer. Über ihr scheint sich ein Nebel zusammenzuziehen. Aus der unförmigen Wolke wachsen Arme, Beine, ein Mensch scheint zu entstehen, der über dem Kopf der Geisterdolmetscherin zu schweben scheint. Es ist der Geist von Kennedy.

„Sind sie…?“, fragt Oswald, die Augen weit aufgerissen. „Ich?“, fragt das Wesen aus der Zwischenwelt freundlich. Oswalds glubschende Augen nicken. „Ich bin John Fitzgerald Kennedy, der Präsident.“ Während sich Oswald von dem Schock erholt, stimmen die RTL-TV-Fachkräfte das Licht ab, stecken dem Geist ein Mikrofon an und justieren die Kameras. Nachdem Oswald sich gesammelt hat, beginnt er mit seinen Fragen.

„Was ist damals passiert, in Dallas?“
„Nun, ich war auf Tour und saß in einem Auto. Dann war ich tot.“
„Wissen Sie, wie das passiert ist?“
„Ja.“ Schweigen erfüllt den Raum. Niemand hatte Oswald darauf vorbereitet, dass man einem Präsidenten keine geschlossenen Fragen stellen sollte, auch keinem toten.
„Wissen sie, wie Sie getötet wurden?“, fragt Oswald nach langer Zeit.
„Ich wurde erschossen.“, sagte Kennedy trocken. Sein nebeliger Körper zuckt, die Konturen verschwimmen kurz. Dann sammelt er sich wieder.
„Wer war das, wissen Sie das?“
„Jemand mit einem Gewehr, vermute ich.“
„Haben Sie den Schützen gesehen?“, fragt Oswald aufgeregt, jetzt selber zitternd.
„Nein, wie auch? Übrigens, ich fühle mich, als sei ich gefüllt mir Marmelade!“
Oswald wirkt wie vom Donner gerührt, der Draußen leise grollt und rummelt. „Er weiß es nicht…“ Dann fällt er zu Boden, krampft sich in embryonaler Stammhaltung zusammen und weint.

Mit einem Mal springt Kim-Anne auf, schnappt nach Luft und inhaliert ein Stück Kennedygeist. Dieser verschwindet im ewigen Nirwana der Existenz. RTL packt seine sieben Sachen, schnappt sich das Medium und verschwindet aus den USA. Oswald bleibt wimmernd auf dem Boden des Hauses zurück. Er wird später von der Polizei wegen Vandalismus verhaftet.

 

Zwei Tage später ist das RTL-Team um Kim-Anne im sonnigen Berlin, in Spandau. An ihrer Seite ist ein gut gelaunter Dr. Guido Knopp. Die Rasselbande ist auf dem Weg in das Spandauer Gefängnis um einen weiteren spektakulären Todesfall aufzuklären. Der Gefängnisdirektor nimmt die RTL-Mitarbeiter, die Bekloppte und den Doktor des Journalismus und Hobbyhistoriker mit einem strahlenden Lächeln in Empfang. Persönlich begleitet er die Gruppe in eine mittelgroße, gut beleuchtete Zelle. Während die RTL-Leute aufbauen, verabschieded sich der Direktor und verlässt die Zelle mit einem Liedchen auf den Lippen.

Kim-Anne legt sich auf die staubige Pritsche in der Mitte des Raumes. Nach kurzem Schmatzen schließt sie die Augen und zappelt, als hätte sie an einer Steckdose gelutscht. Unter der Lampe braut sich ein Nebel zusammen, etwas dunkler als der von Kennedy und etwas brauner. Ein mittelalter Mann mit irrem Blick und brauner Uniform schwebt in der Zelle. Es ist Rudolf Heß.

„Herr Heß“, beginnt Dr. Knopp, „Herzlich Willkommen bei ‚Das Medium‘ und meiner neuen zwanzigteiligen Reihe ‚Hitlers Hessen‘. Mein Name ist Dr. Guido Knopp, ich -“
„Heil Führer, mein Hitler!“, brüllt das wuschelige Nebelwesen, „Nein, Fuck! Das hatte ich früher zackiger drauf.“
„Herr Heß, wenn Sie gestatten -“
„Boah, meine alte Zelle! Da werden Erinnerungen wach! Fast schön wie damals, als ich und der Führer und ich in Nürnberg und so.“

Dr. Knopp blickt ratlos auf das Medium, das immernoch auf der Pritsche zuckt. Ein kleiner Speichelfaden rinnt Kim-Anne aus dem Mund. Der Geist von Hitlers Stellvertreter schreitet im Stechschritt durch die Zelle. Abrupt schwebt er zurück zur Zellenmitte und schlägt die Geisterhacken zusammen. Das Geräusch von auf Nebel prallenden Nebel erfüllt den Raum.

„Herr Heß“, beginnt Dr. Knopp nocheinmal, „Ich hätte da ein paar Fragen bezüglich der Umstände ihres Todes.“ Endlich beachtet der Heßgeist Dr. Knopp.
„Jawohl, mein Knopp! Fragen Sie!“
„Wie sind Sie gestorben?“
„Ich kam ums Leben“, antwortet des Führers zweite Mann selbstbewusst.
„Ja. Wie kamen Sie ums Leben?“
„Durch den Tod!“
Dr. Knopp nimmt seine Brille ab und reibt sich die Augen. „So kommen wir nicht weiter.“ Gut gelaunt wippte der Geist hin und her und streckte dabei in regelmäßigen Abständen den rechten Arm nach vorn.
„Herr Heß?“
„Jawohl?“
„Haben sie Selbstmord begangen?“
„Der Führer hat Selbstmord begangen“, weiß Heß stolz zu berichten.
„Wissen wir. Was ist mit Ihnen?“
„Ich bin schon tot“, verkündet Heß stolz, „Damit habe ich Ihnen etwas voraus!“ Der Geist räuspert sich und beginnt ‚Kein schöner Land‘ zu singen.
„Das ist schön, Herr Heß, aber… Herr Heß? Herr Heß! HERR HESS!“
Der Geist fühlt sich unterbrochen: „Was ist?“
„Ihr Tod.“
„Wer sind Sie überhaupt?“
„Ich habe mich doch vorgestellt, ich -“
„Haben Sie überhaupt gedient?“, schreit Heß.
„Was? Das tut nichts zur Sac-“
„Wegen Ihnen bin ich damals ganz für völlig für umme nach England geflogen! Sie Armeeamateur! Was erlauben Sie sich eigentlich!“

Während der Geist von Heß den Dokumentationenmacher mit Schimpftiraden überzieht, gibt Knopp dem RTL-Redaktionsleiter das Signal zum Abbruch. Ein Kabelträger geht zur Pritsche mit der sabbernden, zitternd-zuckenden Kim-Anne und verpasst ihr siebzehn Ohrfeigen. Dann wacht sie auf. Der Geisterheß verschwindet in einer eindrucksvollen Nebelexplosion.

 

So ist das nunmal mit den Geheimnissen der Weltgeschichte. Manche Sachen wird man niemals klären, selbst wenn man mit den Beteiligten spricht. Wenn die RTL-Sendung „Das Medium“ so und nicht anders abläuft, wird’s ein Quotenhit, das gibt’s gar nicht. Barschel, Kennedy, Heß. Caesar, Ökosteuer, CDU-Schwarzgeldspender. Mensch, was das übernatürliche Treiben nicht alles ans Tageslicht fördern kann!

 

Vielen Dank an Gregor, der mich auf die Sendung „Das Medium“ aufmerksam machte und mir die Ideen gab.

Written by Quax

1. November 2010 at 21:19

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Hurra, Mord!

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Wer an niedrigem Blutdruck leidet, dem empfehle ich zwanzig Minuten RTL Punkt Zwölf am Mittag. Ich spüre schon, wie mir die Kapillaren platzen! Ja ja, ich weiß: Auf den Privatsendern rumhacken ist ein alter Hut und deren „Nachrichten“(wenn wir sie mal so nennen wollen)-Sendungen auseinanderzunehmen ist bloßes einrennen von offenen Türen. Trotzdem!

Wo fange ich an? Vielleicht bei der willkürlichen Gesichtsverfremdung – anonymisiert wird nur, wer noch lebt oder nicht in den Knast wandert. Ein Familiendrama, bei dem der Vater seine Frau, seine Kinder und sich selbst erschossen hat? Da hat doch die Öffentlichkeit ein Recht drauf, zu wissen, wie deren Haus und die Familie aussieht! Können sich ja eh nicht mehr gegen die Veröffentlichung ihrer Bilder wehren! Zwei 18-jährige Vierfachmörder? Hey, wir haben deren Bilder von Facebook/Studi-/Schüler-VZ/Myspace geklaut. Denn was für Rechte haben schon Täter, die eh lebenslang bekommen haben und nie wieder ungesiebte Luft atmen werden? Und die Opfer erst! Seit wann haben Tote ein Recht auf Privatssphäre! Die können sich nicht wehren, die Angehörigen trauern/stehen unter Schock und haben andere Probleme, als sich darum zu kümmern. Opfer sind leichte Opfer.

Und zur gleichen Zeit steht der Livereporter vor dem Gerichtssaal und darf, hocherregt und tief betroffen, verkünden, welches Urteil gegen die Mörder verkündet wurde, während deren Bilder nochmal gezeigt werden. Und die der Opfer. Journalistische Sorgfaltspflicht, kann ja sein, dass der Michel die Gesichter schon wieder vergessen hat. Angekündigt werden solche Beiträge von der sehr betroffenen Moderatorin mit „diese Nachricht schockte ganz Deutschland/macht ganz Deutschland wütend:“ und dann kommt die Nachricht, über die sich das ganze Land echauffiert. Zum Beispiel die über die kleine Lena, die von ihrer Mutter nicht gefüttert wurde und verhungerte. Und weil man ja so hervorragend recherchiert: Fotos der Mutter und des Kindes! Weil: die Öffentlichkeit hat ja ein Recht drauf!!!, würde sich wohl die Meute rechtfertigen, früge man sie nach den Beweggründen. 

Und dass es die Öffentlichkeit interessiert, muss natürlich belegt werden, indem man den kleinen Mann von der Straße fragt.  Überraschend erhält man Kommentare, man sei „geschockt“ oder „fassungslos“ und nicht „hocherfreut“ und „sehr glücklich“, dass ein Kind verhungert ist. Welch Erkenntnisgewinn! Denn Volkes Meinung lässt sich wohl nicht besser zeigen, als wenn Volkes unfreiwillige Vertreter vor die versteckte Kamera gezerrt werden. Die bösen Tankstellen nämlich, die uns mit hohen Spritpreisen knechten (Feindbild wird aufgebaut), wollen uns, den gemeinen Deutschen, noch weiter abzocken (Feindbild mindestens auf Hitlerniveau)! Denn (Obacht!) sogar die Druckluft für zum Reifenaufpumpen soll bald Geld kosten (das ultimative Böse)! Und schon fragen sich die gelangweilten Arschlöcher Schelme bei RTL: Was lassen sich die Menschen (der gemeine deutsche Michel, wir erinnern uns, der Gute) denn noch gefallen? Also wird geschwind eine versteckte Kamera aufgebaut und ein Reporter zum Scheibenputzen verdonnert, für das er Geld eintreiben soll. Und während der Reporter den Autofahrern einer Tankstelle auf den Sack geht, steigt der eigene Blutdruck langsam in den letalen Bereich.

Aber nach dem vielen Tod (traurig) und Abgezocke (wütend), kommt nun etwas lustiges (fröhlich ALS OB). Drei Frauen wurden von ein und demselben Schwindler abgezogen und zwar zur gleichen Zeit. Hihi! Natürlich sächselt eine von den Frauen, denn wir müssen ja folgendes Klischee bedienen: Frau (=blöd), Ossi (=blöd), Hartz-IV-Empfang (=blöd), denn zwanzig Jahre nach der Einheit (die ja sonst hochgehalten wird und man sonst doch immer so schockiertschockiert reagiert, wenn eine Umfrage auftaucht, nach der 27% von diesen undankbaren Jammerossis die Mauer wieder wollen – und sich die Besserwessis noch bestätigt sehen) darf man doch noch ein bisschen auf den blöden Ossis (=blödblöd) rumtrampeln, schließlich saugen die nur unnnnnser Geld in den Osten!

Und erst diese unfassbare Heuchelei (im vorigen Abschnitt schon angerissen), die sich auftut, wenn ein RTL-Arsch in der Fußgängerzone steht und keck die unschuldigen Passanten fragt, ob sie wüssten, was in ihrem Essen alles für Zusatzstoffe drinne sind. Dann wird Panik geschoben, dass jeder dieser Zusatzstoffe sofort zum Krebstod führt – und man doch besser Obst isst (bis dann die gefährlichen Machenschaften der Obstbauern aufgedeckt werden, wie Gülle als Dünger – Kacke im deutschen Apfel!) und sich sowieso gesund ernähren soll, was ja ansich ein nobles Ansinnen wär‘, doch dann: Werbung. Und da werden dann genau die Produkte beworben und wohlfeil geboten, vor denen zehn Minuten vorher noch gewarnt wurden.

Ob dieser Heuchelei schießt mir brennende Kotze aus den Augen und wenn ich erst an diese sensationsheischende Berichterstattung denke, beziehungsweise sie ja in diesem Augenblick sehe, da verwandelt sich meine Haut in gallertartigen Hass, o wenn ich nur daran denke, wie tiefbetroffen man sich gibt, obwohl man sich insgeheim freut, dass ein Unglück mit möglichst vielen Toten sich ereignet hat, über das man dann möglichst lange berichten kann, tiefbetroffen, versteht sich, da möchte ich am liebsten schreien, laut und lang bis die Stimmbänder platzen und schaut man sich erstmal die Reihenfolge an, in der diese Beiträge kommen, erst Tod, dann Traurig, dann noch die spannenden Geschichten aus der Welt der Promis und tolle Studien, zum Beispiel die Erkenntnis, dass Schokolade keine Migräne verursacht und dass der deutsche Michel, abgezockt von Tankstellen und Ossis, sich laut einer Onlineumfrage [fuckin‘ sic!] am schlechtesten im Urlaub kleidet und nur der Tommy von der Insel noch hässlicher ist, dann müsste ich sehr lange kotzen, wenn ich denn heute schon etwas gegessen hätte.

Written by Quax

31. März 2010 at 12:20

Veröffentlicht in Polemik

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