Misanthropenwald

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D-D-D-Doppelmoral!

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Keine Woche ohne Kirche, ich hab’s ja gesagt. Aber wer glaubt (und mit dem Glauben hat die Kirche ja auch irgendwie zu tun), dass jetzt was über Mixa, den Schläger von Augsburg, kommt, der irrt. Denn während trotz heftigen Entschuldigungssperrfeuer die Mixafront zusammengebrochen ist und im Missbrauchswald noch heftige Gefechte ausgetragen werden, musste im Frontabschnitt Titanic-Cover eine schwere Niederlage eingesteckt werden.

Wie kömmt’s? Die Staatsanwaltschaft hat entschieden, dass es zu keinem Strafverfahren gegen die Titanic wegen ihres Covers (über das wir erregt berichteten) kommen wird. Es liegt nämlich keine Beleidigung eines Bekenntnisses vor und auch keine Volksverhetzung. Wer ist eigentlich auf den Blödsinn gekommen, dass das Volksverhetzung sein könnte?

Wiedemauchsei, die Steinzeitkatholiken schäumen vor Wut. Und wo der Katholische Nachrichtendienst nur resignierend die Meldung runterleiert, beginnt der wirklich große Spaß erst in den Kommentaren unter dem Artikel. Werfen wir mal einen Blick auf die geballte Toleranz der katholischen Fundamentalisten und romhörigen Ultramontanen!

So schreibt familiesonne:

Ach so, also quasi selbst schuld?
Wie darf ich das verstehen?

Da der öffentl. Frieden durch den Missbrauchsskandal gestört ist, liegt hier also keine Störung mehr vor. Die Kirche ist also quasi selbst daran schuld, dass es zu
s o l c h e n (!) Titelbilder kommt.

Also, das ist unverschämt. Wie heisst die Sprecherin? Wie lautet die E-Mail-Adresse des Presserates?

 Beschweren ist immer gut. Vielleicht muss ich dazu ein wenig ausholen (zu einer Erklärung, keine Sorge, ich will niemanden verletzen. Physisch.), denn der Aufruhr um das Cover begann am 1. April und die Titanic hatte sich den Spaß erlaubt, zu verkünden, sie gehörten nun zum Verlag Gruner+Jahr und hatten dementsprechend auch ihr Impressum verändert und deren Telefonnummer und E-Mailadressen angegeben. Nun kamen die Lämmer vom Katholischen Nachrichtendienst und wollten sich ob des Covers beschweren. Und – ihr ahnt es schon – ohne sich zu fragen, warum so ein Nischenmagazin ausgerechnet am 1. April zu einem renommierten Verlag gewechselt sein soll, riefen alle Empörlinge bei den armen Leuten von Gruner+Jahr an. Zugegeben, ick habe sehr jelacht.

Halten wir fest, wild Schaum spuckend Hassmails verschicken bringt nicht so wahnsinnig viel. Aber wir haben ja noch mehr Kommentare für zum angucken, zum Beispiel Cantate – mit einem Klassiker:

Wieder ein Teilchen im Mosaik !
Ein Teilchen fügt sich zum anderen !
Jetzt wissen wir, wie man einen unliebsamen Bischof zum Rücktritt zwingen kann.
Jetzt wissen wir, was die Presse sich alles erlauben darf, da ja die Christen an allem Übel selbst schuld sind !

Wenn ich jetzt sage: So etwas Ähnliches gab es doch schon einmal — so etwa vor 70 Jahren —- dann werde ich zur „persona non grata“ und werde aller meiner Ämter enthoben !

Puh, fast hätte ich die Durststrecke seit dem letzten Nazivergleich nicht überlebt. Das ist übrigens der vierte Kommentar und schon greift Godwin’s Law. Wir halten mal fest, dass Angst und Paranoia die Runde machen und alle darauf aus sind, die Kirche zu zerstören. Indem eine Satirezeitschrift mit lächerlicher Auflage ein provokantes Cover bringt.

Guiseppe beklagt dagegen die Parteilichkeit der Staatsanwaltschaft:

Dass die Staatsanwaltschaft sich dann noch erdreistet, pauschalisierend und parteiisch vom „Versagen der Kirche“ zu reden, entlarvt geradezu eindrucksvoll ihre Befangenheit.

Das ist auch eine schöne Logik, wenn einem eine Entscheidung nicht passt, ist der Schiedsrichter (oder in diesem Falle Schiedsstaatsanwalt) parteiisch. Gar nicht davon zu reden, dass die Kirche ja gar nicht versagt haben kann bezüglich der Missbrauchsfälle, die wurden schließlich jahrzehntelang hervorragend vertuscht!

Etwas später folgt schon Godwin II, dank loyalbushie:

„Im Westen nichts Neues“
Warum muss ich bloß an Aufführungsverbote des Films „Im Westen nichts Neues“ denken, die damit begründet wurden, dass der allgegenwärtige Terror der Nazis gegen Kinos, die ihn im Programm hatten, ein solches Vorgehen aus Gründen der Sicherheit erfordere?

Ich betreibe selbst eine teilweise wirklich bissige Satireseite, aber selbst da gibt es gewisse Grenzen, die nicht überschritten werden.

Zwei Dinge sollten hier festgehalten werden, erstens: Würde der Vergleich mit dem Aufführungsverbot nicht erst dann hinhauen, wenn das Cover verboten wär? Sollte man mal drüber nachdenken.

Zweitens: Hier erkennt man ein sehr schönes Argumentationsmuster, nämlich die Taktik des „Ich-Hab-Ja-Viel-Humor-Aber“-Argumentierens. Durch den gönnerhaften Verweis, dass man ja selber durchaus Humor habe und gerne auch über schwarzen Humor lachen könne (wobei die meisten, die sich darauf berufen vermutlich keine Ahnung haben, ab wann man von schwarzem Humor sprechen kann), wird die eigene Toleranz gezeigt und der empörliche Gegenstand dahingehend abgewertet, dass er selbst die eigene, äußerst weit gedehnte Humortoleranzgrenze sprenge und somit völlig überzogen und unerträglich sei. Leute, die von sich behaupten, sie hätten viel Humor, haben im Regelfall überhaupt keinen.

Eine weitere Art des Argumentierens ist das „Was-Wäre-Wenn-Sie-Es-Bei-Anderen-Gemacht-Hätten“, die ich zuerst am Beispiel des Kommentars von Spectator zeigen möchte:

Nein, nein …
… eine „Institution“, ach so, was ist denn da bitte eine „Institution“, wenn gegen Priester gehetzt wird? Wenn man gegen Juden hetzen würde, indem man sie als Angestellte der Weltbank oder einer vergleichbaren Organisation zeigt, dann darf man ja hetzen, denn dann geht es ja gegen die „Institution“ … So etwas Lächerliches.

Was wir hier haben, ist zum einen plumper Antisemitismus unter dem (arg zerlöcherten) Deckmäntelchen der feinsinnigen Provokation: Der Jud‘ als Geldwechsler.

Zum anderen sehen wir hier, dass das Cover offenbar nicht verstanden wurde und der Begriff „Institution“ offensichtlich in seiner Definition die Grenzen des Intellekts simpler Gemüter übersteigt.

Aber ich möchte ja das „Bei-Anderen-Trauen-Die-Sich-Das-Nicht“-Argument zeigen, so schreibt Christoph Sanders:

Nun,
dann kann ja ein Satiremagazin auch einen Soldaten der IDF [Israelische Streitkräfte, Anm. Quax] darstellen, der mit der einen Hand einem Palästinenserkind die Leber herausreisst und mit der anderen Hand weissen Phosphor auf die Mutter wirft. Und im Hintergrund klingeln die Schekel.
Satire lebt von Übertreibung und Verzerrung.
Oder geht DAS etwa nicht?

 Man stelle sich einmal vor, das Cover der Titanic neben dem beschriebenen Bild des mordenden Juden (schon wieder die Juden!)  – Feinsinn gegen Martialismus. Satire lebt eben nicht nur von der Übertreibung, sondern auch von der Interpretationsmöglichkeit; nicht umsonst gab sich Titanic-Chefredakteur Leo Fischer gespielt betroffen, als er von der Aufregung erfuhr. Für ihn sei auf dem Bild ein Gläubiger, der sich andächtig dem Kreuze nähert. Mit einer solchen (wenn auch unfassbar beknackten) Aussage kann man Kritiker auf Distanz halten. Stellen wir uns jetzt den leberfressenden, phosphorwerfenden Soldaten Israels vor – wie ist hier die Beleidigung versteckt (und ja, das Cover ist beleidigend – schließlich ist es ein Satiremagazin, verdammt!), na? Überhaupt nicht. Das wäre im Grunde nichts weiter, als plumpe, Platte Kritik, insbesondere noch in einem Themenfeld, das mit der ganzen Causa nicht das geringste zu tun hat.

Also wird einfach eine andere, naheliegende Religionsgruppe zum hinkenden Vergleich herangezogen; dazu sehen wir uns den Kommentar von sonni an:

Aber es tröstet einen, wenn man weiß, daß solche dummen Aussagen auch auf Feigheit beruhen. Man sollte eine Titanic mit Mohammed vorne drauf rausbringen: einen Bombengürtel um den Bauch und jede Hand voll mit von Blut triefenden Menschen. Was die Staatsanwaltschaft dann wohl den muslimischen Mitbürgern sagt?

Und wieder, plump und ungelenk, sowie zu offensichtlich und platt ist die Idee. Viel interessanter ist wohl die Frage, was die böse Staatsanwaltschaft denn dann wohl machen würde? Vermutlich das, was sie bei den Mohammedkarikaturen seinerzeit gemacht haben. Wir erinnern uns, 2005 brachte eine dänische Zeitung zwölf Mohammedkarikaturen raus, die heftige Proteste nach sich zogen, auch in Deutschland, wo einige der Karikaturen nachgedruckt wurden. Damals stießen bei vielen diese Proteste auf Unverständnis, damals sagten viele, dass das Pressefreiheit und Meinungsäußerung sei und eine Gesellschaft dies aushalten müsse. Allzu gerne berief man sich auch auf Tucholsky; Satire dürfe nunmal alles. Fünf lange Jahre musste ich warten, bis endlich der gleiche Fall bei den Wogenglättern eintrat!

Diejenigen, die sich damals auf die Freiheiten beriefen, sind heute die, die das Cover unerträglich finden. So sieht sie aus, die Heuchelei und Doppelmoral der Bornierten und Ewiggestrigen, das gilt nicht nur für Katholiken. Passiert einer Gruppe so etwas, soll sich diese Gruppe nicht so anstellen, passiert etwas ähnliches der eigenen Gruppe, dann ist die Empörung groß und das Geschrei noch größer. Das Messen mit zweierlei Maß, diese Janusköpfigkeit sind Gründe, warum Satire notwendig ist: Um den Angegriffenen genau diese ihre Heuchelei zu zeigen. Dass sie sich tatsächlich einsichtig zeigen und sich ändern, das wird Wunschdenken bleiben. Aber vielleicht wird man ab und zu innehalten und nachdenken, ob die eigene Reaktion angebracht ist oder ob man sich widersprüchlich gibt. Und selbst die Chancen, einen solchen Lernerfolg zu erzielen sind angesichts der Betonköpfe illusorisch und utopisch.

Zum Abschluss, damit dieser Eintrag nicht so depressiv endet, möchte ich meinen Lieblingskommentar auseinander nehmen, Absatz für Absatz. Los geht’s, Bananus:

SKANDAL !!!
Jetzt stimmt es also doch, wir verkommen immer mehr zum totalitär-atheistischen Staat !

Ja, wie schade, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, als die Kirche noch Territorialherrscher war und der Staat sich aus Kirchendingen raushielt. Außer von solchen Kleinigkeiten, wie der Einsetzung der Bischöfe durch den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches oder dass der Kirchenstaat von französischen Truppen beschützt wurde.

Man stelle sich vor, man hätte eine ähnlich Karikatur mit den Mohamedanern gemacht, diverse Anschläge hätte es dann gegeben !!!

Siehe oben. Wir erinnern uns ja noch alle an die Anschläge in Europa, die direkte Antworten auf die Karikaturen waren.

Meiner Meinung nach wurde sehr wohl der öffentlich Friede gestört, da sich das Schundblatt direkt gegen die Kirche Christi als Institution richtet.

Aber, aber! Wir haben doch gelernt, dass man sich gar nicht gegen die Institution gewandt hat!

Unverschämt, wie schnell die Staatsanwaltschaft nicht mehr objektiv ist, damit wird ja auch gegen die Verfassung verstossen finde ich.

Oja, denn objektiv ist nur, wenn ich Recht bekomme. Wenn der andere Recht bekommt, verstößt man gegen die Verfassung, in der in Artikel zwei steht: Ich habe Recht.

Ich persönlich empfinde das Titelbild als Gotteslästerung und Blasphemie, welche als Todsünde schwerer wiegt als angeblich Prügel.

Cover > Prügel. Wieder was gelernt, lieber wild um sich schlagen als malen. In der Bibel steht ja schließlich auch was davon, dass man die andere Backe hinhalten soll un‘ so.

Wer ein Gottloser Sünder ist, kann das natürlich nicht nachvollziehen. Ich werde schleunigst für diese Menschen beten, mehr kann ich als guter Christenmensch nunmal auch nicht unternehmen.

…und ich bin sehr froh, dass Gebete das einzige sind, was er unternehmen kann. Wenigstens schreibt er keine blödsinnigen Mails an Staatsanwaltschaften, den Presserat oder Gruner+Jahr.

Und zu guter Letzt scherzt er noch ein bisschen rum:

DANKE an Kath.net weiterhin für die obektive Berichterstattung, ich finde es gut dasss man wenigstens hier noch richtig informiert wird.

Das möchte ich unkommentiert so stehen lassen. Man liebt halt das, was einem gefällt. Ach, jetzt habe ich’s ja doch kommentiert! Ich Doppelmoralist, ich!

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Written by Quax

24. April 2010 at 12:03

Veröffentlicht in Mischwald

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So hat Gott das nicht gewollt

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Die Titanic hat seit langer, langer Zeit wieder ein Titelbild, das in die Kategorie „hart“ fällt. So gehört sich das ja auch für ein Satiremagazin, vor allem für ein endgültiges. Die Reaktion darauf ist so vorhersehbar wie unverschämt: Beim Presserat wurde Beschwerde eingelegt.

Und zwar nach Ziffer 10, und die besagt:

Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen.

So schreibt es der Katholische Nachrichtendienst.

Jetzt ist die Frage, ob hier mal wieder etwas verwechselt wurde. Ursache und Wirkung zum Beispiel. Und das Bild ist natürlich auch irgendwie falschrum. Der Knabe empfängt nicht…

Aber mal ernsthaft: Was bilden sich diese zwei Beschwerdeführer denn ein? Die halbe katholische Kirche missbraucht, schlägt und vertuscht durch die Weltgeschichte (Irland, Deutschland, further Missbrauchsorte to come) und ihre treuesten Anhänger beschweren sich aufgrund ihrer verletzten Religiösen Gefühle.

Sollten die nicht schon genug gelitten haben, die religiösen Gefühle? Sie sollten darunter leiden, wenn sich eine Organisation, die so gerne die Rolle der moralischen Institution spielt und zu allem eine (zu befolgende) Meinung hat, so mit Schande bekleckert (sic!).

Priester lassen sich einen Blasen, und wenn’s nicht gut war, wird verkloppt, oder wie? Und der Titel ist zu hart?! Wie ein Rohrstock, ja? Oder doch eher wie die Fleischpeitsche?

Die Antwort auf den Skandal lautet doch nicht Beschwerde beim Presserat. Die Antwort lautet Kirchenaustritt. Um an Gott zu glauben, braucht man keine Priester, die gegen die Zehn (und die weltlichen) Gebote verstoßen.

9. Begehre nicht deines nächsten Weib.

Ich meißel einfach mal „und deinen dir schutzbefohlenen Knaben“ dahinter.

Written by Achja

1. April 2010 at 19:49

Veröffentlicht in Polemik, Politik

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Hurra, Mord!

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Wer an niedrigem Blutdruck leidet, dem empfehle ich zwanzig Minuten RTL Punkt Zwölf am Mittag. Ich spüre schon, wie mir die Kapillaren platzen! Ja ja, ich weiß: Auf den Privatsendern rumhacken ist ein alter Hut und deren „Nachrichten“(wenn wir sie mal so nennen wollen)-Sendungen auseinanderzunehmen ist bloßes einrennen von offenen Türen. Trotzdem!

Wo fange ich an? Vielleicht bei der willkürlichen Gesichtsverfremdung – anonymisiert wird nur, wer noch lebt oder nicht in den Knast wandert. Ein Familiendrama, bei dem der Vater seine Frau, seine Kinder und sich selbst erschossen hat? Da hat doch die Öffentlichkeit ein Recht drauf, zu wissen, wie deren Haus und die Familie aussieht! Können sich ja eh nicht mehr gegen die Veröffentlichung ihrer Bilder wehren! Zwei 18-jährige Vierfachmörder? Hey, wir haben deren Bilder von Facebook/Studi-/Schüler-VZ/Myspace geklaut. Denn was für Rechte haben schon Täter, die eh lebenslang bekommen haben und nie wieder ungesiebte Luft atmen werden? Und die Opfer erst! Seit wann haben Tote ein Recht auf Privatssphäre! Die können sich nicht wehren, die Angehörigen trauern/stehen unter Schock und haben andere Probleme, als sich darum zu kümmern. Opfer sind leichte Opfer.

Und zur gleichen Zeit steht der Livereporter vor dem Gerichtssaal und darf, hocherregt und tief betroffen, verkünden, welches Urteil gegen die Mörder verkündet wurde, während deren Bilder nochmal gezeigt werden. Und die der Opfer. Journalistische Sorgfaltspflicht, kann ja sein, dass der Michel die Gesichter schon wieder vergessen hat. Angekündigt werden solche Beiträge von der sehr betroffenen Moderatorin mit „diese Nachricht schockte ganz Deutschland/macht ganz Deutschland wütend:“ und dann kommt die Nachricht, über die sich das ganze Land echauffiert. Zum Beispiel die über die kleine Lena, die von ihrer Mutter nicht gefüttert wurde und verhungerte. Und weil man ja so hervorragend recherchiert: Fotos der Mutter und des Kindes! Weil: die Öffentlichkeit hat ja ein Recht drauf!!!, würde sich wohl die Meute rechtfertigen, früge man sie nach den Beweggründen. 

Und dass es die Öffentlichkeit interessiert, muss natürlich belegt werden, indem man den kleinen Mann von der Straße fragt.  Überraschend erhält man Kommentare, man sei „geschockt“ oder „fassungslos“ und nicht „hocherfreut“ und „sehr glücklich“, dass ein Kind verhungert ist. Welch Erkenntnisgewinn! Denn Volkes Meinung lässt sich wohl nicht besser zeigen, als wenn Volkes unfreiwillige Vertreter vor die versteckte Kamera gezerrt werden. Die bösen Tankstellen nämlich, die uns mit hohen Spritpreisen knechten (Feindbild wird aufgebaut), wollen uns, den gemeinen Deutschen, noch weiter abzocken (Feindbild mindestens auf Hitlerniveau)! Denn (Obacht!) sogar die Druckluft für zum Reifenaufpumpen soll bald Geld kosten (das ultimative Böse)! Und schon fragen sich die gelangweilten Arschlöcher Schelme bei RTL: Was lassen sich die Menschen (der gemeine deutsche Michel, wir erinnern uns, der Gute) denn noch gefallen? Also wird geschwind eine versteckte Kamera aufgebaut und ein Reporter zum Scheibenputzen verdonnert, für das er Geld eintreiben soll. Und während der Reporter den Autofahrern einer Tankstelle auf den Sack geht, steigt der eigene Blutdruck langsam in den letalen Bereich.

Aber nach dem vielen Tod (traurig) und Abgezocke (wütend), kommt nun etwas lustiges (fröhlich ALS OB). Drei Frauen wurden von ein und demselben Schwindler abgezogen und zwar zur gleichen Zeit. Hihi! Natürlich sächselt eine von den Frauen, denn wir müssen ja folgendes Klischee bedienen: Frau (=blöd), Ossi (=blöd), Hartz-IV-Empfang (=blöd), denn zwanzig Jahre nach der Einheit (die ja sonst hochgehalten wird und man sonst doch immer so schockiertschockiert reagiert, wenn eine Umfrage auftaucht, nach der 27% von diesen undankbaren Jammerossis die Mauer wieder wollen – und sich die Besserwessis noch bestätigt sehen) darf man doch noch ein bisschen auf den blöden Ossis (=blödblöd) rumtrampeln, schließlich saugen die nur unnnnnser Geld in den Osten!

Und erst diese unfassbare Heuchelei (im vorigen Abschnitt schon angerissen), die sich auftut, wenn ein RTL-Arsch in der Fußgängerzone steht und keck die unschuldigen Passanten fragt, ob sie wüssten, was in ihrem Essen alles für Zusatzstoffe drinne sind. Dann wird Panik geschoben, dass jeder dieser Zusatzstoffe sofort zum Krebstod führt – und man doch besser Obst isst (bis dann die gefährlichen Machenschaften der Obstbauern aufgedeckt werden, wie Gülle als Dünger – Kacke im deutschen Apfel!) und sich sowieso gesund ernähren soll, was ja ansich ein nobles Ansinnen wär‘, doch dann: Werbung. Und da werden dann genau die Produkte beworben und wohlfeil geboten, vor denen zehn Minuten vorher noch gewarnt wurden.

Ob dieser Heuchelei schießt mir brennende Kotze aus den Augen und wenn ich erst an diese sensationsheischende Berichterstattung denke, beziehungsweise sie ja in diesem Augenblick sehe, da verwandelt sich meine Haut in gallertartigen Hass, o wenn ich nur daran denke, wie tiefbetroffen man sich gibt, obwohl man sich insgeheim freut, dass ein Unglück mit möglichst vielen Toten sich ereignet hat, über das man dann möglichst lange berichten kann, tiefbetroffen, versteht sich, da möchte ich am liebsten schreien, laut und lang bis die Stimmbänder platzen und schaut man sich erstmal die Reihenfolge an, in der diese Beiträge kommen, erst Tod, dann Traurig, dann noch die spannenden Geschichten aus der Welt der Promis und tolle Studien, zum Beispiel die Erkenntnis, dass Schokolade keine Migräne verursacht und dass der deutsche Michel, abgezockt von Tankstellen und Ossis, sich laut einer Onlineumfrage [fuckin‘ sic!] am schlechtesten im Urlaub kleidet und nur der Tommy von der Insel noch hässlicher ist, dann müsste ich sehr lange kotzen, wenn ich denn heute schon etwas gegessen hätte.

Written by Quax

31. März 2010 at 12:20

Veröffentlicht in Polemik

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Die Versager von Vancouver

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Gestern gingen sie zu Ende, die olympischen Winterspiele 2010. In Vancouver. Was waren das für Spiele! In sechsundachtzig Wettbewerben wurden jede Menge Medaillen vergeben, Gold, Silber und Bronze. Im Medaillenspiegel liegt Deutschland mit seinen dreißig Medaillen auf Platz zwei.

Platz zwei

Was für eine Enttäuschung! Umsonst war all das Mitfiebern und Anfeuern unserer „Sportler“, sowohl hier in der Heimat, wie auch drüben in Kanada. Wozu die Mühe machen, den Fernseher einzuschalten? Wozu! Um den Deppen der Nation beim elendigen Versagen zuzuschauen? Um die Nichtsnutzinnen und Nichtsnutzen beim Stolpern, Zittern, Fallen und Umkippen zu beobachten?

Nein! Am Ende zählen die Medaillen. Zehn mal Gold, dreizehn mal Silber und sieben mal Bronze. Insgesamt dreißig mal Edelmetall. Die USA haben 37 Medaillen, Kanada hat 14 Goldmedaillen. Wie man es dreht und wendet, die Schande der Nation bleibt auf dem zweiten Platz in der Medaillenwertung.

Womit haben wir es verdient, dass wir von diesen Berufslosern so bestraft werden? Warum hat das faule Pack keinen Ehrgeiz? „Dabei sein ist alles“ haha, am Arsch! Entweder man gewinnt oder man ist ein jämmerlicher Verlierer. Und wir sind die Gedemütigten! Der Zweite ist der erste Verlierer, das haben diese Hampelmänner und -männerinnen wohl vergessen! Sie sollen es nicht einmal wagen erhobenen Hauptes diese paar Blechscheiben am Band in die Heimat zu bringen! Geächtet sollen diese Nullpen sein, die so große Schande übers Vaterland gebracht haben.

Es ist ein Moment der Erniedrigung, den unsere phlegmatischen Vollversager und Profiverlierer uns bei den Spielen beschert haben. Was fällt denen ein! Das war die größte Niederlage seit dem Ersten Weltkrieg! Wir sind die SPD unter den Sportnationen! Das war doch keine Leistung, das war Scheiße, war das! Wofür pumpen wir eigentlich unmengen an Geldern in den sog. „Leistungs“-Sport, wenn er solche erbärmlichen Resultate liefert?

Zweiter…

Ein anderes Wort für schlecht. Unbrauchbar. Abfall. Womit haben wir sie verdient? Unsere Spitzensportler der Vizerepublik Deutschland.

Written by Quax

1. März 2010 at 15:43