Misanthropenwald

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Superlativistisch!

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Falls es jemand noch nicht mitbekommen haben sollte: Es gab ein Erdbeben in Japan, das löste einen Tsunami aus und der traf wiederum ein Kernkraftwerk, das im moment die Umgebung bekatastropht. Und in der Qualitätspresse überschlagen sie sich vor geil geschlagzeilter Panikmache.

Man fragt sich, wo das enden soll. Bisher kam es ja noch nicht zur Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima I und damit noch nicht zum allerschlimmsten. Aber für die Panikpresse kein Grund, nicht schon mal den Phrasengenerator anzuwerfen und mit Superlativbenzin nachzutanken. So titelt die BILD heute noch vom „HORROR-BEBEN“ und der Express gestern schon von der „ATOM-APOKALYPSE“, woraufhin bild.de heute nachzog mit 

DIE JAPAN-KATASTROPHE ++ HORROR-BEBEN ++ TSUNAMI ++ ATOM-ANGST

Letzteres vermutlich nur, weil die Alliteration mit „Apokalypse“ schon besetzt war. Dafür kann bild.de fragen: „WIRD JAPAN SCHLIMMER ALS TSCHERNOBYL?“, weil eine Stadt eine Stadt ist und ein ganzes Land ein ganzes Land. Wegen der „ATOM-GEFAHR“ (und wie gerne würde man „Apokalypse“ schreiben!) fragt bild.de bange nach der „ANGST VOR DEM STRAHLEN-TOD“ und erklärt, wie Radioaktivität funktioniert.

Uff.

Die schlimmste aller Fragen jedoch: wie reagiert die Börse? Was hat das für Auswirkungen auf Deutschland? Mögliche, von verängstigten Lesern womöglich nie gestellte Fragen werden beantwortet. Soll man in blinden Aktionismus ausbrechen, auch wenn man keiner Regierungskoalition angehört? Nein. Denn bild.de beruhigt, die radioaktive Wolke käme frühestens in zwei Wochen bei uns an und hätte sich bis dahin radiodeaktiviert (oder so). Aber irgendwas müssen wir doch tun! Man könnte prophylaktisch Jodtabletten essen, aber davon rät bild.de lieber ab. Ebenso wie von den Plänen, sich einen Geigerzähler zu kaufen, denn „Privatleute können die Anzeige kaum einordnen und nutzen.“ Nundenn, vor ein paar Jahren war sich BILD nicht zu blöd, das Cockpit eines Flugzeugs abzubilden und seinen Lesern zu zeigen, wie man als Fliegelaie und Malle-Touri ein Flugzeug landet – da wäre eine kurze Anleitung zur Handhabung eines Geigerzählers doch wirklich nicht zu viel verlangt!

Schlimmer als nichts tun zu können, ist nur der Verzicht auf liebgewonnenes und so beruhigt bild.de seine Leser auch zu jenen Fragen, die jedem von uns beim Betrachten der Bilder aus Fernost als erstes durch den Kopf schossen: „Muss ich Angst haben, Fisch zu essen?“ – „Was ist mit Sushi?“ – „Können andere japanische Produkte verstrahlt sein?“ und „Werden Produkte aus Japan jetzt knapp?“

Die Frage, ob man nun vor lauter Wut auf die Energieriesen seinen „Atom-Strom-Vertrag“ [sic!] kündigen solle, antwortet bild.de geschickt linientreu:

Bedenken Sie, dass die Ursache der Katastrophe natürlich war (Erdbeben, Tsunami). Moderne Atomkraftwerke gelten als sehr sicher.

…denn die Japsen bauen nur steinalte Krüppelbauten, gelle?

Aber nicht nur in Deutschland neigt man zur Sensationshascherei, auch unsere Freunde auf der Insel rotieren wie wild, insbesondere das Faktenmagazin Sun schreit: „SECOND NUKE BLAST“ und läuft sich schonmal schreiend im Kreis warm für „Threat of further Megaquake ‚in days'“ – an dieser Stelle ist es dann doch enttäuschend von bild.de, dass wir noch nichts vom „MEGA-BEBEN“ lesen durften, bzw. mussten. Irgendein Hiroshimavergleich darf natürlich auch nicht fehlen, also: „Drowned town ‚is just like Hiroshima'“ und für all die Blöden hat die Sun gleich noch ein Bild von Hiroshima danebengeklatscht. Der Vergleich mit der ersten Stadt, auf die je eine Atombombe fiel, wird natürlich nicht mit Hinblick auf Fukushima gemacht.

Das wäre ja albern.

 

Nachtrag 15.3.11, 8:39 Uhr: Neuer Tag, neue Schlagzeilen. Bei bild.de freut man sich, endlich eine passende Alliteration gefunden zu haben, diesmal „FUKUSHIMA 1 DAS ALBTRAUM-AKW“, optional ginge ja auch „KATASTROPHEN-KERNKRAFTWERK“, aber das lesen wir vermutlich morgen. Inzwischen ist auch derwahre Super-GAU eigetreten: „DRAMATISCHER KURS-STURZ AN TOKIO-BÖRSE“ – furchtbar! Spätestens jetzt kann niemand mehr ruhig schlafen.

Außerdem ließ bild.de nachzählen, was so alles zerstört wurde: „72.945 HÄUSER KAPUTT“, wobei „kaputt“ schon ziemlich niedlich klingt, wenn man sich mal die Bilder ansieht. Fast so drollig, wie ein Sprecher des SWR-Fernsehens, der am Wochenende bewegte Bilder aus Japan kommentierte und angesichts des Zuges, der von den Gleisen geschleudert und mehrere Meter landeinwärts geschleift wurde, davon sprach, dass der Zug „offensichtlich entgleist“ sei. Ja, entgleist.

 

Nachtrag 15.3.11, 8:50 Uhr: Ach, SPON! Fast wärst du vergessen worden, aber jetzt gibt’s eine Fotostrecke mit einem Titel, der von jedem Horrorfilm (bzw. „HORROR-FILM“ für Bildleser) stammen könnte: „Der Tod kam aus dem Meer“

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Written by Quax

14. März 2011 at 19:01

Veröffentlicht in Mischwald

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